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03.11.2011

Rammstein - Biografie 2011, von Alexander Gorkow

Spieluhr

Verzeihung, dies ist keine Geschichte aus dem Osten, sondern aus dem Westen. Ist es so? Wir werden
sehen. Die Geschichte beginnt in den 1960ern. Sie handelt von einem Kind. Sie rast ein wenig umher,
die Geschichte, durch Zeit und Raum, und sie landet am Ende wie ein zerbeultes Raumschiff wieder
im Westen und in den 1960ern, als das Kind geboren wurde.

 

In den 1960er Jahren waren alle Sommer schön. Wer das Gegenteil behauptet, sagt nicht die
Wahrheit. Sommer für Sommer holten die Eltern des Kindes am frühen Abend, wenn die letzten
Sonnenstrahlen schmatzten, eine Sérgio-Mendes-Platte aus der Hülle. Sie legten sie auf den Teller
eines Thorens-Plattenspielers, der Plattenspieler stand in einem Gründerzeit-Sekretär. Entweder also
diese Platte von Mendes oder Frank Sinatras und Antônio Carlos Jobims Bossa Nova Platte mit den
Arrangements des Münchner Orchesterleiters Claus Ogerman. Vorsichtig schoben die Eltern die
Plattenspieler-Schublade des Sekretärs zu. Es knisterte aus den Eichenholzboxen im Bücherregal, dann
verwoben sich die Töne mit dem Abendlicht im Garten, und Deutschland, ein Garten in der Nähe des
Rheins, das lag jetzt in Brasilien, mein Land, meine Welle und mein Strand. Das Kind saß auf der
Wiese, es spielte mit einem Traktor aus Stahl, im Haus spielte Mendes, Sinatra sang vom
Sommerwind, die Welt, der Westen, würden nie mehr so leicht sein, und so war das Kind glücklich.
Die Zeit ging dahin, ein paar Jahre nur, leicht wie der Wind.

 

Das Kind hatte eine große Schwester, die liebte es sehr. Eines Tages, als die Jahre schon etwas
dahingegangen waren, verreisten die Eltern. Die Schwester nahm ihre Schallplatten mit ins
Wohnzimmer. Sie hob vorsichtig Sérgio Mendes und Frank Sinatra und übrigens auch Duke Ellingtons
Africa Suite aus der Plattenspieler-Schublade. Das Kind hörte stattdessen nun ein schönes Lied, das
traurig machte. Das Lied hieß I Never Promised You A Rose Garden, die Sängerin auf der Hülle sah
aus wie die tapferen Frauen in den Western, die die Ranch in Ordnung halten und die Wäsche
machen, während die Männer draußen auf ihren Pferden unterwegs sind und auf der Hut sein
müssen. Die Sängerin war blond, sie hatte etwas vorstehende Zähne, sie trug ein kariertes Kleid, ihr
Name war Lynn Anderson. Das Kind dachte, dass dies kein lautes, aber doch ein gefährliches, ein
unheilvolles Lied ist. Es dachte auch, dass es Lynn Anderson helfen müsse, denn Lynn lachte zwar auf
der Hülle der Platte, aber sicher nur, weil sie sehr tapfer war. Es musste einen Grund geben für Lynns
traurige Stimme.

 

Lynn Andersons Lied war die Ouvertüre zu einem noch dunkleren Lied, das die Schwester wieder und
wieder hörte, indem sie die Nadel des Plattenspielers in einem fort wieder an den Anfang setzte. Das
Lied hätte ein frühes Lied von RAMMSTEIN sein können, eines, das irgendwer auf dem Speicher
eines alten Hauses aus einem Berg mit Magnetbändern zieht, dann pustet man den Staub runter, und
nun steht auf dem Karton: RAMMSTEIN / 1970, Demo von An einem dieser Tage zerschneide ich
Dich in kleine Stücke. Das Lied erscheint mir heute als eine Art erste RAMMSTEIN-Blaupause, sagen
wir: aus der Schwarzweißfilm-Ära. Ich weiß, dass ich mit dieser Einschätzung alleine klarkommen
muss. Kein einziger Journalist ist da mit mir einer Meinung. Aber man muss oft alleine klarkommen,
auch davon wird noch zu reden sein. Das Lied heißt also One Of These Days, es ist von Pink Floyd. Es
besteht, grob zusammengefasst, aus zwei Instrumentalteilen und einem einzigen, verzerrt
gesprochenen Satz in der Liedmitte. Im ersten Teil zerlegt Roger Waters seinen Bass. Im zweiten Teil
zerlegt David Gilmour seine Gitarre. Der Satz in der Mitte geht so: One Of These Days I Am Going To
Cut You Into Little Pieces.

