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16.03.2001

Ralph Towner: Anthem

Ralph Towner, Ralph Towner: Anthem

Seit Ralph Towner 1971 seine ersten Aufnahmen für ECM machte, hat er für das Münchner Label 19 Alben unter eigenem Namen, drei mit "seiner" Band Oregon und noch ein paar weitere an der Seite anderer Künstler (Jan Garbarek, Keith Jarrett, Egberto Gismonti, Arild Andersen, Kenny Wheeler und Azimuth) eingespielt.

Viele Kenner halten allerdings die Soloalben, auf denen sich der Multinstrumentalist ganz aufs Spiel der klassischen oder 12saitige Gitarre beschränkt, für Towners herausragende ECM-Arbeiten. Das erste dieser Werke war 1973 "Diary" (ECM 1032), dem 1979 "Solo Concert" (ECM 1173) folgte und 1996 dann "Ana" (ECM 1611). Die Anfang letzten Jahres in Oslo aufgenommene neue CD "Anthem", auf der Towner einmal mehr sowohl seine Brillanz als Improvisator als auch seine Fertigkeiten als Komponist zeigt, fügt sich nahtlos in diese Serie von Gitarren-Soloalben.

Im Wörterbuch wird ein Anthem als "motteten- oder kantatenartige englische Kirchenkomposition bzw. Hymne" definiert; und einige der auf diesem Album befindlichen Stücke erinnern von der Form her tatsächlich an Tonwerke dieser Gattung. Allerdings stammen zehn der zwölf Titel von Ralph Towner selbst und die beiden restlichen von zwei der größten Bassisten, die der Jazz je hervorgebracht hat: "Gloria's Step" wurde von Scott LaFaro geschrieben, und den Lester Young gewidmeten Klassiker "Goodbye, Pork-Pie Hat", den Towner im Duo mit dem Vibraphonisten Gary Burton in den frühen 70ern schon einmal für das Album "Matchbook" (ECM 1052) eingespielt hat, verdanken wir bekanntermaßen Charles Mingus.

Unter den sehr plastischen und streng melodischen Songs sind auch zwei Sätze mit musikalischen Miniaturen für klassische respektive 12saitige Gitarre: "Four Comets" und "Three Comments". Wie soviele Kompositionen Towners entziehen sich auch diese luziden kleinen Meisterwerke einer eindeutigen Klassifizierung. Elemente von Jazz, moderner Klassik und globaler Folklore haben sich im musikalischen Kosmos des Gitarristen schon vor langer Zeit zu einem ganz eigenständigen Stil verschlungen.

In einem Interview mit Mark Mushet beschrieb sich der Gitarrist kürzlich selbst als "100%igen Improvisator und Komponisten. Ich arbeite auf beiden Gebieten total. In meinem Repertoire habe ich sowohl vollkommen auskomponierte Stücke, die ich auch notengetreu wiedergebe, als auch total improvisierte Stücke. Dann gibt es aber auch noch Songs, die teils komponiert und teils improvisiert sind."

"Improvisation ist ja eigentlich nichts anderes, als aus dem Stegreif komponieren", fährt Towner fort, als wenn es sich dabei um ein Kinderspiel handeln würde. "Der Unterschied ist, daß man sich für eine geschriebene Komposition mehr Zeit nehmen kann. Man kann daran so lange herumfeilen, bis sie schließlich perfekt ist. Bei der Improvisation wählt man ein paar Eckpfeiler als Fundament, anhand derer man dann ad hoc die Komposition schaffen muß. Häufig haben improvisierte Werke deshalb nicht die gleiche Tiefgründigkeit wie ein sorgfältig auskomponiertes Stück Musik. Man kann zwei unterschiedliche Stimmlinien improvisieren, und das kann sehr aufregend klingen. Aber wenn man die Gelegenheit hat, sich hinzusetzen und dieselben musikalischen Ideen in Ruhe auszuformulieren, dann kann man Haupt- und Gegenstimme sowie die Spannungsbögen in der Musik logischerweise viel feiner austarieren."

