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15.10.2004

Media vita in morte sumus

Paul McCreesh, Media vita in morte sumus

Zum 300. Todestag von Heinrich Ignaz Franz Biber hat sich Paul McCreesh etwas Besonderes einfallen lassen. So wie im Barock Leben und Tod in der Kunst eng beieinander lagen, kombiniert auch der britische Orchesterleiter und Musikhistoriker Messe und Requiem in einem Programm. Die Kompositionen stammen von Biber und dessen Zeitgenossen und werden vom Gabrieli Consort & Players raffiniert zu einem Programm verknüpft.

Seit den Pestzügen im späten Mittelalter war den Menschen die Nähe von Leben und Tod gegenwärtig. So wie jemand von einem Tag auf den anderen vom blühenden Dasein ins Verderben gerissen werden konnte, so war auch in vielen Kunstformen von der Literatur bis zu den gemalten Totentänzen der Gegensatz von Dies- und Jenseitigem präsent. Verheerende Katastrophen wie der Dreißigjährige Krieg brachten dieses Gedankengut auch in den folgenden Jahrhunderten wieder nachhaltig in Erinnerung. Der Barock, bekannt für das versierte Spiel mit der Camouflage, sublimierte dieses Lebensgefühl in immer neuen Variationen. Je höher jemand stand, desto ausgeprägter war die Contenance, mit der das unmittelbare Gefühl in eine gesellschaftlich tragbare Äußerung verwandelt wurde.

 

Manch einer ließ sich gar zu Lebzeiten Nachrufe und Requien schreiben, um auf den äußersten Fall entsprechend vorbereitet zu sein. Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704) jedenfalls erlebte Glanz wie Tod in vielfacher Hinsicht. Auf der einen Seite musste er im Laufe der Jahre den Tod von sieben seiner elf Kinder miterleben. Auf der anderen war er einer der angesehensten Violinvirtuosen seiner Zeit. Er spielte mehrmals am Hofe Kaiser Leopold I. und wurde für seine Verdienste 1690 sogar in den Adelstand erhoben. Auch an seiner Arbeitsstätte Salzburg schätzte man ihn sehr. Er brachte es 1684 zum Hofkapellmeister und wurde vom Erzbischof acht Jahre später zum Truchsess ernannt als höchste weltliche Ehre, der man zuteil werden konnte. Tatsächlich komponierte er außergewöhnliche Werke wie die 53stimmige Missa Salzburgensis, die für damalige Verhältnisse die Polyphonie an die Grenzen der Umsetzbarkeit brachte.

 

Der Normalfall seiner Arbeit jedoch bestand in Gebrauchstexten für den kirchlichen Vollzug wie die "Messe in B-Dur" oder auch das "Requiem in f-moll", dessen unmittelbarer Anlass unbekannt ist. Paul McCreesh hat sie für das Jubiläumsprogramm zum 300.Geburtstag des Komponisten kombiniert und mit einigen Passagen von Zeitgenossen wie Georg Muffat, Abraham Megerle und Vorläufern wie Johann Heinrich Schmeller und Orlandi di Lasso kombiniert. Das Resultat ist ein außergewöhnlicher Streifzug durch die kirchlichen Empfindungswelten des Barocks, der das Spektrum von Sehnsucht bis zum Gloria abbildet.

 

Um dem möglichen Klangempfinden der damaligen Zeit nahe zu kommen, experimentieren die Gabrieli Players für diese Aufnahme mit reinen Darmsaiten, ungewöhnlichen Stimmungen und Streichtechniken, die ein authentischeres Klangbild als mit modernen Instrumenten ermöglichen. McCreesh ist sich dabei der Aporien des Verfahrens durchaus bewusst: "Ob Bibers Streicherensemble tatsächlich so spielte, werden wir wohl nie erfahren, aber unser Versuch wird vielleicht weitere Diskussionen und Experimente anregen", meint er mit Hinweis auf die Modifikationen den Klangkörpers. Fest steht, dass die Aufnahme von Biber Requiem zu den eindrucksvollen und gelungenen Beispielen gehört, die akustischen Hör- und Empfindungslandschaften des Barocks nachvollziehbar zu machen.


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