 

Ich hatte, lange nach der Zeit mit Lynn Anderson und Pink Floyd und meiner Schwester am
Plattenspieler meiner Eltern, Punkrock schnell kapiert und weiter auch nichts dagegen. Aber war nicht
schon One Of These Days Punkrock? (Auch mit dieser Meinung stehe ich alleine. Punk wurde
angeblich erfunden, um Pink Floyd abzuschaffen. Aber auch diese Debatte sollen andere führen.) In
meiner alten Heimatstadt Düsseldorf gab es damals in den 1980ern eine Punkband, die hieß KFC, das
war die Abkürzung für Kriminalitätsförderungsclub. Diesen Club mochte ich, und noch mehr als den
KFC mochte ich Ende der 1980er, Anfang der 1990er den ehemaligen KFC-Sänger Tommi Stumpff und
dessen Computerterrorplatte Ultra. Tommi Stumpff trug blond gefärbte Haare und eine schwarze
Lederjacke. Er liebte die großen französischen Chansons, brüllte aber auf der Bühne zu dröhnenden,
fräsenden, pfeifenden Computern: Blut, Gehirn, Massaker. Oder: Lobotomie. Man dachte auf diesen
Konzerten, man steht in einem sehr lauten Operationssaal der Universitätsklinik. Ich besuchte damals
schöne, laute Konzerte von Tommi Stumpff, und wenn mich jemand nach Lynn Anderson und ihrem
Lied vom Rosengarten gefragt hätte, ich hätte gesagt, dass Lynn und Tommi sozusagen vom selben
Problem singen. Außer mir sind bei Tommi Stumpffs Konzerten leider nicht viele andere
Konzertbesucher gewesen. Einmal nahm ich ein Mädchen mit, das ich schön fand. Während Tommi
Stumpff vorne die Geschichte vom Massaker erzählte, schrie mir das Mädchen ins Ohr.

 

Sie: Was hat er? Wieso ist er so sauer?
Ich: Hast Du was gesagt?
Sie: Warum erzählt er so bösen Geschichten?
Ich: Weil es sie gibt.
Sie: Blut? Gehirn? Massaker?
Ich: Ja.
Sie: Wo denn? Im Krieg vielleicht . . .
Ich: Und bei Leuten zu Hause.
Sie: Wo??
Ich: Bei Leuten zu Hause.
Sie: Hier? In Düsseldorf?
Ich: Genau.
Sie: Können wir gehen?

 

Heute denke ich, dass Tommi Stumpff alles, mindestens vieles richtig gemacht hat. Aber er war mit
seiner Musik ein paar Jahre zu früh dran. Pech. Manchmal stand ich auch mit meinem Freund Karl
Bartos abends beim Bier herum. Karl, der bei Kraftwerk gewesen war, erzählte mir eines Tages, dass
Kraftwerk das Beste draus gemacht haben, dass es die Beatles nicht mehr gab. Die schönsten
Melodien seien schon seit 1970 aufgebraucht. Karl kann sehr verschmitzt gucken, wenn er so
fatalistische Sachen sagt. Die Sehnsucht der Roboter von Kraftwerk, die wir so liebten: Es war also die
Sehnsucht in einer Zeit nach den großen Melodien.

 

Ich habe RAMMSTEIN erst spät entdeckt, die ersten Jahre habe ich nicht mitbekommen. Als
Herzeleid 1995 rauskam, sah ich auf dem Cover nicht sechs Herzen, die brennen. Sondern sechs
Männer mit nackten Oberkörpern vor einem Blütenkelch. Ich dachte: Okay, schwul. Zweitens nennen
sie sich RAMMSTEIN: Also haben sie ganz prima einen an der Waffel. Es ist nicht immer einer da,
der einem auf die Sprünge hilft, und die Schwester lebte damals in einer anderen Stadt. Auch
Sehnsucht habe ich verpasst, total irre, eine so schöne, so wichtige CD, so lyrisch strahlend sind doch
alleine schon die beiden Eröffnungslieder Sehnsucht und Engel. So ging also auch das Jahr 1997 erst
einmal dahin.