In Towners Kompositionen spiegelt sich natürlich auch die Summe all seiner musikalischen Erfahrungen wider. Die unorthodoxe Biographie des Amerikaners - der, bevor er im Alter von 23 Jahren zur Gitarre fand, als Pianist und Trompeter reüssierte - umfaßt u.a. ein klassisches Kompositionsstudium (Schwerpunkte: Serielle Musik und Igor Strawinsky), Gitarren-Studien bei Karl Scheit und eine intensive Auseinandersetzung mit der brasilianischen Musik. Auch das Zusammenspiel mit Künstlern wie John Abercrombie, Keith Jarrett, Jan Garbarek, Egberto Gismonti, Gary Peacock, Eddie Gomez, Marc Johnson, Gary Burton, Weather Report, Elvin Jones, John McLaughlin, Freddie Hubbard, Astrud Gilberto und Tim Hardin sowie mit Paul McCandless, Glenn Moore, Collin Walcott und Trilok Gurtu in der Gruppe Oregon hat selbstverständlich den musikalischen Horizont Ralph Towners beständig erweitert.

"Was ich in meiner eigenen musikalischen Welt zusammengesetzt habe, ist genau dies: eine Konstruktion aus unterschiedlichen Erfahrungen", meint Towner. "Man kann die einzelnen Bauteile, die Einflüsse heraushören." Über seine einzigartige Spielweise, die bei aller Simplizität vortäuschenden Melodienseligkeit häufig ungeheuer komplexe Strukturen aufweist, sagt er: "Ich spiele oft die Baßstimme, die Akkorde, die Melodie und einen perkussiven `Becken'-Part zur selben Zeit. Dadurch klingt es so, als wenn in Wirklichkeit drei oder vier Musiker am Werke wären."

Gerade in solchen Momenten tritt auch die Inspiration zu Tage, die er dem Bill Evans Trio verdankt. "In gewisser Weise schlüpfe ich aus einer Rolle in eine andere und halte so alles lebendig", sinniert der Gitarrist. "Das ist so, als würde man auf einem Herd gleichzeitig mit vier Töpfen kochen. Man kocht nur eine Mahlzeit, aber man muß vier separate Dinge auf unterschiedlicher Temperatur und verschieden lange kochen. Mal kümmert man sich mehr um einen Topf, dann wieder muß man in einem anderen umrühren. Man flitzt herum, um sicherzustellen, daß in dem einen Topf nichts anbrennt oder ein anderer nicht überkocht oder die Zutaten des dritten nicht vorzeitig garen. Man muß sich um alles kümmern. Das ist eine gute Analogie. Denn, wenn man sich zu lange um eine einzige Sache kümmert, dann läuft man Gefahr, daß die anderen Dinge - musikalisch gesehen - nicht voll zur Geltung kommen, sondern immer mehr im Hintergrund verblassen. Deshalb versuche ich allen dieselbe Aufmerksamkeit zu widmen, so daß sich der Hörer ihrer Existenz stets bewußt ist. Dadurch wirkt meine Musik nicht wie die Musik einer einzelnen Person; man hört in der Musik simultan eine ganze Reihe von Klangfarben, Qualitäten und Charakteren. Das läßt einen manchmal vergessen, daß man nur eine Gitarre hört." Kurzum: Technik ist in Towners Welt keine blutleere Zurschaustellung von Virtuosität, sondern ein Mittel zur dramatischen Gestaltung und zur Schaffung und Aufrechterhaltung der inneren Spannung in seiner Musik.

"Anthem" bot dem Gitarristen gleich aus drei Gründen Anlaß zum Feiern. Zum einen beging Ralph Towner, der 1940 in Washington geboren wurde, während der Aufnahmesessions in den Osloer Rainbow Studios seinen 60. Geburtstag. Dann erscheint das neue Album nun rechtzeitig zur 30-Jahres-Feier von Towners Zugehörigkeit zur ECM-Künstlerfamilie. Und "Anthem" ist darüberhinaus auch noch das 20. Album, das der vielseitige Musiker als Leader für ECM eingespielt hat. Nicht weniger Grund zu feiern haben jetzt die Fans von Ralph Towner, die von diesem mit einem weiteren gitarristischen Meisterwerk beschenkt werden.

Musiker: Ralph Towner - classical & 12-string guitars
Songs: Solitary Woman / Anthem / Haunted / The Lutemaker / Simone / Gloria's Step / Four Comets / Raffish / Very Late / The Prowler / Three Comments / Goodbye, Pok-Pie Hat


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