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16.11.2005

Verteufelt souverän

Riccardo Chailly, Verteufelt souverän

Der Pakt mit dem Teufel ist ein beliebtes Thema, denn es führt direkt zu grundlegenden Fragen nach Moral und Ethik. Igor Stravinsky (1882-1971) hat ihn in den Mittelpunkt seiner letzten Oper "Der Wüstling" ("The Rake's Progress") gestellt und im Unterschied zu Zeitgenossen wie etwa Ingmar Bergmann dunkel und kaum hoffnungsvoll enden lassen. Umso mehr hatte er Gelegenheit, seine musikalische Finesse mit der Gestaltung des faszinierenden Stoffes zu beweisen. Anfang der Achtziger hat der junge Riccardo Chailly das Werk mit der London Sinfonietta dirigiert. Die für ihre Vitalität und Stringenz bekannte Aufnahme ist nun in der Reihe Classic Opera auf CD erschienen.

Mehrfach hatte sich Igor Stravinsky während seines langen Künstlerlebens radikal gewandelt. Da war zunächst der junge Erfolgskomponist, Schüler von Rimskij-Korsakov, der 1910 schlagartig durch sein Ballett "Der Feuervogel" berühmt geworden war. In ihm kulminierte stilistisch die frühe zeitgenössische Moderne, die ihn anknüpfend an die so genannte russische Schule mit sehr unterschiedlichen, die klassisch-romantischen Formgebungen relativierenden Mitteln arbeiten ließ. Nachdrückliche Motivwiederholungen, drastische Akkordik, ungewöhnliche rhythmische Gliederungen, aber auch collageähnliche Schnitttechniken opponierten gegen die wagnerianische Teleologie der Motivik und machten Stravinsky zu einem der eindrucksvollsten Avantgardisten der zehner und zwanziger Jahre. Er stand in engem Kontakt mit zahlreichen progressiven Künstlern seiner Epoche von Claude Debussy bis Pablo Picasso, vermied aber den Sprung in die Abstraktion, wie ihn etwa die Neue Wiener Schule in diesen Jahren vollzog. Er bevorzugte es vielmehr, anhand von vorhandenen Formen der Vergangenheit, die er neu und ungewöhnlich interpretierte und modifizierte, sich mit den Möglichkeiten des Ausdrucks auseinander zu setzen.

Diese Phase des Neoklassizismus reichte in etwa von "Pulcinella" (1920) bis zu "The Rake's Progress" (1951), womit er sich in virtuoser Weise mit der Buffo-Oper des 18.Jahrhunderts auseinander setzte. Erst in Anschluss daran veränderte Stravinsky noch einmal seinen Blickwinkel und integrierte Ideen der Zwölftonmusik in sein Spätwerk, ohne allerdings das System als normativ zu verstehen. In dieser Arbeitsweise liegt auch begründet, warum er letztendlich zwar viele Musiker bis hin zu den Jazz-Kollegen beeinflusst, aber keine eigene Schule begründet hat. Dazu waren Neugier und Persönlichkeit viel zu deutlich ausgeprägt, als dass sie sich in ein System hätten pressen lassen.

Sieben Opern hat Stravinsky geschrieben, unregelmäßig über einen Zeitraum von beinahe vier Jahrzehnten hinweg. "The Rake's Progress" ist die letzte in dieser Reihe und wurde 1951 in Venedig uraufgeführt. Die Geschichte ist rasant und burlesk. Tom Rakewell und Anne Trulove sind verlobt. Der Schwiegervater glaubt nicht an die Ernsthaftigkeit des Schwiegersohns und versucht daher, ihn in ein bürgerliches Arbeitsverhältnis zu leiten. Stattdessen aber erscheint Nick Shadow auf der Bildfläche, der verkleidete Teufel, und erzählt Tom von einer Erbschaft. Gemeinsam gehen sie nach London, Rakewell gerät auf die schiefe Bahn und führt ein lasterhaftes Leben. Anne versucht, ihn wieder heimzuholen, doch er ist inzwischen mit Baba The Turk liiert und steht unter der Fuchtel von Shadow. Rakewell bringt sein gesamtes Vermögen durch, schafft es gerade noch mit Hilfe von Annes Einflüsterungen, ein Kartenspiel gegen den Treufel zu gewinnen, wird aber dafür von ihm mit einem Wahnsinns-Fluch belegt. Im Glauben, Adonis zu sein und seiner Helena beraubt worden zu sein, stirbt er schließlich in einem Irrenhaus.

Chaillys Version für die Decca schafft es, diesen vielschichtigen Stoff mit einer gelungenen Mischung aus Komik und Ernsthaftigkeit umzusetzen. Die London Sinfonietta spielt unter seiner Leitung voller Verve und Inspiration, die Solisten Cathryn Pope (Anne Trulove), Philip Langridge (Tom Rakewell) und Samuel Ramey (Nick Shadow) unterstützen die Interpretation durch Tempo und Lebendigkeit. So entstand eine ausgezeichnete Einspielung mit Referenz-Charakter, die der Reihe Classic Opera ein weiteres akustisches Schmuckstück hinzufügt.


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