 

Erst Jahre später, im Spätherbst des Jahres 2001, hörte ich plötzlich Mutter.
Ich weiß, dass ich nachts alleine im Auto von München nach Paris fuhr, und dass ich die CD einlegte,
weil mir im Laden das Cover und der Titel gefallen hatten. Ich erinnere mich, wie ich die CD am
Morgen auf dem Boulevard Raspail zum vermutlich zehnten Mal von vorn hörte. Ich weiß noch, dass
ich wartete, bis Spieluhr zu Ende war vorm Hotel Lutetia, und wie ich erst dann hinein und an die
Rezeption ging. Da das Zimmer noch nicht frei war, bin ich zunächst zum Wagen zurück, um die CD
aus dem Laufwerk zu holen. Ich habe mich gegenüber vom Lutetia in ein Café gesetzt, stundenlang,
mit meiner CD, die ich anstarrte, in den Händen wog, aufklappte, zuklappte, rausnahm, wieder
reintat, auf der diesmal eben keine Männergruppe vor einem Blütenkelch abgebildet war, sondern das
Gesicht eines toten Fötus, hinten die kleinen Hände. Hoppe, hoppe Reiter, mein Herz schlägt nicht
mehr weiter, sagte ich leise, ganz leise. Ich ging an den Kiosk vorm Café, kaufte Zeitungen, ich weiß
tatsächlich bis heute, dass ich die Süddeutsche kaufte, dazu eine französische Illustrierte, auf der die
göttliche Francoise Hardy abgebildet war (schön wie eh und je) und, für die Konzerttipps am Abend:
Le Monde. Ich las in den Zeitungen, lange, und als ich die Zeitungen wieder weglegte, sagte ich
wieder: Hoppe, hoppe Reiter, mein Herz schlägt nicht mehr weiter. Dann: Mein Herz brennt, allerdings
versagte mir da zwischendurch, wenn ich mich richtig erinnere, die Stimme. Ich musste Luft holen.
Was war denn los? Als ich im Textheft der CD blätterte, musste ich lachen, an einem Morgen in Paris,
was sollte der Garcon denken, ein alter Zausel mit einem böse wackelnden Schnurrbart. Ich las im
Textheft und sprach leise mit: Ich bin der Reiter, Du bist das Ross / Ich hab den Schlüssel, Du hast
das Schloss / Die Tür geht auf, ich trete ein / Das Leben kann so prachtvoll sein.

 

Was war denn das für ein Unsinn? Was bitte sollte dieser blühende, jauchzende Begattungsquatsch
auf derselben CD wie Mein Herz brennt, Spieluhr, Sonne und Mutter? Als das Zimmer im Lutetia frei
war, legte ich mich schlafen. Erst abends wachte ich auf, ich schaute ins dunkle Zimmer, fragte mich,
wo ich war, dann sagte ich leise: Hoppe, hoppe Reiter. Ich weiß, dass ich erwachte, wie man am
Morgen nach einem großen Konzert erwacht. Als sei einem was eingepflanzt worden. Ein Organ aus
Licht, das alles mit der Erinnerung an eine Autofahrt durch die Finsternis hell erleuchtet. Ich traf mich
an diesem Abend mit französischen Freunden in einer Brasserie und erzählte, dass ich eine Band
entdeckt hätte. Es war beschämend, denn meine Pariser Freunde haben sehr gelacht. Lustig, der
Deutsche, der endlich auch was gemerkt hatte. Sie konnten weite Passagen von Mutter - nicht nur das
Lied, die ganze CD! - mehr oder weniger auswendig: Isch ab där Schlüssäl, Du ast där Schloss,
Rrrrein, rrrraus, sang meine schüchterne Freundin Caroline. Dann stimmten alle mit ein.
Andere sollen RAMMSTEIN erklären. Ich habe in all den Jahren seit 2001 niemals auch nur eine Zeile
über RAMMSTEIN geschrieben. Ich habe viele Zeilen über RAMMSTEIN gelesen in all den Jahren,
darunter kluge und einige wirklich brillante Texte, einen davon schrieb mein wunderbarer Kollege
Andrian Kreye hier in der Süddeutschen Zeitung, als deutsche Behörden gerade der Meinung gewesen
waren, die CD Liebe ist für alle da dürfe nicht mehr verkauft werden, da sie die Jugend gefährde. Da
war es an der Zeit, fanden wir, den Menschen ein wenig RAMMSTEIN zu erklären. Die meisten Texte
über RAMMSTEIN gaben mir immer Rätsel auf, ich gewann mehr und mehr einen heiteren Eindruck:
Offenbar rochen Journalisten bei RAMMSTEIN fast grundsätzlich Lunte. Immer war da die Panik,
dieser Band auf den Leim zu gehen. Ständig purzelten zwischen den Zeilen der Artikel diese Fragen
herum: Wieso tun sie das? Wollen sie uns verarschen? Finden sie das lustig? Können sie sich nicht
benehmen? Eigentlich aber stellten diese Menschen nur eine Frage: DÜRFEN DIE DAS?

