Biografie
Biographie Noa & Mira Awad
“There Must Be Another Way” des israelischen Duos Noa und Mira Awad beim 54. Eurovision Song Contest: eine mehr als nahöstliche Botschaft des Friedens
Israels Songs für den Eurovision Song Contest (ESC) hatten oft eine Botschaft des Friedens – sie war meist allgemein gehalten und fand in Europa mal mehr, mal weniger Gefallen. Aus dem einzigen Land des Nahen Ostens, das am ESC seit 1973 teilnimmt, kamen drei Sieger – und sie alle standen in ihrem Land für den Wunsch, sich dem geographischen Europa als popmusikalische Plattform zu präsentieren, auf der außergewöhnliche Acts beheimatet sein können. 1998 war es die transsexuellen Dana International, die mit “Diva” gewann – gegen alle Erwartungen und sehr zum Verdruss der ultraorthodoxen Männer und Frauen in Israel. Dana International widmete ihr Lied ihrem Land zu dessen 50. Geburtstag. Kurz nach dem ESC 1999 in Jerusalem begann dort die zweite Intifada der palästinensischen Bevölkerung gegen Israel. Seither sind Israels Songs beim ESC eher von zahmer Strickart – der diesjährige allerdings, der sich am 12. Mai in Moskau zunächst für das Finale am 16. Mai in der Olympiahalle der russischen Hauptstadt qualifizieren will, dieser Song hat in Israel für Aufruhr gesorgt.
“There Must Be Another Way” wählten die Zuschauer dieses Vorentscheids mit überwältigender Mehrheit zu jenem Song, der das Land im Mai in Moskau vertreten soll. Dieses Votum kam einem eindeutigen Statement gleich: Während der Tage, als Mira Awad und Noa mit dem Ticket nach Moskau versehen wurden, bombardierte die israelische Armee den von Palästinensern bewohnten Gazastreifen, um die Aggressionen gerade fundamentalistischer Palästinenser zu stoppen. Der Clou: Noa (eigentlich: Achinoam Nini) und Mira Awad sind beide israelische Staatsbürgerinnen, die erste allerdings ist jüdisch, die andere arabisch. Noa ist eine weltbekannte Jazz- und Folkmusikerin, Mira Awad eine vor allem in arabischen Communities Israels populäre Schauspielerin und Sängerin. Noa und Mira sind für diesen Act nicht eigens gecastet worden. Beide haben für Noas Album “Now” vor sieben Jahren den Beatles-Klassiker “We Can Work It Out” gecovert. Beide mögen sich, beide schätzen sich, beide freuen sich auf den Tripp nach Russland.
Und beide haben aktuell eine Menge Kritik in ihrer Heimat auszuhalten. Die israelische Friedensbewegung warf dem Sender IBA, für den Eurovision Song Contest zuständig, vor, mit den beiden ein Duo ausgesucht zu haben, das in Moskau in Sachen Israel nur Schönfärbereien verbreitet. Denn das friedliche Zusammenleben von Juden und Arabern in Israel sei keineswegs harmonisch, sondern unfriedlich, ja, seitens der jüdischen Mehrheit von Hochmut gekennzeichnet. Auf Mira Awad prasselte Kritik, die immer wieder meinte, sie kollaboriere mit dem jüdischen Feind, mit der israelischen Mehrheit, die die arabische Minderheit unterdrücke. Außerdem sei “There Must Be Another Way” süßliche Propaganda für die Kritik, denn obendrein sei das Duo während des Gazakriegs ausgewählt worden.
Das ist, fragt man Noa und Mira Awad, ganz schön viel Zorn auf einen Popsong. Noa findet, dass sie keineswegs auf die Reise nach Moskau verzichten werde, nicht allein, schon gar nicht mit ihrer Kollegin Mira Awad. Die meint, sie bedrücke die Kritik, andererseits sei der Song, die Kooperation mit Noa ein Beispiel, wie ein friedliches Zusammenleben in Israel funktionieren könne – ohne viel Tamtam. Einfach so, weil es gut ist und weil es passt.
Für beide ist der Auftritt in Moskau die Chance überhaupt, sowohl dem geographischen Europa wie ihren Leuten im eigenen Land zu demonstrieren, dass es nicht schwer ist, mit der Liebe zur Musik miteinander gut auszukommen. Dass ihnen gerade an dieser Botschaft liegt, verdeutlicht besonders, dass das Lied, markant durch beider Stimmen, ursprünglich von Gil Dor auf Englisch geschrieben wurde – Noa wie Mira Awad bestanden aber darauf, dass sie die Refrains auf Arabisch und Hebräisch singen dürfen. Dichteten die Verse um – und ernteten frenetischen Applaus bei der israelischen Vorentscheidung für Moskau, als die arabische Israelin Mira Awad Hebräisch sang, Noa, die jüdische Israelin, Arabisch: Der Sieg mit diesem Lied war ihnen nicht mehr zu nehmen.
Die Anfeindungen im eigenen Land, sagen beide, sind vielleicht der Preis des Neuen: Dass man nicht mehr übereinander redet, sondern am besten miteinander singt. Noa und Mira Awad beweisen, dass das nicht im puren Schönklang gehen, sondern gerade bei dieser weltmusikalisch beeinflussten Nummer so geht, dass ein Moment des Staunens beim Hören übrig bleibt: Besseres hat Israel lange nicht zum ESC entsandt!

