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30.09.2009

Der Kern der Romantik

Rafal Blechacz, Der Kern der Romantik © Rainer Maillard / DG

Chopin spielen heißt immer auch, eine besondere Balance zu wahren. Auf der einen Seite fordern die Kompositionen des polnischen Hochromantikers dem Interpreten eine Höchstmaß an Virtuosität und Präzision ab, die selbst in den scheinbar einfachen Salonstücken verborgen liegt. Demgegenüber steht die Unmittelbarkeit des Gefühls, die sich eigentlich nur einlösen lässt, wenn ein Pianist seine eigene Person in großem Stil in die Musik einfließen lässt. Mit anderen Worten: Hinter Chopin kann man sich nicht verstecken und schon deshalb gehört es zu den großen Attributen für einen jungen Künstler, als maßgeblicher Chopin-Interpret seiner Generation zu gelten. Rafał Blechacz wurde diese Eigenschaft während der vergangenen Jahre häufig zugesprochen und er untermauert dieses Urteil der Kritik nun mit einer weiteren exzellenten Einspielung, die sich dem Konzertwerk des Komponisten widmen.

Die beiden Klavierkonzerte sind Werke eines jungen Mannes. Frédéric Chopin schrieb sie in den Jahren 1829 und 1830, als er die ersten Höhepunkte seines kurzen Künstlerlebens genießen konnte. Der hochbegabte Jüngling war bereits als gefeierter Konzertsaalvirtuose in Europa unterwegs, galt als einer der musikalischen Hoffnungsträger seiner Generation, war zugleich aber noch jung genug, um die Möglichkeiten seines Instrumentes ohne Vorbehalte und Zweifel erforschen zu können. Er war viel unterwegs in seiner Heimat, besuchte die Dörfer Masowiens, studierte die Volksmusik, die er dort hörte und verglich sie mit den Erkenntnissen, die ihm sein Studium am Konservatorium unter anderem als Schüler von Józef Elsner gebracht hatten. Er versuchte sich ein wenig als Maler, schrieb Prosa, vor allem aber viele kleine und größere Werke für das Klavier, mit denen er schrittweise seine eigene und sehr persönliche Klangsprache formte. Es entstanden Mazurken, Nocturnes, auch eine Sonate, Kammermusik und schließlich seine beiden Klavierkonzerte, worin er sich mit der Orchestermusik auseinander setzte. Entgegen der späteren Chronologie der Veröffentlichung entstand zunächst das Konzert in f-Moll, bald schon gefolgt von dem Pendant in e-Moll, mit der er vorläufig und aufgrund seines frühen Todes leider auch endgültig die Beschäftigung mit der großen, orchestral unterstützen Form beendete.

Beide Konzerte sind eng verbunden mit Gefühlen, die Frédéric Chopin mit seiner ersten Liebe Konstancja Gladkowska verbanden. Für Rafał Blechacz spielt dieser Hintergrund vor allem dann eine Rolle, wenn es an die Umsetzung der ruhigen zweiten Sätze geht, die das lyrische Kernstück der Werke bilden. Sie sind das Herz der Konzerte und verlangen vom Pianisten ebenso viel Hingabe, wie sie gestalterische Freiheit bieten. Die Musik muss frei und wie von selbst fließen und das liegt vor allem am möglichst intelligenten und zugleich intuitiven Einsatz des Rubatos, am präzisen, klischeefreien Einsatz des dynamischen Pathos, aber auch am Spiel mit den Grenzen der emotionalen Füllung des Notentextes. Rafał Blechacz scheint diese Kunst ebenso wie die Virtuosität der übrigen Sätze mit einer Sicherheit zu beherrschen, wie sie vor ihm nur wenigen Pianisten gelungen ist, quasi aus dem Urgrund der eigenen Persönlichkeit. Und doch ist das auch das Resultat eines intensiven Studiums, das viele philosophische und spirituelle Facetten des Pianisten in die Umsetzung der Konzerte integriert.

Der Rezensent des Züricher Tagesanzeigers brachte es anlässlich einer Live-Kritik des e-Moll Konzertes mit folgenden Worten auf den Punkt: „Dass Blechacz dabei die technische Brillanz in eine ästhetische Qualität umfunktioniert, dass Chopins Figurenwerk beim ihm fast gläsern, kristallin daherkommt, bringt den innovativen Kick – als hätte ein cleverer Restaurator am Chopin-Bild alle Ablagerungen von Salon und von Décadence ganz bewusst entfernt“. Für die Aufnahme der Konzerte hat sich Rafał Blechacz mit dem Royal Concertgebouws Orchestra Amsterdam eines seiner Lieblingsensembles und mit seinem Landsmann Jerzy Semkow einen erfahrenen Partner am Pult gewählt, die es ihm ermöglichen, seine Vorstellungen von Transparenz bei gleichzeitiger Emphase optimal in ein Album umzusetzen.

Ein Glücksgriff für die Klavierwelt, in vieler Hinsicht, und schon im Vorfeld ein immenser Erfolg. Denn in Polen, wo das Album am 18.September veröffentlicht wurde, wurde es schon am ersten Tag derart rasant verkauft, dass dem Künstler eine Goldene Schallplatte überreicht werden Kann. Was für ein Ausblick auf das Chopin-Jahr 2010!

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