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15.08.2014

Radio Doria, Die freie Stimme der Schlaflosigkeit, 2014

Es ist spät. Die Nacht ist längst hereingebrochen. Alles schläft. Nur einer sucht heimlich unter seiner Bettdecke mit dem Weltempfänger nach Signalen aus fernen Welten... Radio Doria weht mit jedem Millimeter Sendersuche etwas Neues in den Schwebezustand zwischen Traum und Realität – mit der freien Stimme der Schlaflosigkeit.

Der Schauspieler und Sänger Jan Josef Liefers erzählt auf seinem neuen Album "Radio Doria – Die freie Stimme der Schlaflosigkeit" Geschichten aus der Nacht, dieser intensiven, geheimnisvollen Zeit, in der sich eine unglaubliche Kraft hochschaukelt, wo jeder Gedanke, jedes Gefühl groß wird.

Gemeinsam mit seiner Band "Oblivion", die jetzt "Radio Doria" heißt und seit mittlerweile 12 Jahren zusammen spielt, hat er Musik komponiert und Texte geschrieben. Zusammen mit dem Produzenten Alexander Freund wurde für dieses Album ein originärer und eigener Sound entwickelt. Was Liefers mit Johann Weiß und Jens Nickel an den Gitarren, Gunter Papperitz an den Keyboards, Christian Adameit und Timon Fenner an Bass und Drums dabei verbindet ist etwas völlig anderes als die üblichen Zusammenarbeiten von prominenten Stars mit Studiomusikern. Hier hat sich ein Kollektiv gebildet, eine echte Band ist geboren, die ihre freie Stimme erhebt.

In vielen Stunden gemeinsamer, kreativer Arbeit ist dabei eine große Bandbreite entstanden. Man pendelt zwischen psychedelischen, traumwandlerischen Songs wie dem "Mondlied" und handfesten, eindringlichen Liebesliedern wie "Liebe ist nicht wie Du" oder "Helden". Es ist ein Album voller Poesie und Vieldeutigkeit. Nach dem großen Erfolg der Show "Soundtrack meiner Kindheit" in den vergangenen Jahren, die sich um die Musik seiner Jugend und Kindheit in der DDR drehte, sollte es "keine weitergehende Nabelschau mehr in den Texten geben", so Liefers zur Grundidee. Es geht ihm um Universalität, um Originalität.

Der Schauspieler hat sich in den letzten 15 Jahren auch eine Karriere als Musiker aufgebaut. In dieser Zeit ist die künstlerische Kraft gereift, eine eigene musikalische Ästhetik zu suchen, die zusammen mit der persönlichen Weiterentwicklung eine im deutschen Pop ungewöhnliche Tiefgründigkeit beweist. "Man wird milder", sagt Jan Josef Liefers und lacht. "Ich merke, dass ich anders werde, als ich dachte", so beschreibt er seine Sicht auf die Veränderung zwischen gestern und heute. Das findet sich im Song "Halleluja" wieder. "Es kommt der Tag, an dem sich dein Herzschlag verschiebt", heißt es da. Was das mit einem macht, stellt die Band musikalisch dar. Da stolpert man schon mal über die eigenen Gedanken.

Nicht nur in diesem Moment wird die Musik instrumentalisiert, um das persönliche Empfinden mit den Botschaften der Songs zu verbinden. "Bitte füllen Sie hier Ihr eigenes Bild ein" könnte da stehen. Diese Einstellung zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Album von Radio Doria. Der Gitarrist Johann Weiß spricht von einer "emotionalen Achterbahnfahrt", Liefers beschreibt diesen Effekt wie "ein Bonbon von früher, mit Brause drinnen. Man denkt, das war's schon, und dann macht es zum Schluss noch mal 'Bang!'"

Um so weit zu kommen, brauchte es nicht nur die gemeinsamen Live-Erfahrungen von hunderten Konzerten mit dem "Soundtrack meiner Kindheit". Die Musiker verbrachten sehr viel Zeit zusammen an abgeschiedenen Orten wie dem Haus in Halberstadt, das ein befreundeter Musikliebhaber zur Verfügung gestellt hatte. Das Haus steht in unmittelbarer Nähe zur Burchardi-Kirche, in der seit 2001 die Aufführung eines Werkes von John Cage stattfindet, das mit der Tempovorschrift "As Slow As Possible" versehen wurde. Bei dieser Performance aus der Avantgarde kommt es oft erst nach mehreren Jahren zu einem Klangwechsel. Zu der Zeit, als Radio Doria in Halberstadt komponierte, gab es eine permanente Dissonanz zu hören. "Die Töne des Klangs von dem John-Cage-Orgelprojekt haben sicherlich etwas zu den Stimmungen in einigen Kompositionen beigetragen. Das ist schon ein besonderer Ort", erinnert sich der Keyboarder Gunter Papperitz. Songs wie "Pralles Leben" oder "Gute Nachrichten" sind dort entstanden.

