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10.03.2010

Der südamerikanische Jesus

Osvaldo Golijov, Der südamerikanische Jesus © Carolyn Irby

Das Faszinierende an großen Geschichten ist, dass sie immer wieder inspirieren. Die Passion Jesu Christi ist eine dieser zentralen Erzählungen der Menschheit. Sie hat bereits Komponisten vom Range Johann Sebastian Bachs dazu veranlasst, zwei der Evangelien-Texte in bewegende Oratorien zu verwandeln. Aus Anlass des 250.Todestages des barocken Genies nun wagte die Internationale Bachakademie Stuttgart im Jahr 2000 ein Experiment. Sie gab eine neue Vertonung aller vier Evangelien in Auftrag, die aus dem Geiste Bachs in die Gegenwart führen sollte. Neben Sofia Gubaidulina, Wolfgang Rihm und Tan Dun stellte sich auch Osvaldo Golijov der Herausforderung und schuf „La Pasión Según San Marcos“, die bei der Uraufführung mit einer halben Stunde begeisterter Ovationen durch das Publikum bedacht wurde. Im Jahr 2008 wurde das mitreißende Werk in Venezuela aufgenommen. Es erscheint nun zusammen mit einer DVD-Aufzeichnung vom Holland Festival 2008 in einer bild- und klangopulenten Box.

Es war auch eine große Chance, denn schließlich ging es nicht darum, die Leidensgeschichte Christi in den musikalischen Formen Bachs nachzubereiten, sondern den Esprit der Beschäftigung mit dem Thema einzufangen. Der in den USA lebende Osvaldo Golijov, dessen jüdische Wurzeln bis in seine Geburtsland Argentinien, nach Osteuropa und nach Israel zurückreichen, konnte sich aus einer ungewöhnlichen Perspektive dem Markus-Evangelium nähern, die zum einen die christliche Sicht, darüber hinaus aber auch viele weitere kulturelle Traditionen in sein modernes Oratorium einfließen ließ. „Bei dieser Passion geht es vor allem um die Darstellung eines dunkelhäutigen Jesus, er soll kein blasser Europäer sein ... Es ist eine Beschreibung der letzten Tage Jesu aus lateinamerikanischer Sicht“.Seine Markuspassion hat ihre Referenzen über den Originaltext hinaus auf den Straßen Südamerikas, im Alltag der Menschen, die eine der größten christlichen Gemeinden der Erde bilden, darüber hinaus aber lange schon eigene Ausdrucksformen an die Musik und die Überlieferung herantragen. Dabei ist Osvaldo Golijov ein Kunststück gelungen. Zum einen hat er ein großes Inventar musikalischer Möglichkeiten zur Verfügung, Orchester und Chor, Solo-Stimmen und Latin-Perkussion, die an sich bereits eine Fülle der Klangfarben suggerieren. Darüber hinaus aber ist er in der Lage, die verschiedenen Entwicklungsstränge der Musik überzeugend und ohne Brüche zusammen zu führen. Er kombinierte Orchestrales im Stil der amerikanischen Minimalisten mit Salsa-Klängen, rhythmisch begleiteten Chor mit Streichquartett, Verbales mit tänzerischen Passagen.

„In einigen Abschnitten“, erläutert Osvaldo Golijov die dahinter stehende Intention, „etwa bei der Rumba mit den Löffeln, wird es vollkommen verrückt. Und dennoch hat jeder Abschnitt einen Schwerpunkt, der durch ein Schlaginstrument oder eine Gruppe von Schlaginstrumenten symbolisiert wird. Der Capoeira-Tänzer wird von einem Schlagzeuger auf einem Berimbau begleitet. Capoeira ist eine faszinierende brasilianische Kampfkunst, die die Sklaven aus Afrika mitgebracht haben, einfach wunderschön.“ So setzt sich die „Pasión Según San Marcos“ mit der CD-Version ebenso wie mit der auf DVD festgehaltenen Aufführung in Amsterdam in faszinierender Vielfalt aus unterschiedlichen Impulsen zusammen, die von der Passions-Geschichte Christi getragen einen ebenso zeitgemäßen wie außergewöhnlichen Blick auf einen Stoff bieten, der die Menschheit seit zwei Jahrtausenden beschäftigt. Weitere Information gibt es hier.


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