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Renée Fleming BACKSTAGE EXCLUSIV

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01.03.2001

Diva mit Drive: Renée Fleming

Renée Fleming, Diva mit Drive: Renée Fleming

Wenn man aus Indiana, Pennsylvania stammt, ist es leicht, Bodenhaftung zu bewahren. Schwieriger gestaltet sich der Aufstieg zur Starsopranistin. Renée Fleming zeigt, wie beides geht.

Es gibt Momente, da wünscht man sich, dass die Zeit stillsteht. Einfach unvergessliche Augenblicke auf der menschlichen Festplatte zu speichern. Und laut auszurufen: verweile doch! Oder so ähnlichen albernen Quatsch. Wenn Renée Fleming, die amerikanische Sopranistin, die Bühne betritt und zu singen beginnt, werden solche Augenblicke wirklich: Da verwandelt sich der nüchterne Kritiker in einen glühenden Verehrer, der stille Denker in einen sprudelnden Romantiker und auf ein mürrisches Gesicht wird ein beseeltes Lächeln gezaubert.

 

Hexerei und Magie? Ein bißchen schon! Im internationalen Sängerinnen-Jetset gehört Renée Fleming neben Luxuslinern wie Dame Kiri te Kanawa, Anne Sophie von Otter, Susan Graham und Koloratur-Edelyachten vom Kaliber einer Edita Gruberova längst mit zur Oberklasse der Operndiven. Vielbeschäftigt jettet sie zwischen New York, Salzburg, Wien, Paris, London, Brüssel, Mailand, Bayreuth und München hin und her. Nie müde und immer neugierig, Neuland zu erobern und vergessene Opern zu entdecken: Da gibt sie, ungewöhnlich für ein kanonisches Repertoire, die laszive Edelkurtisane Thaïs in Jules Massenets gleichnamiger Oper in Nizza oder steht als aufopferungsvolle Marschallin im Strauss'schen "Rosenkavalier" auf der Bühne. Stille im Saal. Jedes Hüsteln und Röcheln des Sitznachbarn wird mit bösen Blicken bestraft. Die Luft angehalten. Es knistert. Elektrische Spannung liegt in der Luft. Sekunden später: Renée Fleming startet durch und füllt den Zuschauerraum mit Klang, schraubt ihre glockenklare Stimme in höchste Höhen, interpertiert, phrasiert und rüttelt Sinne wach. Haucht tonlosen und leidenden Opernheldinnen Leben ein. Auf Pianissimo-Kaskaden und sinnlich-schimmernden Spitzentönen gleiten wir wie auf einem fliegenden Teppich aus tausendundeiner Nacht dahin. Da ist eine musikalische Zauberin am Werk, eine Meisterin ihres Fachs, eine geübte Stimm-Akrobatin. Staunen allerorten!

 

Renée Fleming ist mega-hip, würde man neudeutsch sagen: Engagements hier, Plattenaufnahmen dort. So sieht der bis 2003 gefüllte Terminkalender einer modernen Primadonna aus. Dabei ist sie fleißig und ehrgeizig, singt süßen Mozart, melodiösen Händel, französisches Parfüm von Bizet und schmelzige Belcanto-Partien von Donizetti, Verdi, Puccini & Co. ebenso gekonnt wie Strauss'sches Pathos. Und an die romantischen Wagner-Heldinnen tastet sie sich heran. Mit Bedacht, weil sie keine Hochdramatische, sondern eher eine Lyrische ist. Mit der Bandbreite wundert es nicht, dass sie derzeit der Liebling aller Opernaficionados ist und einen begehrten Sänger-Preis nach dem nächsten abstaubt. Dass sie obendrein eine attraktive Frau ist, kommt erleichternd im hartumkämpften Opernbetrieb hinzu. Keine blondbezopfte Walküre oder ein zartes Zwitscher-Vögelchen, sondern eine selbstbewusste Frau Anfang Vierzig, die die Rolle der alleinerziehenden Mutter von zwei Töchtern locker mit der der Schauspielerin, Sängerin und Liedinterpretin zu verbinden weiß. Das schafft Sympathie-Punkte beim verwöhnten Publikum. Nicht einmal Neider soll sie haben. Sogar die vielumjubelte Cecilia Bartoli, der Megaseller unter den weiblichen Klassikstars sagt über die Kollegin: "Wenn sie singt, geht die Sonne auf." Das schmeichelt, oder?!

 

Renée Fleming geht schnellen Schrittes, entert die Bühne. Ihr Abendkleid von Gianfranco Ferré sitzt. Nie zuviel Schnörkel, never ever ein Knall-Bonbon. Da tritt eine chice Lady ins Scheinwerferlicht. Die Haare sind toll frisiert, die Lippen keineswegs zu rot. Wie ihre italienische Kollegin Bartoli strahlt sie bodenständigen Glamour und erotische Eleganz aus. Das bestätigte sogar die amerikanische "Vogue". Doch sind das nicht Widersprüche? Mitnichten. Im heutigen Business zählt neben der Leistung, dem guten Aussehen auch noch, Bodenhaftung zu bewahren. Und auf keinen Fall eins sein: eine Zicke! Die Zeiten der prätentiösen Allüren-Königinnen à la Callas sind vorbei. Aus. Ende. Schluss! Endgültig brechen die Sängerinnen von heute mit dem Bild der fernen Göttin. Sie sind talentierte und erdnahe Künstlerinnen mit Profil, störrischem Kopf und starkem Charakter. Sie rauchen, trinken ab und zu ein Bier und gehen gerne in den Techno-Club. Zumindest manche. Diven zum Anfassen sind sie! Liegt womöglich darin auch Flemings Geheimnis, dass ihr Männer und Frauen verfallen?