 

Viele Leute denken bei RAMMSTEIN an Sex, vielleicht noch mehr an Gewalt, mindestens an
Obsessionen. Ich hingegen muss bei RAMMSTEIN oft ans Paradies denken, und daran, dass der Tag
kommt, an dem wir aus diesem Paradies fallen mit einem langen, spitzen Schrei. Deshalb muss ich
auch ständig an das Kind denken, das ich war. Ich muss auch beim Wiederlesen dieser vielen schlecht
gelaunten Zeitungstexte über RAMMSTEIN an das Kind denken, das ich war - und so auch an
unseren bösen Hausmeister Kapulski. Der wartete immer hinterm Türspion, bis er endlich eins von uns
Kindern erspähte. Dann riss Kapulski die Tür auf und brüllte los: Scheißkerle, hört auf, das schöne
Haus zu versauen! Ich schlag euch tot! Solche Sachen. Hinter mir lief er mal mit einem Hammer her.
Kapulski rief: Ich hau Dir den Hammer auf den Kopf. Wenn Kapulski mich erwischt hätte, so wäre
auch das eine Form von Zensur geworden. Ich denke, dass die Behörden, die in diesem schönen,
alten Haus namens Deutschland Platten zensieren, für RAMMSTEIN das sind, was der Hausmeister
Kapulski für uns Kinder war. Wir haben uns gerne rangeschlichen an Kapulskis Wohnung, leise, leise,
dann haben wir von draußen feste vor den Türspion gehauen und gerufen Fick dich, Kapulski!
Wenn mich heute, viele Jahre später, nicht alles täuscht, so ist das auch RAMMSTEINs
Vorgehensweise: Ranschleichen, dann sehr feste vors Guckloch hauen.

 

Wie gesagt: Ich fürchte, andere können RAMMSTEIN besser erklären, das kann ich kaum. Ich halte
mich in Heiterkeit wie in Trauer für befangen. Ich kann also nur diese Geschichte hier erzählen. Und
ich will mit dieser Geschichte nur sagen: Mein Herz brennt. RAMMSTEIN haben dieses Herz des
Kindes, das um den Rosengarten trauert, viele Jahre später in einer Nacht auf dem Weg nach Paris
wieder ausgegraben. So wie das Herz des Kindes wieder ausgegraben wird in Spieluhr: Da haben sie
es ausgebettet / Und so das Herz im Kind gerettet. RAMMSTEIN rühren an allerfrüheste Black-Box-
Erfahrungen. Es ist kein Hören, Fühlen und Mitsingen. Das auch. Sicher. Aber es ist mehr. Es ist ein
Lachen, Heulen, Kreischen, Runterducken, Hervorlugen, Klammern und vor Schreck Umfallen - und
zwar wie in den ersten Theatererfahrungen, aus diesen unglaublichen Tagen, wenn der Kasper ins
Dorf kam mit seinem Theater, wenn ein schwarzer Vorhang zur Seite rauschte und den Blick freigab
auf ein grelles, viereckiges Universum aus Licht, Farben und Figuren, und das alles in einem
stockfinstren Saal voll zitternder Kinder. Oben in der Guckbox fragte der Kasper im Licht also, ob wir
da seien, und wir brüllten Ja, und aus diesem Ja wurde ein gellendes Neiiiiiiiin, wir brüllten dieses Nein
wie der Lump am Stecken, denn schon grinste ja hinterm Kasper das scheiß Krokodil.
Wer sich heute nochmal den schönsten Konzertfilm der jüngeren Popgeschichte ansieht, nämlich
RAMMSTEINs Völkerball-DVD aus Nimes, der sieht keine Popfans im antiken Theater. Er sieht
Kinder, die den Kasper begrüßen, mit ihm singen, ihn warnen und umarmen. In diesem Theater
befindet sich kein johlendes Publikum. Es ist ein verblüfftes und berührtes Publikum. Und es kommt
einem immerhin so vor, als ob die meisten dieser rührenden Franzosen, die da jede Zeile auf Deutsch
mitsingen, seit Kindertagen nicht mehr so außer Rand und Band waren.

