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11.08.2009

Biografie: Wünsche (2009)


Wünsche
VÖ: 04.09.2009

Lange schon war PUR einander nicht mehr so nahe gekommen, wie in den vergangenen Wochen. Am Abend ging man am Hauptplatz in Bietigheim-Bissingen auf einen Salat oder Nudeln zum Italiener. Morgens, sagen wir: mittags, trafen sich Hartmut und Ingo, um eine Runde zu laufen, am Nachmittag dann war die ganze Clique im Studio und arbeitete zusammen. So war das. Tag um Tag. Woche um Woche. Und ganz allmählich begann ein neues Album zu wachsen, nahm Form an, wurde korrigiert, Melodienbögen wurden niedergerissen und wieder neu aufgebaut, Lyrics umgedichtet, neue Geschichten erzählt. So lange, bis "Wünsche" fertig war.
Für viele, die etwas davon verstehen, das beste Album von PUR.

"Die Jahre davor", sagt Hartmut Engler, "war es meist so, dass Ingo die Songs geschrieben hat und ich immer wieder mal vorbeikam, um danach an den Texten zu arbeiten. Diesmal haben wir gemeinsam gearbeitet, vor allem war auch Martin miteinbezogen. Da wurde die Arbeit zu einem Teil des privaten Lebens, organisch ging eins ins andere über." Es war fast so wie anfangs als PUR auf Ochsentour in den kleinen Klubs unterwegs war und jeder die Befindlichkeit des anderen besser verstand als sein eigenes Drumherum. Engler ging mit den schönen Melodien von Ingo Reidl in seinen kleinen Pavillon, der dem Wohnhaus vorgelagert ist, guckte ins Grüne und fing an aus den Musikstücken Lieder zu machen und den Soundbaum mit Erzählungen aufzuputzen. Wie bei wenigen anderen Künstlern sind die Songs von PUR stets auch eine Art spiritueller Chronik der laufenden Ereignisse. Die musikalische Entsprechung von Tagebüchern. Basis für das musikalische Zusammenspiel von PUR ist die geniale Zusammenarbeit von Poplyriker Hartmut Engler und dem facettenreichen Komponisten und Keyboarder Ingo Reidl.

Am Anfang ist das Wort. Das mag für die Bibel gestimmt haben, bei PUR ist die Musik zuerst da. Danach schreibt Hartmut Engler die Worte auf, die er später im Studio zu den Melodien stimmlich umsetzt und die ihm dann noch viel später irgendwo auf der Bühne dieses "besondere Glücksgefühl" verschaffen werden, "wenn man vor Tausenden Menschen das interpretiert, was man sich allein daheim ausgedacht hat und man merkt: ja, wir haben es gepackt, wir berühren die Leute, wir treffen ihre Empfindungen." Die Zeit ist zurückgedreht: "Es hat mich diesmal einfach an früher erinnert. Wenn die Demosongs fertig waren und wir eine unbändige Lust verspürt hatten, sie auf der Stelle den besten Freunden vorzuspielen. He, das musst du hören!"

Der amerikanische Musikjournalist Lester Bangs hat vor Jahren bereits über die Popkultur und ihre Protagonisten geschrieben: "Der echte Popstar hat eine Ahnung davon, was abseits seines eigenen, glitzernden Nährbodens abgeht." Niemand kann heute den Künstlern von PUR nachsagen, sie lebten in einem abgefahrenen Pop-Wolkenkuckucksheim, zwischen Rausch und Selbststilisierung. Das, was passiert, berührt, echauffiert, ist das Leben - und wird zur populären Musik von PUR umgearbeitet.

"Da war auch plötzlich diese Begeisterung wieder da", sagt Engler, "die man sonst nur von ganz jungen kennt, dass man sich über jede gelungene Bridge, jede Notenfolge, die besonders ist, diebisch freuen kann und mit einer Art Lampenfieber an die Arbeit rangeht." Ereignisse, die in jüngster Vergangenheit passierten, sind die Wurzeln aus denen mit musikalischer Komplexität Vers und Refrain sprießen. Man mag es drehen wie man mag, am Ende wird eigenes Empfinden aufgearbeitet. Und nach einer harten Zeit fällt die neu gewachsene Kreativität auf fruchtbaren Boden. "Musikalisch", sagt Engler über die Arbeit, "haben wir bewusst auf Experimente verzichtet und uns sehr auf unsere Hauptinstrumente, auf Keyboards und zum ersten Mal vor allem kräftige Gitarren konzentriert. Ich finde das Album hat nicht so viele kleine Ausbrüche in andere Klangwelten, sondern hört sich an wie aus einem Guss." Obwohl von dem typischen, bereits legendär gewordenen PUR-Klang beherrscht, ist "Wünsche" ein durchaus schneller, frischer, im Gesamtkontext von Uptempos dominierter Longplayer. Die dicken Chorarrangements, die vollen Bläsersätze, die früher das eine oder andere Lied begleiteten, sind weg. "Alles ist extrem durchgängig", sagt Engler heute. Bei aller klaren Rhythmik - selbst zur Verblüffung der Band blieb die Intimität der Erzählsituation an einzelnen Stationen weiter erhalten: "Wir hatten Zeit viel herumzuprobieren, aber letztendlich sind wir dann doch auf den stringenten, einfachen Wegen geblieben." Mit einem Satz: "Wir haben diesmal alles auf den Punkt gebracht."

