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04.01.2006

Eine besondere Liebeserklärung

Paul McCreesh, Eine besondere Liebeserklärung © Sheila Rock/DG

Mozart hatte viel Bach gehört. Der mit ihm befreundete Baron Gottfried van Swieten hatte ihm einige berühmte barocke Partituren aus der Feder des Leipziger Meisters, von dessen Söhnen und aus Händels Werkstatt zum Studium überlassen. Der junge Komponist war fasziniert von den Kunstwerken der Vergangenheit und arbeitete einige der Gestaltungsideen seiner Vorgänger in die Große Messe c-Moll KV 427 (417a) ein. Doch trotz seines Feuereifers blieb das Werk unvollendet, jedenfalls fehlen bis heute ein Teil des Credos und das Agnus Dei. Somit fällt die Messe ein wenig kurz aus, ein vermeintliches Manko, das der Barock-Spezialist Paul McCreesh durch die Hinzunahme einer Arie Joseph Haydns und des "Ah! Perfido op. 65" Ludwig van Beethovens zu einer Neuaufnahme mit dem Gabrieli Consort & Players ausgleicht.

Die Wahl lag für McCreesh nahe, denn die "c-Moll Messe ist Mozarts am stärksten vom Barock geprägtes Werk. Er orientiert sich deutlich an der Vergangenheit, zumindest in den Chorsätzen, von denen manche in einem 20 bis 30 Jahre zurückliegenden Stil komponiert sind. Neben dem Einfluss von Bach ist so viel Händel in der Messe wahrzunehmen, und für Mozart wie für Haydn war Händel der Barockkomponist par excellence, mehr noch als Bach, dessen Musik nicht so populär war. So entstehen diese faszinierenden Kontraste: auf der einen Seite die Flexibilität, die liebliche Sinnlichkeit der Vokalsoli, in den Sopranen mit jener frischen, lebhaften und geradezu instrumentalen Schreibweise, die Mozart so liebte; auf der anderen Seite die monumentalen, fast barocken Chorsätze mit ihren statischen Akkorden und oft nur langsamen harmonischen Fortschreitungen". Gräbt man noch ein wenig tiefer in der Entstehungsgeschichte der c-Moll Messe, dann bieten sich weitere wichtige Kriterien, die für das Verständnis des Werkes von Belang sind. So hatte Mozart beispielsweise wenige Monate vor dessen Entstehung im August 1782 die von ihm geliebte Constanze Weber geheiratet und die Liaison mit einem persönlichen Gelübde verknüpft, eben eine Messe zu schreiben, wenn die Liaison zustande käme. Da seine Angetraute einen strahlenden Sopran hatte und bei der Uraufführung des (nicht ganz vollständigen) Werkes im Oktober 1783 in der Salzburger Peterskirche die Solopartie übernahm, lässt sich auch erklären, warum gerade diese Partien mit besonderer Sorgfalt gestaltet wurden.

Über die Umstände der Premiere selbst ist auch einiges bekannt. Mozarts ehemaliger Dienstherr, der Fürsterzbischof Colloredo hatte aufwändige Messevertonungen untersagt und so musste der Komponist auf die Peterskirche ausweichen, die nicht unmittelbar im Einflussbereich des geistlichen Potentaten lag. Einzelheiten über die Instrumentierung und Besetzung der Aufführung sind nicht bekannt, sie können daher nur nach Plausibilitätsgründen rekonstruiert werden. McCreesh entschied sich für ein nach heutigen Maßstäben großes Kammerorchester, schon weil Mozart von seinen Reisen her mit solchen Besetzungen vertraut gewesen sein musste und die Messe nach den besten ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten umsetzen wollte. Die Aufnahmen selbst entstanden im Oktober 2004 in den Walthamstow Town Hall mit den Sopranistinnen Camilla Tilling und Sarah Connolly als Solistinnen. Sie wurden auch für die prominenten Partien der beiden die Messe ergänzenden Werke ausgewählt. Connolly übernahm die Solo-Stimme von Joseph Haydn Berenice, che fai? Hob. XXIVa:10 und ihre Kollegin die entsprechende Passage in Ah! Perfido op. 65 von Ludwig van Beethoven, beides dramatische Kantaten aus der späten Blütezeit des eigentlich bereits vergangenen Barocks. Beide greifen auf Texte des beliebten Librettisten Pietro Metastatio zurück und handeln von verlassenen Frauen, die dem Zorn über ihre missliche Situation freien vokalen Lauf lassen. Mit mal verspieltem, mal dunklem Pathos runden sie das musikalische Gesamtbild der Neuaufnahme von Mozarts geistlichem Werk ab und führen es zurück in die weltlichen Sphären, denen der Salzburger Sohn mindestens ebenso zugetan war wie der spirituellen Emphase.


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