 

RAMMSTEIN setzen das Kind wieder vor den Gründerzeit-Sekretär, RAMMSTEIN schicken die
Eltern wieder aus dem Haus, RAMMSTEIN nehmen die Bossa Nova Platte vom Thorens-
Plattenspieler, RAMMSTEIN legen ihre Musik auf. Es ist – übrigens – eine schöne Musik. Sie ist mal
heiter, mal traurig, mal lustig, mal verzweifelt, und sie zeigt in jeder Sekunde auf eine brennende
Blumenwiese, sie zeigt den Kasper stets in Gefahr. Mein Land, meine Welle und mein Strand, das ist
eben nicht mehr das Paradies. Sondern das erste Lied auf dieser CD, diese leidenschaftliche wie
bitterwütende Hymne, sie erzählt von nichts anderem als von der Vertreibung aus diesem Paradies.
Immer wieder kommt es angerannt, das Arschloch mit der Fahne in der Hand. Und plötzlich erscheint
mir dieses späte RAMMSTEINlied wie die DNA dieser Band. Keine schlechte Idee, diese CD, die das
ganze große RAMMSTEIN-Theater in Kapiteln noch einmal erzählt, mit dieser bisher ungehörten
Vertreibung aus dem Paradies zu eröffnen. Denn das ist es für mich von der ersten Sekunde einer
Nachtfahrt nach Paris immer gewesen: ein Theater, halb Bühne, halb Lichtspielhaus. Wieso in jeder
zweiten subventionierten Stadttheateraufführung die Fragen nach Gewalt beim Sex und/oder in der
Liebe gestellt werden, dies aber in nicht subventionierten RAMMSTEINkonzerten verwerflich sein
soll, auch das wird mir keiner mehr erklären können. Vielleicht liegt es daran, dass die Mitglieder von
RAMMSTEIN in Interviews immer wieder darauf hinweisen, dass sie sich Mühe geben, damit ihre
Musik möglichst stumpf klingt. Das mag eine ganz lustige Auskunft sein, ein wenig erinnert sie mich
an unser frühkindliches Fick Dich, Kapulski!

 

Aber ich glaube RAMMSTEIN da natürlich kein Wort: Ihr Lieben, ihr klingt vielleicht eckig, aber nicht
stumpf.

 

Das Kaspertheater damals war spannend, es war lustig, es war auch eckig, aber es war vor allem
bewegend. Der grob geschnitzte Held in seinem Guckkasten war zu keiner jener Grimassen fähig, mit
denen sich die vielen schlechten Fernsehschauspieler durch die Karriere lügen. Die Puppe war eine
herrliche Projektionsfläche, eben weil sie grob geschnitzt war, sie war ja zu keiner Gesichtsschneiderei
fähig. Lange habe ich nicht mehr derart gekreischt im Theater wie beim lieben, groben Kasper. Erst
viele Jahre später nämlich: im Theater beim lieben, groben Till. Der Guckkasten von RAMMSTEIN ist
größer als der vom Kasper, o ja, ich bin ja auch größer als das Kind.
Und wieso erzählt er so oft so böse Geschichten?
Weil es sie gibt.