Wennschon die Texte bei "Wünsche" eine fast aufrührende Intimität vermitteln, sind sie nie exhibitionistisch. "Ich versuche Gemütszustände zu schildern, in denen sich viele Leute befinden können und die besondere Situationen widerspiegeln", sagt Engler. Er schreibt die Lyrics nicht aus einer momentanen Laune heraus, quasi als Katharsis des Augenblicks, sondern nach einer Weile der Beobachtung, eine Art Analyse der Situation. Allerdings: "Ich singe immer über Dinge, über die ich Bescheid weiß und über die ich Auskunft geben kann." Als letzter Song kam "Der geschenkte Tag" auf das Album "Wünsche". Akustisch, kurz, intim einfach gehalten nur mit Piano und Gesang. Das Credo wie schön die Welt doch sein kann, wenn man durch die dunklen Täler erstmal durchgelaufen ist: "In dieser durchgeknallten Welt, die selten Mal die Luft anhält, werd ich durch dich noch Optimist..." Auf der ganz anderen Seite der Gefühlsskala die erste Single-Auskoppelung "Irgendwo": Ein Song, der durch seinen musikalischen Bruch zwischen Vers und Refrain zu etwas ganz Außergewöhnlichem wird und der im Endeffekt einen Schrei der Hoffnung ausdrückt: "Irgendwo in dieser Welt liegt ein bisschen Glück versteckt und ich wünsch mir so ich hätt's für mich entdeckt."

