Backstage
Recomposed BACKSTAGE EXCLUSIV

Facebook

News

14.11.2007

Recomposed by Carl Craig & Moritz von Oswald

Mit ReComposed by Carl Craig & Moritz von Oswald wird eine Idee fortgesetzt, die mit Bearbeitungen von Aufnahmen der Berliner Philharmoniker durch den Hamburger Produzenten Matthias Arfmann ihren Anfang nahm. Vor zwei Jahren erschien der zweite Teil der ReComposed Reihe mit Jimi Tenor. Der finnische Funk-Exzentriker legte Neubearbeitungen bedeutender Werke der Neuen Klassik vor und nahm dabei den Titel der Reihe wörtlich. Zwei Jahre sind im schnelllebigen Popgeschäft eine lange Zeit. Und somit ein Beweis dafür, dass es den Kuratoren von ReComposed nicht um marktschreierische Schnellschüsse geht.

Der Sound von Carl Craig und Moritz von Oswald gilt seit vielen Jahren als stilbildend und prägte ganze Genres der elektronischen Musik. Generationen von Produzenten und DJs zählen Craig und von Oswald zu ihren Einflüssen. ReComposed ist mithin eine einmalige Elefantenhochzeit. Ein Treffen von Clubkultur und klassischer Musik, das es in dieser Form noch nicht gegeben hat.

69, Paperclip People, Psyche, Innerzone Orchestra - dies sind nur einige der vielen Pseudonyme, unter denen Carl Craig seit seinem Debut 1989 eine unübersehbare Zahl an Platten veröffentlicht hat. Ohne Frage ist Craig einer der Protagonisten der Detroit-Techno-Szene in zweiter Generation. Der Dub-Techno-Pionier Moritz von Oswald wiederum produzierte nach frühen Kollaborationen mit Thomas Fehlmann gemeinsam mit Mark Ernestus unter den Namen Basic Channel, Maurizio und Rhythm & Sound wegweisende Klassiker. Von Oswald studierte klassische Musik im Fach Schlagzeug und Pauken bei dem Dirigenten Gernot Schulz, der wiederum seine musikalische Laufbahn als Schlagzeuger bei den Berliner Philharmonikern begann. Eine elektronische Antwort auf Aufnahmen der Berliner Philharmoniker unter Karajan zu schaffen, dafür ist Moritz von Oswald geradezu prädestiniert.

Die Originalaufnahmen von Bolero, Rapsodie espagnole (Maurice Ravel) und Bilder einer Ausstellung (Modest Mussorgsky) aus dem Jahr 1987 wurden den beiden Künstlern in Form von Mehrspur-Bändern zur Verfügung gestellt. Die Deutsche Grammophon veröffentlichte diese Aufnahmen der Berliner Philharmoniker in der Edition Karajan Gold. Die Wahl von Craig und von Oswald fiel also nicht zufällig auf diese drei Werke von Ravel und Mussorgsky. Hier bleibt zusammen, was bereits vorher als Einheit gedacht war. Dabei war die Aufgabe, für die sich die beiden Musiker entschieden hatten, bestimmt keine einfache. Ravels Bolero etwa ist zu einem Klassik-Standard geworden, das in Einkaufszentren und Telefon-Warteschleifen zu hören ist. Eine Neukomposition solch eines klassischen "Welthits" ist in vielerlei Hinsicht ein Wagnis. Wer ist befähigt, dieses als Fahrstuhlmusik und durch Autowerbung zum Klischee seiner selbst erstarrte Werk zurück zu führen zum Ursprung seiner musikalischen Idee? Von Oswald und Craig, die Meister der Reduktion, sind es.

Oberflächlich betrachtet haben Vorlage und Neubearbeitung nicht sehr viel miteinander gemein. Mit ruhiger Ernsthaftigkeit schält sich die markante Rhythmik des Bolero aus dem Intro der elektronischen Re-Komposition. Die nach ungefähr 15 Minuten einsetzende fiebrige Perkussion entwickelt einen unwiderstehlichen Sog. Weich pulsierend kommt zum ersten Mal eine Bassdrum hinzu. Das Stück mutiert zu einem hypnotischen Clubtrack, in dem die unnachahmlichen Handschriften von Craig und von Oswald organisch miteinander verschmelzen. Mit den Möglichkeiten, die eine Mehrspuraufnahme zur Neubearbeitung bietet, sind die beiden Künstler sparsam und zielorientiert umgegangen. Bei aller Unterschiedlichkeit im Klang ziehen sich mit viel Fingerspitzengefühl platzierte Bolero-Splitter durch die Bewegungen. Und schließlich stellen wir fest: Neubearbeitung und Vorlage verbindet vor allem ihr identisches Zeitgefühl und ihr kontrolliertes Feuer. Hier wurde der Bolero-Gedanke der gedehnten Zeit und endlosen Steigerung weiter gedacht. Der Bolero-Entwurf wurde mit wenigen Strichen abstrahierend nachgezeichnet. Ravels Original und die Neukomposition von Craig und von Oswald lassen sich wie ungleiche Geschwister nebeneinander stellen. Hier die Vorlage, dort ihre Abstraktion. Mit dieser Bearbeitung haben die beiden Elektronikmusiker zwar keinen einfachen, aber einen absolut logischen Weg gewählt. Denn hier ist sie, die berühmteste repetitive Komposition in der abendländischen Klassik. Ein rhythmisches Loop, auf das in steter Steigerung Melodien aufgebaut werden, lässt zum ersten Mal im Abendlande das Gefühl der Endlosigkeit entstehen. Die Parallele zu zeitgenössischer Clubmusik liegt auf der Hand.

Movement 5 offenbart die Affinität der Künstler zu Filmmusik. Hier sind zum ersten Mal im Verlauf der bisher ca. 37 Minuten die Originalaufnahmen der Berliner Philharmoniker mit Ravels Rapsodie espagnole in aller Deutlichkeit zu hören. Dunkel und schwer arbeitet sich die Prélude à la nuit der Rapsodie vorwärts, von Craig und von Oswald mit Pausen und Hallschleifen effektvoll inszeniert. Unerwartet kommt gefilterte Perkussion hinzu und das Arrangement scheint sich ab hier zu verselbständigen. Spannung wird aufgebaut und - statt sie aufzulösen - immer weiter gehalten.

Auch überraschende Cross-Kombinationen der drei Werke untereinander gibt es: Die verschachtelten Trompetenfragmente, die sich in Movement 3 so hervorragend in die Bolero-Rhythmik einfügen, entstammen der berühmten Passage für Solotrompete aus Bilder einer Ausstellung. Aus diesem Werk stammen auch die Bläser, die der Rapsodie espagnole in Movement 5 ihre dunkle Wucht verleihen.

Im Verlauf des langen Bogens, den dieses Album spannt, offenbart die einfühlsame und genaue Produktion des Duos aus Berlin und Detroit immer wieder ihre offene Struktur. Beide Musiker haben während ihrer Zusammenarbeit über weite Strecken improvisiert, die Musik kommen lassen. Dabei ist ihr Umgang mit den klassischen Vorlagen immer vorsichtig und respektvoll. Denn Moritz von Oswald und Carl Craig verstehen ihre Bearbeitungen als Brücke zu den Originalwerken. Sie haben sich mit ReComposed nicht von Ravel, Mussorgsky und Karajan weg bewegt, sondern auf sie zu.


KOMMENTARE

Kommentar speichern