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30.11.2006

Das Echo der Erinnerung

Trügerisches Gehirn

Der Mensch behauptet von sich, Herr seines Denkens zu sein. Die Neurologen jedoch sehen das ganz anders. Zwischen diesen beiden Positionen entsteht ein spekulativer Raum, mit dem sich Richard Powers in seinem neuen Roman "Das Echo der Erinnerung" beschäftigt. Anhand einer durch einen Unfall gewaltsam aus der Bahn geworfenen Beziehung eines Geschwisterpaares entwickelt der amerikanische Starautor ("Der Klang der Zeit") ein faszinierendes Spektrum historischer und psychischer Innensichten, das der Schauspieler Ulrich Matthes mit bewährter Perfektion in ein Hörbuch verwandelt.

Auf schnurgerader Straße kommt Mark Schluter vom Weg ab und überschlägt sich mit seinem Truck. Nur mit Mühe wird er gerettet, langsam und mühevoll muss ihm die Wirklichkeit wieder nahe gebracht werden. Seine ältere Schwester Karin übernimmt die Rolle der Pflegerin und päppelt ihn tatsächlich soweit auf, dass er wieder normal sein könnte. Doch Marks Welt hat sich verändert. Nach seiner Gehirnverletzung, die ihn zwei Wochen lang im Koma liegen ließ, leidet er an einer seltsamen Krankheit. Der von Powers erfundene Neurologe Gerald Weber erklärt dieses so genannte "Capgras-Syndrom" mit folgenden Worten: "Capgras-Patienten glauben, dass Leute, die sie lieben, durch genauso aussehende Roboter, Doppelgänger oder Außerirdische ersetzt worden sind. Jeden anderen erkennen sie ohne weiteres. Das Gesicht der geliebten Person weckt Erinnerungen, aber keine Gefühle. Der Mangel an emotionaler Bestätigung wiegt schwerer als die rationale Bestätigung durch die Erinnerung. Oder man könnte es auch so sagen: Die Vernunft erfindet höchst aufwendige, unvernünftige Erklärungen dafür, dass bei den Gefühlen etwas nicht stimmt. Die Logik ist von den Emotionen abhängig." Mark erkennt Karin nicht an, die wiederum mit allem möglichen Mitteln, vor allem der Erinnerung an gemeinsam erlebte Vergangenheit, zu beweisen versucht, dass sie die echte Schwester ist. Weber wiederum, eine Kapazität auf seinem Gebiet, sieht in dem Patienten eine Möglichkeit, sich weiter zu profilieren, trifft aber gleichzeitig auf eine Welle der Ablehnung, die sein aktuelles Buch betrifft. Das wiederum verknüpft sich in ihm schnell zu einer handfesten Psychose. Eine geschädigte Persönlichkeit färbt mit ihrem Schicksal auf eine weitere ab.

Doch damit nicht genug. Powers führt mehrere weitere Ebenen zwischenmenschlicher und allgemein gesellschaftlicher Aporien ein. Die Kindheit von Mark und Karin etwa entpuppt sich als alles andere als harmonisch. Das Städtchen Kearney in Nebraska, wo der Roman überwiegend spielt, ist ein typisch amerikanisches Ende der Welt, ein Kaff im Nirgendwo, das erst durch das Internet der weitgehenden Isolation entrissen zu sein scheint. Eine seiner Attraktionen ist eine Seenplatte in der Nähe, die von Millionen Kranichen alljährlich als Nistplatz ausgewählt wird. Damit nun kommt ein weiterer Handlungsstrang ins Spiel, der des ökologischen Gewissens. Denn Karin hat zwei Lover. Ihr Verflossener würde als Grundstücksmakler durch ein Bauprojekt den Kranichseen gerne das Wasser abgraben, während der andere Gefährte als Öko-Aktivist genau gegen solche Spekulationen kämpft. So verschränken sich im Laufe des Romans viele Stränge zu einem kunstvollen Geflecht um den Themenkomplex Gewissen, Verantwortung, Bewusstsein. Zum Schluss sind es jedenfalls die Kraniche, die dem Ganzen den Titel geben. In ihrem animalischen Gehirn, das weder das Subjekt, noch Emotionen kennt, ist seit Jahrtausenden ein Muster festgesetzt, ein "Echo der Erinnerung", das sie immer wieder an den selben Platz zurückkehren lässt. Und diese Idee wiederum bietet reichlich Raum für Powers philosophische Erörterungen auf der einen und Ulrich Matthes rhetorisches Können auf der anderen Seite. Denn der von der Fachkritik zum "Schauspieler des Jahres 2005" gekürte Star des Deutschen Theaters Berlin liest den mit dem "National Book Award 2006" ausgezeichneten Roman mit der passenden Mischung aus Emotion, Eleganz und Distanz, die dem latenten Ernst der Geschichte gerecht wird. "What a fantastic voice Ulrich Matthes has", meint der Autor selbst über seine deutsche Stimme. Eine großartige Verbindung, das steht fest.


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