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Paul Motian, New York Days, 00602517727151

New York Days

Format:
CD
Label:
ECM Records
VÖ:
30.01.2009
Bestellnr.:
00602517727151
Produktinformation:

Im Herzen des italienischen Trompeters Enrico Rava hat New York immer schon einen besonderen Platz eingenommen, und dies nicht nur, weil die Stadt seit langem den Ruf genießt, die Welthauptstadt des Jazz zu sein. Nachdem der 1939 geborene Rava in der ersten Hälfte der 60er Jahre Gato Barbieri und Steve Lacy bei ihren musikalischen Abenteuern in Europa begleitet hatte, folgte er den beiden 1967 nach New York. Die folgenden sechs Jahre mischte er dort bei den revolutionären musikalischen Umwälzungen jener Ära mit, beteiligte sich an einigen Aufnahmen, die Jazzgeschichte schrieben, und gründete auch seine erste eigene Band. In New York fand Rava, der heute als einer der Architekten der europäischen und mehr noch der speziell italienischen Improvisationssprache gilt, außerdem zu seiner wahren musikalischen Identität. Dennoch: der amerikanische Jazz, der seine erste Liebe war, wird wohl auf ewig einer seiner Hauptbezugspunkte bleiben. Wenn er über die Einflüsse spricht, die seinem im Februar 2008 in New York aufgenommenen Album “New York Days” zugrundeliegen, dann hebt Rava vor allem zwei Musiker hervor: Duke Ellington und Miles Davis. Ellington, weil er Musik zu schreiben verstand, die “speziell auf die individuellen Musiker zugeschnitten war”, und Miles, weil er “niemals zuviel schrieb”. Das Motto war im Prinzip, nur wenige, aber wohl gewählte Noten zu finden, und darüber hinaus eine Menge Vertrauen in die Musiker zu haben, die sie spielen sollen. “Ich gebe die Melodien und Akkorde vor sowie ein paar Leitlinien für die Arrangements... und wenn die Musiker dann auf die Idee kommen, etwas anderes zu spielen, macht mich das glücklich”, verrät Enrico Rava. “Das Schöne an dieser Musik ist ja gerade ihr Überraschungspotential.” Saxophonist Mark Turner merkt dazu an, daß Rava genau weiß, wie er “mit wenig Information eine Menge Inhalt erzeugen kann - das ist tatsächlich gar nicht so einfach, aber Enrico versteht sich darauf ausgezeichnet.”

Das Quintett, das man auf diesem Album hört, hat in dieser Konstellation noch nie zuvor zusammengespielt. Aber zwischen den einzelnen Musikern gibt es zahlreiche Verbindungslinien. Stefano Bollani wird schon seit den 90er Jahren mit Rava assoziiert und bezeichnet diesen auch als seinen Mentor. Rava ermunterte damals den jungen und hochtalentierten Pianisten, der anfangs noch mit einer Popkarriere liebäugelte (er begleitete u.a. den Italo-Rapper Jovanotti, Irene Grandi und Raf) und auch in der Klassikszene reüssierte, sich voll und ganz dem Jazz zu widmen. Mittlerweile wird Bollani von Kritikern in aller Welt als einer der herausragenden Jazzpianisten seiner Generation gehandelt. Zu den Aufnahmen, die er mit Rava machte, zählen das Quintett-Album “Easy Living”, das Trio-Album “Tati” (dritter im Bunde war hier Paul Motian) und das Duo-Album “The Third Man”.

Bevor Rava und Motian im November 2004 gemeinsam “Tati” aufnahmen, hatten sich ihre musikalischen Wege schon mehrfach gekreuzt. Das erste Mal zu jener Zeit, als der italienische Trompeter in New York lebte: beide waren damals an der Einspielung von Carla Bleys epischem Meisterwerk “Escalator Over The Hill” (1968-71) beteiligt. Ende der 80er Jahre gehörten die beiden dann einem Quintett an, mit dem der Tenorsaxophonist Joe Henderson eine Tournee bestritt.