 

Nein, stumpf ist diese Musik nicht. Und was ist sie? Mir erscheint sie wie eine sehr sonderbare
Streubombe, Pathos ist drin, extrem viel Strom, Cabaret, Benzin, und natürlich Flakes fantastische,
valentineske Minimal Art. Der ganzen Band gelingt dabei etwas Erstaunliches, nämlich den deutschen
Sprachschatz mit dem zu befruchten, was man in anderen Ländern den Groove nennt. RAMMSTEIN
sind eben nicht Slayer. RAMMSTEIN sind eine verblüffende Zusammensetzung aus Tragik und
Komik, und immer wieder denke ich, dass Till Lindemann und Flake Lorenz diese Zusammensetzung
schön personalisieren, ein ganz großes Duopol der Popgeschichte: Sowas auf einer Bühne, einen solch
schmalen Superclown zusammen mit einem so muskulösen Märchenmann, das siehst Du
nimmermehr. Ich stelle mir das schwierig vor, diese Band im Studio, mit diesen Zielvorstellungen, ich
ahne Flakes Sparsamkeitsideale, ich ahne die Sehnsucht nach große Oper von Schneider, Landers,
Kruspe und Riedel. (Große Oper? Sprach ich schon von Pink Floyd? Nein? Doch? Na, egal.) Ich sehe,
wie Lindemann da steht mit seinen Gedichten, die schon ohne Töne klingen wie in kalten Nächten aus
dem Eis gekratzt. Als ich Lindemann das erste Mal auf der Bühne sah, da war ja nicht nur der
geschnitzte Kasper wieder da. Ich hörte ja nicht nur Lynn Anderson weit hinten vom Rosengarten
singen. Ich dachte auch an das geliebte Monster meiner Kindertage: An King Kong, ein feiner Kerl,
aber zu groß und zu schwer für diese Welt, und seine Art, die Frauen zu lieben – nein, sorry, denn er
drückt sie ja kaputt. Wann hat man je wieder geschrien wie als Kind, als das Krokodil zum Kasper
kommt? Wann hat man je wieder geweint wie als Kind, als sie den armen King Kong vom Hochhaus
schießen?

 

Bitte noch ein paar Sätze zu Till Lindemann. Ich weiß, auch das Monster RAMMSTEIN ist nur
aufgrund all seiner Bestandteile ein so schönes Monster. Nimm nur einen raus aus diesem Theater -
und Du hast exakt dieses Theater nicht mehr, sondern irgendwas anderes. Ich bin sicher, dass
RAMMSTEIN exakt in jener Sekunde tot sind, in dem auch nur eins dieser sechs Herzen woanders
schlägt. Es fehlt dann der Groove, der die Olympiahalle in München ebenso zum Kochen bringt wie
den Madison Square Garden in New York. Till Lindemann allerdings ist nun auch noch ein Dichter weit
vor jenen vielen, die als solche durch den Kulturbetrieb laufen und diesen Betrieb seit Jahrzehnten mit
ihren blutleeren Stadtschreibersentenzen vollquaken. Till Lindemanns Sprache ist Musik auch ohne
Musik. Und seine Sprachbilder, sie erscheinen mir in ihrer oft altertümlich explosiven Zweideutigkeit
immer wieder als so gestochen unscharf wie die Gemälde Gerhard Richters. Seine Komik raubt mir
den Atem, seine Traurigkeit manchmal den Schlaf. Es macht mich glücklich, dass viele Menschen in
Nordamerika, Südamerika, Spanien, Frankreich, England und was weiß ich noch wo an Till Lindemann
ihre deutsche Sprache schulen. Besonders komisch ist, glaube ich, dass der deutsche Kulturbetrieb
das noch nicht gemerkt hat.

 

Woher Till Lindemann seine Sprache hat? Wer will das wissen? Mich verführt sie zu einer sprachlosen
und gerne dionysischen Übereinkunft: Es ist besser, mit so einem auf einer verbrannten Blumenwiese
rumzustehen und kein Wort mehr zu sagen, als alleine durchs Paradies zu irren. Till Lindemanns
Sprache erscheint mir als eine Sprache, die auf dem Land entsteht, in Abgeschiedenheit, unter einem
weiten Himmel. Und, sehr sonderbar, trotz der Lautstärke RAMMSTEINs, und trotz der Abgründe in
RAMMSTEINs Liedern: Es ist eine Sprache, von der ich immer wieder glaube, dass sie aus innerer
Ruhe kommt, aus exakter Betrachtung, es ist eine vibrierende Sprache, dabei aber eine im
somnambulen Rhythmus gleichmäßiger Schlafatmung.
Einflüsse? Gottfried Benn? Natürlich, glaube ich, das auch. Conrad Ferdinand Meyer? Natürlich, glaube
ich, das auch. Neulich las ich in einer alten Ausgabe die Gedichte von C.F. Meyer und dachte an
Lindemann beim Gedicht Der schöne Tag:
Zwei Knaben und ein ledig Boot –
Sie sprangen jauchzend in das Bad.
Der eine taucht gekühlt empor.
Der andre steigt nicht wieder auf.