 

Begeben wir uns auf eine Spurensuche: Rückblickend beschreibt Renée Fleming ihre Kindheit als eine anregende aber auch anstrengende Zeit: Früh wird die Kleine in ihrem Elternhaus mit klassischer Musik konfrontiert. Da wird im Hause Fleming Klavier gespielt, gesungen und geübt, was die Tasten, Seiten und Stimmbänder hergeben. Schließlich sind Vater und Mutter Musiklehrer. Wenn Pop und Rock hören angesagt ist, erklingt aus dem Wohnzimmer Mozart und Bach. In Indiana im Bundeststaat Pennsylvania wird sie unter dem Sternzeichen Wassermann geboren. Eine eigenwillige Individualistin. Aufgewachsen ist sie in Rochester im Bundesstaat New York. In einer typisch amerikanischen Kleinstadt mit ca. 240.000 Einwohnern. Zwischen Buffalo und New York City liegt das, hat 11 Bibliotheken und die berühmteste Firma dort heißt Eastman Kodak & Co. Der Gigant für Fotoapparate und Filme. Nicht zu vergessen der Ontario See. Keine Großstadthektik, mehr eine Idylle. Da bleibt Zeit zum Reiten. Ein Hobby, das sie bald wieder aufgeben muß. Dafür lernen jetzt ihre Töchter Amelia und Sage die Kunst des Galoppierens. Seit sie von ihrem Ehemann, dem Schauspieler Rick Ross geschieden ist, ist das Leben nicht einfacher geworden. Für die Mädchen eine Schule zu finden, sie in guten Händen zu wissen. Doch so es möglich ist, hat sie ihre Familie immer dabei. Und geht es gar nicht anders, nutzt sie das Internet: E-Mails täglich. Das verbindet die ferne Mama mit ihren Girls.

 

Renée Fleming weiß um ihre exzellente Ausbildung: Nach dem Studium in der Eastman Music School, wechselt sie nach New York an die Juilliard School. Und in den Nightclubs singt sie Jazz, um ihr Studiengeld aufzubessern. Besonders gerne Songs von Cole Porter. "I love Paris ..." und ähnliche Schmachtfetzen. Ihre Liebe bis heute. Europa lockt, weil jede junge Sängerin dorthin muss. Und zwar nach Deutschland, hier gibt es die meisten Opernhäuser und die berühmtesten Lehrer. Zwei Meisterinnen ihres Faches werden für sie richtungsweisend: Die eine heißt, très française, Arleen Augér, die andere, elegant deutsch, ist Elisabeth Schwarzkopf. Das legendäre Damen-Duo des Wohllauts. Bei ihnen perfektioniert Fleming ihre Technik und ihr unverwechselbares Timbre. Von der Schwarzkopf kommt die noble Grandezza, von der Augér das süßlich Erotische. "Ich habe auch viel von den Operninszenierungen in Frankfurt gelernt", erzählt Renée Fleming gerne.

 

Dann der break, wie sie es als Amerikanerin nennt: Ihr internationaler Durchbruch! Das war in der Rolle der Desdemona in Verdis "Othello" an der Seite von Plácido Domingo an der Met. Vor über fünf Jahren. Seitdem geht es wie auf der Tonleiter bergauf: Gräfin hier, Marschallin dort, Arabella in München, Eva in Bayreuth, Manon in Paris, Lulu für die Platte und Blanche du Bois in André Previns Uraufführung von "Endstation Sehnsucht". Abende mit Schubert-Liedern in Salzburg und Strauss' "Vier letzte Lieder" in Kiel. Undsoweiter undsoweiter: eine Endlosschleife! Am Pult stehen die Taktstock-Könige der A-Klasse Schlange, wenn die Amerikanerin anrauscht: Daniel Barenboim, Christoph Eschenbach, Sir Charles Mackerras oder Lorin Maazel lieben es, mit ihr zu arbeiten. Das ist ein großes Kompliment. Und ihr Geheimnis? Versuchen wir es mit einem gewagten Bild. Mit einem Auto verglichen, wäre Renée Fleming ein Mercedes-Coupé der S-Klasse: Hochtourig und leise, superschnell und doch mit Bodenhaftung, elegant und trotzdem sportlich. Ein Klassiker, der modern ist und sicher nie aus der Mode kommt. Der teuer ist, aber Luxus bietet. Und wem das nicht gefällt, der höre sich an, wie die Diva (jawohl!) die Arie der Norma "Casta Diva" auf ihrer neuen CD zelebriert: zum Verweilen schön und pure Magie. Da ist es: Ihr Geheimnis.


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