Bassist Larry Grenadier wiederum hat oft mit Paul Motian gearbeitet (u.a. als Mitglied von Motians Trio 2000) und spielte vor zirka acht Jahren das erste Mal mit Bollani und - bei einer Jamsession - mit Rava zusammen. Noch weiter zurück reicht die Verbindungen zwischen Grenadier und Mark Turner: der Bassist stand dem Tenorsaxophonisten schon 1994 zur Seite, als dieser für das niederländische Label Criss Cross sein Solodebütalbum “Yam Yam” aufnahm. Seit einigen Jahren bilden die beiden mit dem Schlagzeuger Jeff Ballard das Trio Fly, das 2004 eiun Album für Sony/Columbia machte. Und Mark Turner präsentierte andererseits Enrico Rava bei diversen Auftritten in Italien als seinen Stargast.

Die Zusammenspiel der beiden Bläser Rava und Turner ist eines der markantesten Merkmale von “New York Days”. Turner, der hier erstmals auf einem ECM-Album zu hören ist, verfolgt ähnliche musikalische Konzepte wie einst Warne Marsh und John Coltrane. Und seine durchdachten, analytischen Linien kontrastieren auffallend mit Ravas üppigem Lyrizismus. Dem stets einfallsreichen Bollani gelingt es, mit seiner harmonischen Sprache eine Brücke zwischen den diesen verschiedenen Ansätzen zu schlagen und Ideen der beiden Musiker in seinen eigenen Soli weiterzuspinnen. Es ist kein einseitiger Prozess. Bollani lobt Ravas Aufmerksamkeit: “Seit wir 1996 das erste Mal zusammenspielten, findet zwischen uns ein ständiger Ideenaustausch statt, und mir war sofort klar, daß Enrico mir genauso aufmerksam zuhört wie ich ihm. Das war inspirierend und ermutigend.”

Larry Grenadier, der vor allem durch seine Mitwirkung in den Bands von Brad Mehldau und Pat Metheny Bekanntheit erlangte, nimmt die Rolle des Bassisten als Inspirations- und Energiequelle der Band sehr ernst. “Paul ist einer der großartigsten Schlagzeuger und Musiker überhaupt, mit den ich schon zusammengespielt habe”, meint Grenadier. “Er spielt das Schlagzeug mit einer fast schon kindlichen Unschuld und hat zugleich einen unglaublich tief verwurzelten Sinn für der Bebop-Tradition.” Motian war schon immer bemüht “frisch und neu” zu klingen und gehört bis heute zu den unberechenbarsten (aber auch poetischsten) Schlagzeugern. Er zergliedert einen Beat und setzt ihn dann in immer neuen Formen wieder zusammen. Motian sagte einmal, daß ihn von allen Musikern, mit denen er gespielt hat, Thelonious Monk am meisten beeinflußte: sowohl Monks extreme Originalität als auch dessen Vorliebe für plötzliche rhythmische Verschiebungen spiegeln sich in Motians eigenem Werk großartig wider.

Zwischen den beiden großen Meister - Motian am Schlagzeug und Rava an der Trompete - finden aber auch die jüngeren Musiker des Quintetts noch reichlich Raum zur Entfaltung. “Ich gewähre den Musikern in meinen Bands gerne die größtmögliche Freiheit”, meint Rava. Gemeinsam kreiiert das Quintett so Musik von zeitloser Qualität, die sich zwar aus den Quellen der Jazzgeschichte speist (insbesondere die Kombination Rava/Turner erinnert manchmal an die Schulen von Miles Davis und Lennie Tristano), aber ebenso sehr im Hier und Jetzt fußt.

Am 8. Februar wird das Enrico Rava Quintet das Material von “New York Days” im Hamburger Schauspielhaus erstmals vor deutschem Publikum aufführen. Für den New Yorker Paul Motian, der seine Reisetätigkeit bekanntlich vor einigen Jahre eingestellt hat, springt dann Jeff Ballard ein. Und anstelle von Mark Turner präsentiert Enrico Rava live dessen Kollegen Michael Blake.

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