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17.09.2012

Vivaldi kernsaniert

Zusammen mit Daniel Hope holt der britische Komponist Max Richter eines der beliebtesten Werke der klassischen Musik in die Gegenwart: Antonio Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Das Meisterwerk erstrahlt so in einem ganz anderen, frischen Gewand. Und zugleich mit höchstem Respekt vor dem Original. Ein Klang, der eine völlig neue Generation von Hörern genauso begeistert wie jene Klassik-Fans, die das Original lieben und beinahe schon auswendig kennen. Das Album ist der erste Beitrag zur „Recomposed“ Reihe auf Deutsche Grammophon, wo die Bearbeitung auf Noten-Ebene stattgefunden hat und dann von einem Orchester eingespielt wurde – ein komponierter Remix sozusagen.

Text: Martin Hossbach | Foto: Erik Weiss

Aber warum nur wählte Max Richter Vivaldi? Und warum dann ausgerechnet seine bekannteste Komposition "Die vier Jahreszeiten" aus dem Jahre 1725? Richter hat die Antwort sofort parat: „Die vier Jahreszeiten gehören zu den ersten Stücken klassischer, genauer: spätbarocker Musik, die ich in meinem Leben hörte. Das Werk ist ein omnipräsentes Klangobjekt und wie kein anderes Teil unserer musikalischen Landschaft und meines täglichen Lebens. Ich höre es regelmäßig im Supermarkt und werde mit ihm ständig in Telefon-Warteschleifen oder in der Werbung konfrontiert". Tatsächlich gibt es wohl kaum ein Musikstück der letzten 300 Jahre, das einen höheren Bekanntheitsgrad hat. Was Richter nun mit seiner "Recomposed"-Bearbeitung geschafft hat, kann man getrost als 'Vier Jahreszeiten 3.0' bezeichnen. Richter holt das Werk in die Jetztzeit und ermöglicht einer neuen Hörerschaft einen völlig neuen Zugang – mit gleichzeitigem Respekt vor dem Original und seiner Interpretationsgeschichte, so dass auch der erfahrene Klassik-Hörer seine Freude mit "Vivaldi Recomposed" haben wird.

Max Richter gehört spätestens seit seinem Filmscore für Ari Folmans vielfach prämierten Animationsdokumentarfilm "Waltz with Bashir" zu den international gefragtesten Filmkomponisten. Neben seiner filmkompositorischen Tätigkeit entwickelt Richter gemeinsam mit bildenden Künstlern Werke für Tanztheater und Installationen, veröffentlicht regelmäßig Alben und bestreitet konzertante Aufführungen mit Orchestern und Ensembles weltweit. Seinen einprägsamen Kompositionsstil entwickelte Richter während der Ausbildung in klassischer Komposition und Klavier an der University of Edinburgh, der Royal Academy of Music in London und dem Tempo Reale in Florenz, wo er bei Luciano Berio Unterricht nahm. Nicht weniger bedeutsam ist für ihn die Musik seiner Jugend, die von Electronica, Clubmusik und Punk bis hin zu Psychedelic reicht.

Max Richter hat seit Jahren mit großem Interesse die Veröffentlichungen der "Recomposed"-Reihe verfolgt, und stets die Idee gehegt, Vivaldis "Vier Jahreszeiten" kompositorisch zu bearbeiten. Vor etwa zwei Jahren trat er mit diesem Projekt an Universal Music/ Deutsche Grammophon heran, das sofort begeistert von den Verantwortlichen angenommen wurde übrigens ist dies tatsächlich die erste Neueinspielung der Reihe, denn vergangene Ausgaben, etwa die von Matthew Herbert oder Moritz von Oswald & Carl Craig, bedienten sich stets bereits existierender Aufnahmen aus dem umfangreichen DG-Katalog.
Max Richter: "Vivaldis Komposition offenbarte sich mir als sehr einladend, sie stellt relativ direkt und unverblümt eine Verbindung zu meiner eigenen musikalischen Sprache her. Sie besteht aus Mustern, sogenannten Patterns, ich erkannte in ihr Grundlagen, derer sich später im 20. Jahrhundert auch die 'Minimal Music' bediente. Und auch für mich, als 'Post-Classical'-Komponisten, um den unsäglichen Terminus 'Neoklassik' zu vermeiden und sich dennoch einer Genre-Schublade zu bedienen, bietet das Original unzählige Inspirationsquellen".

Die vier Jahreszeiten bestehen aus vier effektvollen Violinkonzerten, die jeweils eine Jahreszeit porträtieren sollen. Zum Teil hat Antonio Lucio Vivaldi, im Jahre 1678 in Venedig geboren, 1741 in Wien verstorben, konkrete (Natur-) Beschreibungen in die Partitur hinein geschrieben – das Werk gilt als eines der ersten, das außermusikalische Inhalte in einem Musikstück verhandelt.
Richter: "Die größte Herausforderung bestand darin, eine konsistente und kraftvolle Neubearbeitung zu erschaffen, einen experimentellen Hybrid, der zu jedem Zeitpunkt funktioniert und Sinn ergibt, der immer Vivaldi, aber auch zugleich immer Richter und heutig ist und den ursprünglichen Geist dieses großen Werks wahrt. Ich wende deshalb verschiedene Techniken an, zum Beispiel das Zitat oder die Bearbeitung. Es finden sich in meinem Notentext Stellen, die zu 90 Prozent aus meinem eigenem Material bestehen, andererseits gibt es Momente, in denen ich nur einzelne Noten in Vivaldis Urtext verändert, Takte ein wenig verkürzt, verlängert oder verschoben habe. Ich schrieb mich buchstäblich in den Vivaldi hinein". Ergebnis dieser Einschreibung: eine 175-Seiten umfassende Partitur, mit der Richter in die Proben ging. "Die Partitur dient als Gebrauchsanleitung. Mit dem Dirigenten und dem Solisten diskutieren wir dann die Klangfarben im Orchester und besprechen Nuancen im Ausdruck. Es finden sich immer wieder Fehler in der Partitur, was mich aber überhaupt nicht stört. Es geht nicht um richtig oder falsch, es geht um einen kohärente Einspielung, die wir gemeinsam aufnehmen".

