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07.11.2007

Klassiker in Hochform

Renée Fleming, Klassiker in Hochform

Bei der Inszenierung der Uraufführung waren einige schwerwiegende Fehler unterlaufen. Zunächst hatte man Pech mit der Darstellerin Fanny Salvini-Donatelli. Die üppige Dame wollte nicht zu der Rolle der schwindsüchtige Violetta passen und löste im Saal eher Heiterkeit als Mitleid aus. Die Schauspieler mussten sich darüber hinaus als Vorsichtsmaßnahme in barocke Gewänder zwängen, so dass schließlich die ganze Oper arg unausgewogen und ein bisschen albern wirkte. Die Zuhörer waren alles andere als begeistert. Erst eine zweite, sorgfältigere Bühnenfassung im Frühjahr 1854 im "Teatro San Benedetto", ebenfalls in Venedig, sorgte für den Durchbruch. Von da an entwickelte sich "La Traviata" zu einer der Lieblings-Opern auf internationalen Spielplänen und gibt bis heute Gesangsstars wie der amerikanischen Sopranistin Renée Fleming und dem mexikanischen Tenor Rolando Villazón die Möglichkeit, als Violetta und Alfredo zu brillieren - wie in der Oper von Los Angeles und nun auch auf DVD.

Giuseppe Verdi gehörte bereits zu den Stars des neuen Openbooms. Nach immerhin 16 Opern mit unterschiedlichem Anklang beim Publikum schaffte er es, gleich drei großartige Werke nacheinander zu komponieren. Nach "Rigoletto" (1851) und "Il Trovatore" (1853) präsentierte er mit "La Traviata" (1853) allerdings ein für seine Verhältnisse ungewöhnlich aktuelles Melodram um die Wahrhaftigkeit der Liebe, das er nicht in der Vergangenheit des ausgehenden Mittelalters mit viel Pomp und Aufwand spielen ließ, sondern im Paris seiner Epoche mit Fokus auf nur einer Hauptperson und deren Emotionen. Der Plot basierte auf Alexandre Dumas' fünf Jahre zuvor erschienenem Erfolgsstück "Die Kameliendame", das seinerseits bereits von einigen Skandalen begleitet war. Verdis Werk jedenfalls war in vieler Hinsicht ein Kraftakt. Zunächst entstand die komplette Oper innerhalb von 46 Tagen. Verdis Librettist Francesco Maria Piave schrieb sich mit der Umarbeitung der Vorlage die Finger wund und Verdi selbst reiste noch mit einer Art Particell nach Venedig zu den Proben. Die Orchestrierung stellte er während der Proben fertig und so war "La Traviata" taufrisch, als das Venediger Premierenpublikum am 6.März 1853 zum "Teatro La Fenice" flanierte. Die Uraufführung endete zwar im Fiasko, spätestens mit der Wiederaufnahme des Stoffes ein Jahr später jedoch wendete sich das Blatt und machte klar, wie radikal Verdi en détail mit den Möglichkeiten seines Genres arbeitete.

Über den sozialkritischen Stoff als inhaltliche Neuerung hinaus - ein Plädoyer für die emotionale Selbstbestimmung der Frau - schuf der Komponist einen musikalischen Querschnitt durch sein eigene Gestaltungsvielfalt. Vieles wurde angedeutet und zitiert, von den burlesken Chormomenten bis hin zu emotionsverhangenen Duetten. Die Funktion der Musik wiederum passte sich den Reflexionsstadien der Hauptdarstellerin an. Je mehr sich Violetta von den Konventionen ihrer gesellschaftlichen Rolle verabschiedete, umso individueller wurde auch die vokale Umsetzung. Überhaupt stand die liebende Kurtisane von Anfang an im Mittelpunkt. Die übrigen Charaktere blieben bis auf Violettas Liebhaber Alfredo und dessen Vater Germont schemenhaft gestaltet. Und daher sind es auch diese drei Partien, die bis heute zu den Glanzstücken auf der Opernbühne gehören. Mit ihnen kann man brillieren, wie im vergangenen Jahr, als Renée Fleming, Rolando Villazon und Renato Bruson die drei Charaktere verkörperten. "Im gesamten Sopran-Repertoire gibt es keine perfektere Rolle als die der Violetta", erklärt die Sopranistin in den Liner Notes der DVD-Version von "La Traviata" und ergänzt. "Daher ist es kein Zufall, dass dies auch die Rolle ist, an der Soprane in der Vergangenheit gemessen wurden. Es ist ein gutes Gefühl, an einer langen, leuchtenden Reihe von Interpretationen teilzuhaben (und Violetta verträgt Variationen), aber der dadurch gegebene hohe Maßstab ist ernüchternd".

Dass die Fleming sich über ihre Darstellung keine Sorgen zu machen braucht, dokumentieren wiederum die Erinnerungen ihres Alfredos Rolando Villazón: "Als ich zum ersten Mal mit Renée La Traviata sang, war das mein Debüt an der New Yorker Metropolitan Opera. Ich erinnere mich gut an jene wenigen Minuten vor Alfredos erstem Erscheinen bei Violettas Gesellschaft. Ich schritt auf und ab und versuchte, meine eigenen aufgewühlten Gefühle zu vergessen, um mich auf jene von Alfredo zu konzentrieren. Aber das Ereignis war zu überwältigend! ... Einige Jahre später hatte ich noch einmal das große Vergnügen, mit Renée La Traviata zu singen, dieses Mal in Los Angeles. Es ist eine große Freude für mich, dass wir eine Filmaufnahme unseres gemeinsamen Auftritts haben. Einer der besten Germonts aller Zeiten, Renato Bruson, Maestro Conlons funkelnde und einfühlsame Leitung, und Marta Domingos Regie (sie alle liebe, achte und bewundere ich so sehr) machen diese DVD zu einem künstlerischen Höhepunkt meiner Karriere, und bieten einen Anlass zum Feiern".


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