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09.09.2005

Leipzigs Erfolgsgarantie

Riccardo Chailly, Leipzigs Erfolgsgarantie

2. September 2005 im Leipziger Gewandhaus: Riccardo Chailly eröffnet als 19. Gewandhauskapellmeister die 225. Saison. Und schon mit seinem Eröffnungskonzert mit Mendelssohn als Verbeugung vor dem Genius Loci und einer Rihm-Uraufführung unterstreicht Chailly den Anspruch, auch der Moderne wieder in der Stadt zu ihrem Recht zu verhelfen, in der im 19. Jahrhundert Musikgeschichte geschrieben wurde wie an wenigen anderen Orten der Welt.

Und die Ansetzungen zwischen Tradition und Moderne nehmen den Zweiflern den Wind aus den Segeln, die es voller Hochmut, Dünkel und Unkenntnis vor rund drei Jahren kaum fassen konnten, dass es Chailly vom Concertgebouw an die Pleiße ziehen würde. Aber die Ahnenreihe mit großen Namen wie Mendelssohn, Nikisch, Walter, Furtwängler, Konwitschny, Masur, zuletzt Blomstedt und ein Orchester, dessen Eigenklang die Chefs und Weltläufe überstanden hat, übte einen unwiderstehlichen Sog auf den gefragten Italiener aus.

Und mehr noch als das: Am 12. November wächst wieder zusammen, was zusammengehört. Dann hat Leipzig wieder einen Lordsiegelbewahrer für Gewandhaus und Oper. Dann spielt dieses potenzielle Weltklasseorchester wohl auch regelmäßig im Graben auf dem Niveau, wie man es von der Konzertbühne gewohnt ist. Was in den letzten Jahren keine Selbstverständlichkeit war.
Doch diese Alltags-Probleme scheinen weitgehend behoben. Weil Opernintendant Henri Maier seine organisatorischen Hausaufgaben gemacht hat und Chaillys Amtsvorgänger Herbert Blomstedt einen Sound kreierte, wie ihn die deutsche Orchesterlandschaft derzeit kein zweites Mal zu bieten hat. Darum war er genau der Richtige in den letzten Jahren, keine Übergangslösung, sondern ein Glücksfall. Und die Amtsübergabe erfolgt im Zeichen gegenseitiger Wertschätzung und freundschaftlich. Keine Spur von Diven-Krieg, nirgends.

Auf dieser Basis kann nun Chailly aufbauen. Mehrfach hat er mittlerweile in Leipzig gastiert. Und die Paarung des glutvollen Stars und des größten Profi-Orchesters der Welt hat zu den schönsten Hoffnungen ermutigt. Auch Chailly hat sich beglückt gezeigt von den Früchten dieser Zusammenarbeit und kann nicht recht nachvollziehen, woher die Häme rührt, die da einst durchs deutsche Großfeuilleton rauschte. Er sieht sich in der Hauptstadt der Romantik, in den musikalischen Bürger-Traditionen der Stadt Bachs, Mendelssohns, Nikischs, Mahlers, Griegs, Wagners, Walters, Furtwänglers, der Uraufführungsstadt Bruckners, und Brahms' bestens aufgehoben. Und freut sich vor allem auf die Doppelaufgabe Oper - Konzert.

All die schönen Zukunftsaussichten täuschen indes nicht darüber hinweg, dass an der Oper viele Probleme weiter ungelöst sind. Chailly wird hier mit Verdis "Maskenball" beginnen und mittelfristig zwei Produktionen jährlich leiten. Insgesamt sechs, maximal acht bis zehn Vorstellungen. Aber was wird mit dem Rest des Spielplanes? Und wird Chailly hinreichend präsent sein, um auch dann für Qualität zu garantieren, wenn er nicht selbst am Pult steht?
Vor diesem Hintergrund sind die Leipziger ein wenig nervös geworden, als im Frühjahr Riccardo Muti an der Scala das Handtuch geworfen hat. Denn die Scala, das ist das adäquate Haus für den Mailänder Superstar. Hier ist er aufgewachsen, hier wurde seine Handschrift geprägt. Hier gehört er hin. Hier dirigiert er in der kommenden Spielzeit folgerichtig Verdi. Fürs Gewandhaus ist das kein Problem. Im Gegenteil. Der Mythos aus Leipzig und der aus Mailand unter einem Stab vereint, das entwickelt einen unwiderstehlichen Charme. Aber die Oper? Kann sie bestehen gegen den potenziellen Glanz des berühmtesten Hauses der Welt? Für die Zukunft zeichnet sich immerhin eine veritable Kooperation zwischen der Perle der Lombardei und dem zweiten Haus Sachsens ab.

Chailly ist sich der Leipziger Schwierigkeiten bewusst und sucht die Herausforderung. "Ich brauche questo challenge" umreißt er in unwiderstehlichem Itadenglisch seine Bedürfnislage und signalisiert, dass er es in Leipzig "fast auf eine Exklusivbindung" anlegt. Will meinen: Chailly ist Chef in Leipzig. Nicht einmal sein Mailänder Verdi-Orchester hat er behalten. Diese Exklusivität gilt auch fürs Plattengeschäft. Und während die Produktionen der Ära Blomstedt nie recht in die Gänge gekommen sind, ist ein rundes Chailly-Dutzend bereits fest vereinbart, bevor diese Gewandhaus-Epoche überhaupt angefangen hat.

Wahrscheinlich sieht das Gewandhaus rosigen Zeiten entgegen. Denn all die Fragen, die der Oper die Zukunft verdüstern, sind fürs Konzerthaus gegenüber mindestens zufrieden stellend beantwortet. Auch im Konzertwesen fehlen Mittel. Aber vergleichsweise seht das Haus gut da. Die Auslastung der Großen Concerte liegt nahe 100 Prozent, hochkarätige Gastdirigenten und Solisten lauern in der Pipeline, das Fremdvermietungsgeschäft brummt - und unter dem Strich erwirtschaftet das Gewandhaus mehr als die Hälfte seines Etats selbst.

Hier kann es gar nicht anders kommen, als dass die Personalie Riccardo Chailly ein Erfolg wird. Und das verdankt sich nicht zuletzt den sieben Amtsjahren des Gewandhauskapellmeisters Herbert Blomstedt.


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