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14.02.2001

Nils Petter Molvær: Jazzimprovisationen für den Dancefloor

Nils Petter Molvaer, Nils Petter Molvær: Jazzimprovisationen für den Dancefloor

Mit dem Album "Khmer" gelang dem norwegischen Trompeter Nils Petter Molvær Anfang 1998 die Überraschung des Jahres: sowohl in der Jazz- als auch in der Clubszene sorgte er mit seinem kühnen Grenzgang zwischen intelligenten Improvisationen und zeitgenössischen Dancefloor- Grooves für helle Begeisterung.

Die Progressiven beider Lager fanden in ihm einen neuen Liebling. Daß Molværs überaus gelungenes Experiment kein zeitgeistgesteuerte Seitensprung war, unterstreicht das Nachfolgealbum "Solid Ether", das nun endlich veröffentlicht wird.

 

Daß der Jazz mittlerweile eine wirklich universelle Musik ist, macht einmal mehr die Biographie des Trompeters Nils Petter Molvær deutlich. Molvær wurde 1960 auf Sula geboren, einer kleinen vor der Nordwestküste Norwegens gelegenen Insel, die wahrlich nicht der Nabel der Musikwelt ist. Dennoch kam Nils Petter Molvær durch seinen Vater, einen regional bekannten Jazzmusiker, früh mit den in dieser Gegend damals noch reichlich ungewohnten Jazzklängen in Berührung.

 

Die erste musikalische Station des kleinen Nils Petter war jedoch das Marschorchester seiner Schule. Mit 13 Jahren verlagerte sich sein musikalisches Interesse altersgemäß in Richtung Pop- und Rockmusik. Mit diversen Bands trat er - mal als Bassist, dann als Schlagzeuger oder Keyboarder - bei Schulveranstaltungen sowie in lokalen Clubs und Diskotheken auf. Positiv beeinflußt durch die Jazzplattensammlung seines Vaters, entschied sich Nils Petter Molvær nach einiger Zeit, auf die Trompete umzusatteln und eine professionelle Musikerlaufbahn anzustreben.

 

1979 verließ er deshalb Sula, um am Konservatorium in Trondheim Musik zu studieren. Neben der formalen Ausbildung fand Molvær natürlich auch immer Zeit, mit seinen Mitschülern und anderen Musikern zusammenzuspielen. Es dauerte nicht lange, bis er in diesen Kreisen auf sich aufmerksam gemacht hatte. Schon 1981 gab er sein Studium wieder dran, um sich ganz aufs Spielen (die eigentliche Schule eines jeden Musikers) zu konzentrieren. Eine logische Konsequenz von Molværs Entscheidung war 1982 sein Umzug nach Oslo, ins Zentrum der norwegischen Jazzszene.

 

Zu diesem Zeitpunkt hatte Nils Petter Molvær schon zu einem sehr persönlichen Sound auf der Trompete gefunden und sich zu einem Geheimtip entwickelt. Sein eklektischer musikalischer Background (zu seinen Haupteinflüssen zählt er u.a. Miles Davis, Don Cherry, Billie Holiday, Brian Eno, Joni Mitchell und Bill Laswell) und sein natürliches Interesse für sowohl akustische als auch elektronische Musik machten ihn bald zu einem gesuchten Musiker in Oslo. Internationale Jazzgrößen wie Elvin Jones, George Russell, Gary Peacock und führende skandinavische Improvisationskünstler luden Molvær ebenso zum Zusammenspiel ein wie die Stars der norwegischen Popszene der 80er Jahre.

 

Gut ein Jahrzehnt - von 1982 bis 1992 - war Molvær Mitglied zweier herausragender skandinavischer Jazzensembles, die Aufnahmen auf ECM veröffentlichten: Arild Andersens Masqualero (mit Jon Christensen, Jon Balke und Tore Brunborg) und Jon Balkes Oslo 13. Im gleichen Zeitraum beschritt er mit dem Jazzpunkensamble auch gänzlich andere musikalische Wege. Mitte der 80er Jahre begann er die langjährige Zusammenarbeit mit zwei herausragenden weiblichen Persönlichkeiten der skandinavischen Szene: der Sängerin Sidsel Endresen und der dänisch-amerikanischen Percussionistin Marilyn Mazur. Auch mit Django Bates' furioser Bigband Delightful Precipice war Nils Petter Molvær in den 90ern gelegentlich auf Tournee.

 

Neben den Jazzgrößen, von denen man viele (siehe Tracklist!) auf der Doppel-CD "Ronnie Scott's 40th Anniversary: Some of my best friends?" wiederfindet, traten in diesem einzigartigen Club auch stets Künstler wie Tom Waits, Linda Lewis, Elkie Brooks, Eric Burdon, Paul Rodgers, Jack Bruce oder die Notting Hillbillies (featuring Mark Knopfler) auf.