 

Und Brecht und seine sozialistische Schiebermützenhaftigkeit? Ja, ja, ist ja gut: die auch. Vielleicht hat
Till Lindemann einige Zutaten seiner Sprache von seinem verstorbenen Vater Werner, dem Kinderund
Jugenddichter? Wer weiß, keine Ahnung. Immerhin hat Werner Lindemann Anfang der 1980er
Jahre einen Roman geschrieben über das Zusammenleben mit seinem Sohn Till, der hier nur leicht
verfremdet Timm heißt. Das Buch ist 1988 erschienen und hat den (heute herrlich verstörenden) Titel:
Mike Oldfield im Schaukelstuhl. In diesem Roman erzählt der Vater, wie er eine Schachtel mit
Gedichten findet, die der Sohn mit neun Jahren geschrieben hat. Wenn mich nicht alles täuscht, steckt
in diesen Kurzreimen des Kindes schon der ganze lächelnde Fatalismus des großen Till Lindemann, in
dieser furchtbaren Welt des Schreckens. Das eine Gedicht des Kindes heißt Der Nussknacker und geht
so:

 

Er knackt ganz einfach
jede Nuss,
und die nicht will,
muss.

 

Das zweite Gedicht handelt von einem Specht:
Da steht ein alter Baum,
In ihm ein hohler Raum.
Darinnen wohnt ein Specht.
Mir ists recht.

 

Meine kleine, eineinhalbjährige Tochter liebt übrigens Werner Lindemanns schönes Buch Was Tiere
essen. Und auch wenn es großer Unsinn ist, so wäre das unter der Gattungsbezeichnung Neuer
Realismus auch schon wieder ein prachtvoller Titel für ein Lied von RAMMSTEIN, oder? Was Tiere
essen.

 

Ruhm entsteht, Ruhm vergeht. Sprache bleibt. Momente bleiben. Zu den Momenten gleich noch ein
paar Worte. Zur Sprache: Die Literaturkritik hat die Sprache von Till Lindemann bisher verpennt. Das
ist egal. Es werden sich in Zukunft nicht wenige über diese Texte beugen, und sie werden von diesem
Land und dieser Zeit reden, es wird dann, herrlich, die Große Kommentierte Lindemann Ausgabe
geben. Titel: Empire Burlesque, Band 1 bis 10. Auch Experten wird es geben, endlich auch die. Noch
aber ist es eine Sprache für Fans, und so ist es auch am Besten. Es ist eine mitunter, eben, burleske
und infame und brüllkomische Sprache. Viele Neunmalkluge verbringen viel Zeit damit, RAMMSTEIN
eine etwas enge Bindung an deutsche Mythen und Verwerflichkeiten zu unterstellen. Vielleicht sollten
diese Leute noch mehr Zeit mit ihrer steilen These vergeuden. Zum Beispiel könnten sie diese These
am Song Pussy untersuchen. Das wäre lustig. Diese Aufsätze würde ich gerne lesen. Eigentlich, nehm
ich alles in allem, ist Till Lindemanns Sprache eine umwerfend schöne, eine zarte, eine glasklare
Sprache. Es ist einerseits die Sprache eines Boxers, es ist aber dabei immer eine Sprache, die im
Fundus unserer Kinderseelen nach den großen, alten Liedern sucht, nach jenen Liedern, zu denen wir
einst, womöglich an einem späten Sommernachmittag im Garten, endlich eingeschlafen sind auf
tiefgrünem Gras. Damals, als es das Paradies noch gab, an unserem Strand, bei unseren Wellen,
unserem Strand. Pink Floyd sangen, lange nach One Of These Days:
The grass was greener / The light was brighter / The taste was sweeter.