Max Richters Mitstreiter: der in Wien lebende britische Geiger Daniel Hope, der deutsche Dirigent André de Ridder sowie das Kammerorchester des Konzerthaus Berlin. Daniel Hope, ehemals Mitglied des Beaux Art Trio, ist seit fünf Jahren exklusiv bei der Deutschen Grammophon mit zahlreichen Aufnahmen unter Vertrag. Er erhielt bereits den Preis der Deutschen Schallplattenkritik sowie fünf Mal den Klassik-Echo, setzt sich auch für zeitgenössische Musik ein und tritt nebenbei als Buchautor ("Familienstücke", "Wann darf ich klatschen?", "Toi, toi, toi",) und Musikvermittler auf.
"Vivaldi wusste, auch durch seine Tätigkeit als Opernkomponist, wie man Musik nicht nur akustisch sondern auch visuell inszenieren konnte. Man muss sich das nur einmal vorstellen – dieser unfassbar schnell spielende Geiger mit rotem Haarschopf, 'der rote Priester' genannt, hinter sich eine Schar junger Frauen, kein Wunder, dass ganz Venedig nach ihm verrückt war – der geborene Entertainer", hält Hope fest. "Mir hat das Projekt um eines der heiligsten Stücke der Musikgeschichte, diese radikale Tour de Force für einen Sologeiger, unglaublich viel Freude bereitet. Max’ subtiles Recomposed hat sich den Vier Jahreszeiten mit scharfen Augen und wachen Ohren des 21. Jahrhunderts genähert. Ich habe mich stets davor gedrückt, Vivaldis Original aufzunehmen, dafür gibt es einfach zu viele Einspielungen. Max’ Bearbeitung hat mein Gehör aber ganz neu gefordert und mir gleichzeitig wieder Appetit auf den 'Original-Vivaldi' gemacht, der übrigens in seine eigenen Werke auch regelmäßig eingriff und sie teilweise von Aufführung zu Aufführung veränderte". "Für Daniel war dieses Projekt sicherlich am Herausforderndsten", meinen Richter und de Ridder unisono. "Vivaldis Komposition gehört für Geiger zum Werkzeugkoffer, zur Grundausrüstung", so Richter. "Man muss schon sehr mutig sein, sich dieser Partie anzunehmen."

André de Ridder arbeitete jüngst mit dem britischen Popmusiker Damon Albarn (Blur, Gorillaz) an dessen Soloveröffentlichung "Dr Dee" zusammen und dirigierte die Uraufführung der Gorillaz-Oper "Monkey – Journey to the West" in Manchester. De Ridder steht in ständigem künstlerischen Austausch mit Electronica-, Pop- und Rockgruppen wie Mouse on Mars, Tyondai Braxton oder These New Puritans. Im September führt er anlässlich der Spielzeiteröffnung an der Komischen Oper drei Opern Monteverdis in Neubearbeitungen auf. "Max spielte mir einige seiner Demos vor, die mich sofort gefangen nahmen. Meine Skepsis gegenüber der Benutzung Vivaldis berühmter, cleverer und genialer Vorlage, ich dachte an die vielen schlimmen Pop- und Jazz-Versionen der letzten Jahrzehnte, verflog sofort. Max’ Version bedient sich zeitgenössischer Kompositionstechniken, die man sonst eher aus der elektronischen Popmusik kennt, z.B. Looping oder Sampling – nur dass er diese eben analog, auf Notenpapier und mit einem Ensemble umsetzt. Das Endprodukt gefällt mir jetzt fast besser als das Original. Wir reden hier von der Essenz des Originalstückes, wenn man sie mit unseren heutigen Ohren hört – so wie man ja oft klassische Musik hören möchte! Wobei man sofort sagen muss, dass in Vivaldis Vorlage harmonisch avancierte, ambiente, und man kann sich hier ruhig auch Termini der Popmusik bedienen, groovige und rockende Elemente enthalten sind, wie generell ja in barocker Musik. Diese Aspekte spitzt Max mit seinem Recomposed zu, er verdeutlicht, multipliziert und verstärkt sie. Letztlich habe ich durch diese Arbeit noch mal einen ganz neuen und frischen Zugang zu der Originalkomposition erhalten. Ich kann mir vorstellen, dass Max’ Arbeit uns eine Möglichkeit aufgezeigt hat, wie man in Zukunft alte Werke anders bewerten und mit ihnen neue Wege einschlagen kann".


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