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09.09.2009

Leidenschaft und Drama

Renée Fleming, Leidenschaft und Drama © Andrew Eccles

Die amerikanische Sopranistin Renée Fleming stürzt sich in das Abenteuer Verismo und entdeckt dabei Erstaunliches. Mit ihrem Album „Homage – The Age of the Diva“ hatte es sich bereits angekündigt: Renée Fleming ist – zumindest auf CD und in ihren Opernrollen – die geborene Diva. Waren es auf „Homage“ noch Cileas Adriana und Puccinis Tosca, Massenets Cléopâtre und Korngolds Heliane, so heißen die Heldinnen ihres neuen Albums Lodoletta, Zaza, Gloria und Iris … nicht unbedingt Namen, die jedem Opernfreund geläufig sind. Es sei denn, er ist ein ausgewiesener Spezialist und Liebhaber jener aufregenden Epoche italienischer Bühnenwerke, die man gemeinhin unter dem Titel Verismo zusammenfasst und deren Definition in etwa so lautet: Abgeleitet vom Italienischen „wahr“ ist der Verismo eine seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in der italienschen Kunst, Literatur und Musik vorherrschende Strömung, die dem deutschen Naturalismus sehr verwandt ist. Den Künstlern geht es hierbei vor allem um ein getreues Abbild der Wirklichkeit menschlichen Lebens, vor allem in dessen Schicksalhaftigkeit. Die Meister der sogenannten „giovane scuola“, der jungen Schule, wie etwa Leoncavallo, Mascagni, Zandonai, Cilea und Giordano waren in ihren Kompositionen bemüht, sich inhaltlich klar und deutlich von ihren Vorgängern abzugrenzen, deren Hauptthemen sich um klassische Figuren oder höfisches Leben drehten. Die Gestalten des Verismo sind unglückliche Damen des Adels ebenso wie Kurtisanen, orientalische Schönheiten oder Music-Hall–Sängerinnen und Fabrikarbeiterinnen.

Mascagnis „Cavalleria rusticana“ und Leoncavallos „Pagliacci“ (Letzteres im Übrigen nach einer wahren Episode!) sind die bekanntesten, ja die Paradebeispiele für den italienischen Verismo. Und wer sich einmal den schmachtenden Melodien und herzzerreißenden Arien, Duetten und Ensembles hingegeben hat, wird sich ihrem Zauber und ihrer Verführungskraft nur schwerlich wieder entziehen können. Kurz und schmerzvoll sind sie in der Regel, die Opern des Verismo. Und wer sie singt, muss mehr tun als „nur“ zu singen – er muss den Schmerz, das Leid, die unerfüllten Sehnsüchte und die tragischen Verstrickungen ihrer Heldinnen nachempfinden, quasi das Drama in die Nähe des wirklichen Lebens rücken. Nur so kann es uns heute noch berühren, nur so ist es bei aller Melodienseligkeit große Kunst.

Renée Fleming hat das gewisse Etwas in Stimme und Persönlichkeit, mit dem sie genau diese musikalische Nach-Schöpfung als einen zu Herzen gehenden Akt präsentiert. Ob Schwester Angelikas berührende Klage um das tote Kind, ob Fedoras halluzinatorische Vorahnung ihres eigenen Todes – der amerikanische Superstar leiht dieser Musik den Schmelz und die leidenschaftliche Süße ihres wunderbaren Timbres. Und auch wenn es ans Sterben geht, wie in der hier erstmals in der originalen Fassung vorgestellten Schlussszene aus Puccinis „Manon Lescaut“ – „Sola, perduta, abbandonata“ – ist es die hohe Kunst der Charakterisierung, die Renée Fleming hier ebenso gekonnt und wohl dosiert einzusetzen weiß wie auf ihren anderen Alben zuvor – seien es nun die Diven des Belcanto oder diejenigen des Barock – oder aber die großen Frauengestalten aus der Feder Richard Strauss’.

Das neue Album „Verismo“ ist eine beeindruckende Sammlung von bekannten und weniger geläufigen Kostbarkeiten dieser musikalischen Epoche – jedes einzelne Stück davon eine Trouvaille und wert, mit besonderer Aufmerksamkeit angehört, genossen zu werden. Das Spektrum der hier vorgestellten Ausschnitte reicht von Catalanis „La Wally“ (berühmt wurde das „Ebben! Andró lontano“ durch den französischen Kino-Kultklassiker „Diva“) aus dem Jahre 1892 bis zu Puccinis unvollendeter letzter Oper „Turandot“ aus dem Jahre 1926, mit welcher der Komponist bereits weit über den Verismo hinaus auf die Musik der Zweiten Wiener Schule verwies. Und wenn – wie in dem hinreißenden Duett „Bevo al tuo fresco sorriso“ aus Puccinis „La rondine“ – sich „Deutschlands schönste Stimme“, Jonas Kaufmann, mit derjenigen von „Amerikas beautiful voice“ mischt, bleiben nun wirklich keine Wünsche mehr offen.

Andreas Kluge

Mehr Informationen über Renée Fleming finden Sie auf der Künstlerporträtseite der Sängerin.


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