Eine gute Weile länger zurück liegt die Entstehungsgeschichte von "Herzlich". In einem Satz fasst der Autor Engler den Inhalt aus der Sicht des Mannes so zusammen: "Das Mysterium des weiblichen Wesens wirklich zu ergründen ist eine schier unlösbare Aufgabe. Viele haben es versucht, viele sind gescheitert. Aber einfach lieben, lieben darf man die Frauen in all ihren Facetten." Ein Uptempo-Song, rockig unterstützt von kräftigen Gitarren. Gemeinsam mit Janine Meyer von der Band
Luxuslärm singt Hartmut Engler das einzige Duett auf dem Album - "Die Beste". "Janine", ist die Band überzeugt, "verfügt über eine sensationelle Stimme und war tatsächlich die denkbar Beste für das Duett." "Ich hatte eine CD von Luxuslärm bekommen", sagt Engler und hab' die öfter gehört. Ich habe Janine später auf Mallorca getroffen und so sind wir ins Gespräch über das Duett gekommen. Sie singt auf der Platte auch einige Backingvocals." "Die Beste" ist eine Hymne von PUR geworden, eine Liebeserklärung an die Musik. Kein anderes Album von PUR aus den letzten Jahren ist vergleichbar authentisch wie das aktuelle. Engler entwirft textlich ein paar scharf geschnittene Episoden des Heute. Keine durchkonstruierten Leckereien für die Ohren, sondern Berichte aus den Untiefen des täglichen Lebens. Da geht der Sänger zum Beispiel tatsächlich regelmäßig in ein Altenheim um mit einer an Demenz erkrankten alten Dame Halma zu spielen. Aus diesem Spiel wird eine amüsante Shortstory im 4/4tel Takt. "Frau Schneider". In "Geliebt" geht es um das entscheidende Thema der meisten Theaterstücke, 99 Prozent aller Songs und vieler Bücher: Die unerfüllte Liebe. Eine selbst erlebte Ballade. "Herbst" ist ein Song, der sich nur vordergründig um die Jahreszeit dreht, die nach dem Sommer kommt und dennoch Aussicht auf weitere, bunte, wunderschöne Tage birgt. Sinnbildlich der zweite Vers: "Uns sind Geburten recht vertraut. Wir stehen an Särgen und man schaut wohin die eigenen Wege gehen. Und was die Aussicht verbaut." Optimistisch der Refrain: "Unser Frühling ist vergangen und der Sommer fast verweht. Doch der Herbst ist uns geblieben. Es ist noch lange nicht zu spät." Ein ruhiger Beat, der dieser besonderen Erzählform dient, begleitet den Song mit seinem Klangteppich. In "Kathrina" geht es um die Befindlichkeit eines jungen Mädchens: "Verbote, Gebote, die Werte an sich stehen in Frage, sind lächerlich. Hormone, Intimsphäre, Aufruhr und Frust - Lebenslust mit Handy als Vertrautem und dem Make-Up im Gepäck zieht sie los - ist unberechenbar." Hartmut, selbst Vater von zwei Jungen, kennt die geschilderte Problematik aus seinem Umfeld: Modell standen die heranwachsenden Töchter eines engen Freundes. "Menschlichkeit", im Midtempo, tritt offen und ehrlich dafür ein: "Das was uns führt, was uns berührt, ist Menschlichkeit." "Viele haben über die Jahre im Umgang mit uns und unserem Umfeld festgestellt, dass es so liebenswürdig ‚menschelt'. Wir sind miteinander erwachsen geworden und wenn ich ein Prinzip als das wichtigste im Umgang miteinander an andere, an junge, an ganz junge Erdenmenschen weitergeben würde, dann: lasst es menscheln, macht eure Fehler und verzeiht sie euch und den anderen. Daran kann man wachsen."
"Raus aus dem Schoss" im ungewohnten 6/8tel Takt, veranlasste die Band zu folgendem Kommentar im Booklet: "Ein Tag, an dem deine Katze deinen Weltschmerz besiegt, ist ein guter Tag." "Stell dich", wird nicht nur zur Aufforderung das Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen, sondern auch zu einem sprachlichen Experiment, das sich Engler leistet: Sieht man vom Refrain b, fängt jeder Satz des Songs mit dem Wort "Stell" an. Rockig dagegen kommt er Song eines Mannes daher, der mit einer "Alkohol getränkten" Depression zu kämpfen hatte, aber sich dann doch wieder hochrappelt: "Freigekämpft und losgelöst, ich brauch dich nicht mehr", heißt es in einer Zeile von "Gesund". Zu den intimsten und berührend authentischsten Liedern, die PUR je produziert hat, gehört wohl "Winter 59", das
Stück, das Hartmut seinem Bruder gewidmet hat - einem Bruder, den er nie kennen lernte und der den noch immer an seiner Seite war. Typischer Midtempo-Popsong in bester PUR-Manier ist "Wiedersehen": Berührend, nachvollziehbar. "Ich habe als ich das schrieb nicht nur an Verliebte gedacht, die einander wieder treffen, in meinem Kopf war das Bild das Wiedersehens sehr viel allgemeiner, Menschen, die durch Schicksalsschläge, Kriege oder Mauern voneinander getrennt sind aber die Hoffnung trotzdem nicht aufgeben."

Schließlich rundet "Wünsche" dieses außergewöhnliche Album ab. Sieben Wünsche, deren Erfüllung nicht allein physische Kraft oder wirtschaftliche Hilfe möglich machen, sieben Wünsche, die unserer Zeit entsprechen und vielen der PUR-Fans aus der Seele sprechen. "Wünsche" ist mehr als nur der Titelsong, es inspirierte die Band mit Hilfe dieses Liedes einen Anstoß zum Nachdenken zu geben und Aktionen zu starten, die vielleicht ein klein wenig mithelfen können, Hoffnungen zu wecken und Wünsche zu erfüllen.

Im Leben des Mannes mag es wichtig sein einen Baum zu pflanzen, ein Haus zu bauen und seinem Sohn, sagen wir, das Fußballspielen beizubringen. Im Laufe der Karriere einer Band ist es wichtig hin und wieder mal außer der Reihe Zeichen zu setzen und besondere Stücke zu produzieren. Letztendlich ist PUR dies jetzt gelungen: Mit größter Differenziertheit der Songs für sich, schuf die Band ein opulentes Ganzes, exorbitant in Musikalität und Sprachschöpfung, eine Reflektion auf das Spiel mit den Erwartungen, die Parität von populär und programmatisch.

Ein PUR Album, vielleicht das PUR-Album.

"Wünsche" erscheint am 4. September bei EMI.





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