 

Und heute? Tagsüber laufe ich der Nacht hinterher, singt Till Lindemann. So einfach geht ein großer
Satz. Später pfeift jemand eine kleine, schöne Melodie, sie erinnert an einen Western von Sergio
Leone, es ist ein Pfeifen, das sich der große Ennio Morricone ausgedacht haben könnte. Ich höre es
im Lied Engel, das wesentlich davon erzählt, dass es keine Engel gibt - und wenn doch, so müssen sie
sich an Sterne krallen, damit sie nicht vom Himmel fallen. Und da ich eben von Momenten sprach, die
bleiben werden lange über RAMMSTEIN hinaus: Kein Topos der Kulturgeschichte ist so missbraucht
worden wie der Engel – es brauchte RAMMSTEIN, um der Sache sozusagen wieder Leben
einzuhauchen: Wenn Lindemann da beim großen Finale mit seinen brennenden Stahlflügeln auf der
Bühne steht, was Schöneres als diesen traurigen Superengel habe ich, glaube ich, auf einer Bühne
überhaupt noch nie gesehen. Lindemanns Sprache ist dabei eine im feinen Sinne einfache Sprache,
diese Sprache achtet darauf, dass sie sich nicht selbst betrügt. Wenn Engel sich an Sterne krallen,
damit sie nicht vom Himmel fallen, wer singt denn da, wenn nicht ein Kind im Kostüm eines recht
kräftig gebauten Mannes, mit einer Stimme, die wie eine Wand vor ihm selbst steht? Die Welt ist nun
mal in Flammen, und weil RAMMSTEIN die Welt und uns in dieser Welt abbilden, wird es, muss man
sagen, auf den Konzerten immer wieder sehr heiß. So ist das halt nach dem Sturz aus dem Paradies.
Die Zeit ging dahin, ein paar Jahre nur, leicht wie der Wind. Und ich habe es versprochen, also landet
diese kleine Geschichte in der Art eines verbeulten Raumschiffes nach einer Reise durch Zeit und
Raum wieder in der Erinnerung. Ob es, wie eingangs erwähnt, eine Geschichte aus dem Westen ist?
Das spielt jetzt keine Rolle mehr. Alle Kinder fallen eines Tages aus dem Paradies, die aus dem
Westen, die aus dem Osten. Die brave Lynn Anderson hatte nie einen Rosengarten versprochen. Bei
Pink Floyd sagt das Monster: An einem dieser Tage zerschneide ich Dich in Stücke. Kapulski will das
Kind mit dem Hammer erschlagen. Das Kind ist schneller: Fick dich, Kapulski. Tommi Stumpff ruft:
Lobotomie. Karl Bartos programmiert sich ein Lied. King Kong stirbt. Der Kasper kommt mit einem
blauen Auge davon. Das Kind aus dem Garten wird ein Mann - und an einem Tag im Sommer stirbt
plötzlich die Schwester.

 

Es ist ein Tag lange nach jenen Tagen, in denen die Sommer schön waren, ein Tag lange nach Sergio
Mendes, Frank Sinatra und Duke Ellington. Erst liegt die Schwester im Koma, dann ist sie tot. So
etwas passiert auf der ganzen Welt, jeden Tag, ungewöhnlich ist das also nicht. Da kann der Mann
nichts zu sagen. Es verschlägt ihm, wie man sagt, die Sprache. Es müsste eine andere Sprache her,
andere Worte, denkt der Mann. Der stumme Mann sieht die Welt in Flammen. Er wünscht sich ein
paar einfache Worte, eine kleine, schöne Geschichte, das alles zu einer rettenden Melodie. Lynn
Anderson hatte nie einen Rosengarten versprochen, das war so eine Geschichte gewesen, eine
Melodie im Wind, die brave Lynn in ihrem karierten Kleid.
Spieluhr? Da ist das kleine Herz erwacht. Das Kind von damals holt tief Luft - und der Mann atmet
aus. Er singt hoppe, hoppe Reiter. Da hat er seine kleine, schöne Geschichte, und das alles zu einer
rettenden Melodie. Mag die Welt in Flammen stehen, er fährt schon wieder durch die Nacht. Bis nach
Paris.

 

Alexander Gorkow, München, September 2011

 

RAMMSTEIN sind

 

Till Lindemann
Richard Z. Kruspe
Paul Landers
Oliver Riedel
Christoph Schneider
Christian Flake Lorenz

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.rammstein.com


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