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01.02.2010

Schillernde Exotik an der Met

Renée Fleming, Schillernde Exotik an der Met

Auch die Oper ist von zeittypischen Vorlieben geprägt. Jules Massenets „Thaïs“ beispielsweise hörte man in New York an der Metropolitan Opera mehr als drei Jahrzehnte nicht mehr, bis sie wieder in den Spielplan aufgenommen wurde. Dann allerdings wurde sie von Publikum und Presse euphorisch gefeiert, nicht nur wegen der gelungenen Inszenierung, sondern auch wegen der Stars auf der Bühne, die die exotische Geschichte zum Schillern brachten. In der Titelpartie konnte man mit Renée Fleming eine der bezauberndsten Sopranistinnen hören und sehen, die diese Rolle bislang erlebt hatte. Und Bariton Thomas Hampson als Athanaël stand ihr in Intensität und Souveränität um nichts nach. So wurde „Thaïs“ ein großer Erfolg, dessen Faszination nun auch anhand der DVD-Version genussvoll nachempfunden werden kann.

Manchmal erwartet man, dass Carmen um die Ecke biegt. Doch sie kommt nicht. An ihrer Statt erscheint Thaïs, eine Kurtisane. Und die Oper spielt auch nicht im wildromantischen Spanien, sondern im griechisch-christlich geprägten Ägypten der Spätantike. Trotzdem sind inhaltliche und musikalische Ähnlichkeiten vorhanden. Denn Jules Massenet greift ähnlich wie sein Kollege und Vorgänger George Bizet auf zahlreiche Klischees seiner Zeit zurück. Da ist das prickelnd Exotische und Sinnliche, das die Titelheldin umgibt, eine Mischung aus Verruchtheit und Läuterung, die im Jahr der Uraufführung 1894 all die finster-lüsternen Fin-de-siècle-Phantasien beflügelte. Es gibt effektvolle Ensemble-Szenen, die mit tänzerischer Leichtigkeit das Unterhaltungsbedürfnis der Großstädter in Paris ansprechen sollten. Schließlich ist da noch der Skandal um die Besetzungen der Titelrolle, die vom ersten Bühnenvorhang über mehrere Jahrzehnte hinweg glamouröse Sopranistinnen in den Vordergrund stellten. Die Femme fatale auf dem Weg zur Läuterung als Sinnbild einer sterbenden Epoche, da bot „Thaïs“ von Anfang an reichlich Stoff für Lob, Anbetung, für Skepsis, Spott und Ablehnung.

So wurde das opulente Historien-Schauspiels über ein Jahrhundert hinweg gemocht, wieder vergessen und schließlich neu entdeckt und an der Metropolitan Opera in New York von John Cox inszeniert. Die Titelrolle sang dabei Amerikas führende Sopranistin ihrer Generation Renée Fleming, für die diese Inszenierung eigens in den Spielplan aufgenommen wurde. Den Widerpart des an den Verlockungen der Fleischlichkeit leidenden Mönchs Athanaël übernahm eindrucksvoll und dramatisch Thomas Hampson. Ebenfalls spektakulär war die Ausstattung der Bühnenfiguren, denn für die Kostüme von Renée Fleming hatte man den französischen Designer Christian Lacroix gewinnen können. Thaïs, ein bisschen Gretchen, ein wenig Salome, kann damit in strahlender Form dem Paradies der Läuterung entgegenstreben, im klaren, ausgefeilten Surround-Klanggewand der DVD-Fassung der Aufführung, die von den Spezialisten der Metropolitan Opera in bewährter Präzision optisch und akustisch festgehalten wurde. Darüber hinaus führt als Bonus der Star-Tenor Plácido Domingo mit einem Feature „Backstage in der Met“ ins Allerheiligste der Opernwelt – ein Genuss, von Anfang bis zum Schluss.


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