 

Sein Debüt als Leader gab der Trompeter jedoch erst im gereifteren Alter von 37 Jahren. Die ersten Ideen für sein aufsehenerregendes "Khmer"-Projekt entwarf Nils Petter Molvær 1993 zuhause am Computer. Gemeinsam mit dem Toningenieur und späteren Koproduzenten Ulf W.Ø. Holand entwickelte er diese Ideen im Osloer Lydlab-Studio weiter, bis das Projekt 1995 konkrete Formen annahm. Eine Auftragskomposition für das "Voss International Jazz Festival" gab Molvær die Gelegenheit, mit Musikern seiner Wahl zusammenzuarbeiten und aufzutreten: er entschied sich für den Gitarristen Eivind Aarset, den Bassisten Audun Erlien, die beiden Schlagzeuger Rune Arnesen und Per Lindvall sowie den Turntable-Spezialisten DJ Strangefruit.

 

Das Album "Khmer" (ECM 537 798-2) wurde im Januar 1998 von ECM Records herausgebracht und mauserte sich schnell vom absolut heißen Insider-Tip zu einem wahren Knaller, der sowohl in der Jazzszene als auch in angesagten Dancefloor-Clubs für Furore sorgte. "Khmer" bot eine bis dahin nie gehörte Verbindung aus Improvisationen mit atmosphärischen Klängen und treibenden Beats. Die fantastischen Remixes (nie zuvor hatte das ECM-Label Remixes eines Künstlers produziert!!!) von The Herbaliser, Rockers Hi-Fi, Mental Overdrive, Mother Nature's Cloud und Shower Show transportierten die abenteuerlichen Klänge an die Spitze der Club-Charts. Schon jetzt gilt das erste "Khmer"-Album als Klassiker seiner Art und ebnete anderen norwegischen Künstlern (z.B. Bugge Wesseltoft's New Conception Of Jazz, Audun Kleive, Jon Balke's Magnetic North Orchestra und Wibutee), die vergleichbare Crossover-Experimente wagten, den Weg zum Erfolg.

 

"Khmer" wurde von der amerikanischen Zeitung L.A. Weekly zum Jazzalbum des Jahres 1998 gekürt, erhielt im selben Jahr den Preis der Deutschen Schallplattenkritik und das norwegische Äquivalent des Grammy.

 

Zwei Jahre sind seit der Veröffentlichung dieses bahnbrechenden Werkes vergangen. Eine Zeit, in der Nils Petter Molvær sein Album mit weltweitem Erfolg live auf den Bühnen von trendigen Clubs und großen Festivals präsentiert hat. So war er etwa Gast in Montreux, beim North Sea Festival und Jazz Baltica, in Leverkusen, Roskilde und Vienne, beim JVC Festival in New York, den Jazzfestivals in Washington und Montréal.

 

Nun wird endlich das langerwartete Nachfolgealbum von "Khmer" erscheinen! Sechs Monate Arbeit hat Nils Petter Molvær in "Solid Ether" gesteckt. Nachdem er mit den "Khmer"-Musikern das Basismaterial im Osloer Rainbow Studio eingespielt hatte, machte sich Molvær gemeinsam mit Ulf W.Ø. Holand und Reidar Skår ans Editieren und Abmischen. Auch einige Remixe des neuen Songmaterials wurden von Bill Laswell (sic!), TeeBee, Mental Overdrive und Tommy Tee schon fertiggestellt.

 

Sein Konzept hat Nils Petter Molvær für "Solid Ether" mutig erweitert. Das Ergebnis ist ein Album, das die kraftvolle Faszination seines Vorgängers übertrifft. Musikalisch noch vielseitiger als "Khmer", enthält "Solid Ether" packende Beats und avantgardistische Improvisationen sowie eingängige, melodische Songstrukturen.

 

Auf einem eigenen Label Imprint will Nils Petter Molvær parallel zum Album in regelmäßiger Folge eine Reihe von Remixes der "Solid Ether"-Tracks auf Vinyl-Maxi veröffentlichen. Die ersten, bereits vorliegenden Remixe vom britischen Shooting-Star Herbert setzen gleich Maßstäbe für all die anderen Remixer, die sich an den neuen Titeln von Molvær austoben wollen! Die von Herbert bearbeiteten Versionen von "Mercyful" und "Solid Ether" werden Clubgängern schon bald das Chill-out bei House-Parties versüßen. Die 10"-Scheibe dürfte ab Mitte Mai die Clubszene durcheinanderwirbeln. Auch Bill Laswell, TeeBee, Mental Overdrive und Tommy Tee haben sich schon des neuen Songmaterials angenommen. Ende des Jahres sollen die besten Remixe dann weltweit auf einer "Solid Ether"-Remix-CD herausgebracht werden.

 

Bis Ende Juli wird Nils Petter Molvær mit dem neuen "Khmer"-Programm noch auf Tournee durch Skandinavien, Island, Frankreich, Deutschland, Österreich, Portugal, Italien und Großbritannien sein. Im Oktober hat er Japan und Taiwan im Visier.


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