Kraftvolle Stücke sind das, alle beide. Am Anfang von "Pralles Leben" lässt sich die Dominanz des stehenden Klangs erahnen. Dann aber muss er sich der geballten Lebenskraft der druckvollen Band geschlagen geben. In "Gute Nachrichten" bricht sich eine ebenso positive Energie Bahn – in der Aufforderung zu mehr persönlichem Austausch. Man könnte das als eine Besinnung auf unsere gemeinsamen "Human Resources" verstehen, darauf, sich nicht von der schnellen Welt und ihren scheinbaren Anforderungen die Freunde nehmen zu lassen. Jan Josef Liefers spricht davon, wie überinformiert wir heute sind. "Die guten Nachrichten verpasst man eigentlich". Durch die ständige Informationsflut würde man das Wesentliche oft nicht mitbekommen. "Die Illusion von Freiheit geht verloren", so der Sänger weiter, "wenn Menschen nach Algorithmen ausgerechnet werden." Auf der Internetkonferenz Republica hat er zuletzt an einem Hoax, einem Medienhack kritischer Aktionskünstler mitgearbeitet, um auf die Untätigkeit der Regierungen z.B. beim Datenschutz aufmerksam zu machen.

Als er in Berlin einem Kriegsreporter begegnet, der ihm von Syrien erzählt, zögert er nicht lange und reist mit ihm bis nach Aleppo. Die Eindrücke bewegen ihn noch heute, wie einige Textzeilen aus der "freien Stimme der Schlaflosigkeit" zeigen. In "Unbeschreiblich" heißt es: "Ich habe den Krieg gesehen, der war nicht weit. Er wartet mit Geduld auf seine Zeit. Wenn einer käme ihn zum Guten zu verklären, will ich nichts wissen, will nichts hören." Zu beschreiben sei die Erfahrung dieser Reise auch nicht gewesen. Deswegen seien die Arbeiten an diesem Song wie im Handumdrehen gegangen. "Unbeschreiblich" sind zu viele Stationen des Lebens für ihn, deswegen ging es darum, Gefühle zuzulassen, anstatt sich hinter der Abstraktion von Beschreibungen zurückzuziehen.

So wie im Titel "Diebesgut", der von der Generation des geburtenstärksten Jahrgangs in Deutschland erzählt, zu dem auch Jan Josef Liefers gehört. Ein durch und durch emotionaler, ernsthafter Song, dessen Stärke in seinen Metaphern liegt. "Es heißt die Welt ist teuer, doch wir klauen den besten Ort." Bei so vielen Gleichaltrigen, die durch die Welt laufen, dass man immer wieder einem begegnet, ändert sich das Erleben von Individualität einer ganzen Generation. Für die es darauf ankommt, die verlorene Kindheit zurück zu erobern: "Wir können uns verändern, doch bleiben wer wir sind. Wir können uns verwandeln, doch sind im Herzen Kind." Eine Hymne für eine Generation. 

Mit dem Singer-Songwriter Gisbert zu Knyphausen sollte es ein weiteres gemeinsames Erlebnis aus der Kategorie "Unbeschreiblich" geben: ein "Blutmond", ein seltenes Naturschauspiel. Fast genau so selten ist die Zeitform, in der weite Teile des gleichnamigen Songtextes verfasst sind, wenn es heißt: "Alles was geht und alles was bleibt werden wir in uns getragen haben." Ein Titel voll Entschlossenheit und Überzeugung: "Wir werden uns wiedersehen, und dann…!"

Mit "Rückenwind" geht es für "Radio Doria – Die freie Stimme der Schlaflosigkeit" in die Zukunft. In diesem optimistischen Stück zeigt die Band ihre ganze Klasse – das neue Album wurde größtenteils live eingespielt, ohne Overdubs, ohne Netz und doppelten Boden. Ein seltener Fall von echter, handgemachter Musik aus den Zutaten Leidenschaft und Hingabe, technische Finesse und Erfahrung. Ein Song für Gänsehaut pur. "Wünsche können viel, sie können die Richtung drehen, sodass wir mit Rückenwind gehen." "Das ist wie beim Segeln", erklärt Jan Josef Liefers. "Man muss nicht mit dem Kopf durch die Wand. Gegen den Wind lässt sich auch gut kreuzen."

Der Sänger und seine Band haben eine lange Geschichte hinter sich und jetzt ein großes Werk vollendet. Der Rückenwind wird sie schon bald in andere entfernte Grenzgebiete getragen haben - zwischen Traum und Zeit, Trance und Wirklichkeit. 


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