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18.10.2001

Volle Dröhnung Verdi

Plácido Domingo, Volle Dröhnung Verdi

Plácido Domingo macht zum 60. Geburtstag wahr, wovon andere nur reden: Er präsentiert sämtliche Tenor-Arien Giuseppe Verdis.

Als Plácido Domingo am 21. Januar 1941 in Madrid zur Welt kam, jährte sich sechs Tage später der Todestag Giuseppe Verdis exakt zum 40. Mal. 18 Jahre später gab Domingo vor einer gestrengen Auswahlkommission der mexikanischen Nationaloper eine Kostprobe seines Könnens - und man musste ihn erst einmal belehren, dass er nicht der Bariton sei, als der er sich beworben hatte, sondern Tenor. Dass er einer der ganz Großen dieses Jahrhunderts werden sollte, haben sie ihm zwar nicht prophezeit - aber doch so weit vertraut, dass Domingo im Herbst 1959 zum ersten Mal die Opernbühne betrat, und zwar als Borsa in Verdis "Rigoletto". Zwei Jahre später sang er zum ersten Mal eine große Opernrolle: den Alfredo in Verdis "La traviata", in Monterrey, Mexiko.

 

Zu seinem 60. Geburtstag ist Domingo zu seinen Belcanto-Wurzeln zurückgekehrt und präsentiert alle Tenor-Arien der Opern Verdis in einer Vier-CD-Box. Dazu konnte er zwar auf seine reichhaltige Verdi-Diskografie zurückgreifen, doch 100 Minuten Musik sind hinzugekommen.

 

Denn nicht alle Verdi-Opern sind gleich bekannt, selbst im Repertoire dieses größten italienischen Opernkomponisten der Romantik sind Raritäten etwa aus jenen wilden 1840er Jahren zu entdecken, als Verdi ganz Italien mit seinen Opern bespielte: "I due Foscari" von 1844 zum Beispiel, ein anspruchsvoll konstruiertes Intrigenspiel im Renaissance-Venedig. Oder drei Jahre später (1847, im Entstehungsjahr des "Macbeth"!) "I masnadieri", auf Deutsch "Die Räuber" und tatsächlich nach Schiller.

 

Außerdem: Verdi war zuallererst Theaterpraktiker. Er komponierte für ein bestimmtes Publikum an einem bestimmten Haus. Was dort nicht gefiel, wurde geändert. So enthalten viele seiner Opern auch alternative Fassungen, die Domingo in dieser wirklich vollständigen Sammlung aller Tenor-Arien Verdis ebenfalls mit aufgenommen hat.

 

Anders als seine eher lyrisch gefärbten "Drei-Tenöre"-Kollegen Carreras und Pavarotti hat Domingo einen Tenor mit einem kräftigen Fundament und dennoch lichter Höhe, der ihm in der Wahl seiner Rollen über die Jahrzehnte seines Aufstiegs hinweg viel ermöglicht hat. Seine Bayreuther Wagner-Auftritte sind unvergessen. Aber wer hätte gedacht, dass er etwa auch als "Klein Zack" in Offenbachs Oper "Hoffmanns Erzählungen" schon brilliert hätte? Sein Repertoire von über 100 Rollen und Partien hat ihm sogar einen Platz im Guinness-Buch der Rekorde beschert. Doch profitiert eben auch Verdis musikalischer Kosmos von einer solch enormen musikalischen Spannbreite: Die animalische Kraft eines "Otello" eine von Domingos Glanzrollen und in der CD-Box in der gerühmten Aufnahme mit dem Orchester der Pariser Bastille-Oper unter Myung-Whun Chung zu hören kann den Hörer nur dann ergreifen, wenn sie ohne Stemmen, vollkommen mühelos entwickelt wird.

 

Schließlich kann der Opernfreund anhand dieser Aufnahmen auch ein Stück Musikgeschichte nachvollziehen: Denn Domingo sang seinen Verdi unter so verschiedenen Dirigenten wie dem sinnenfrohen James Levine oder dem tiefgründigen Carlos Kleiber, unter Leonard Bernstein wie unter Claudio Abbado. Kein Wunder, dass es den Tenor bei so viel großen Leitbildern irgendwann selbst gereizt hat, den Taktstock in die Hand zu nehmen (bekanntlich mit immer größerem Erfolg). Da fehlt eigentlich nur noch eine Verdi-Box, die uns den Dirigenten Domingo mit seinen tiefsten Verdi-Eindrücken präsentiert. Die sollte Plácido Domingo sich allerdings nicht bis zu seinem nächsten runden Geburtstag aufsparen.


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