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Roman Fischer, Into Your Head
03:30

Aktuelles Album

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Biografie

04.05.2010

Bio 2010

 „Everything that doesn’t change dies out.“

(„Some Other Man“)

Nur fünf Sekunden bereitet das Schlagzeug den Beat vor, schon haut Roman Fischer auf seinem dritten selbstbetitelten Album ganz unmissverständlich die Programmatik raus: „Out of my mind and into your head“. Da pluckern Elektrosounds und treiben an, damit er uns diese Killerhookline direkt in den Kopf jagen kann. Nicht umsonst ist der Opener des Albums auch die erste Singleauskopplung.

„Into Your Head“ schreibt POP ganz groß. Diese dreieinhalb Minuten verlangen nach einer Tanzfläche, sie schreien nach Radioeinsätzen, denn sie tragen genug Energie in sich, um ganz viele Menschen in Richtung Glückseligkeit zu befördern. Geschmackssicher überschreitet Roman Fischer dennoch nicht die Grenze zu Kitsch und Kommerz.

Aber ist dann alles falsch, was wir bisher von Roman Fischer zu wissen glaubten? Den viele Songwriter-Wunderkind, Eigenbrötler, Schwerblut und Selbstentblößer genannt haben?

Mit 17 verlässt Roman sein bayerisches Heimatdorf und zieht in eine Augsburger WG. Schon kurz darauf lernt er Marc Liebscher kennen, und Ende 2003 veröffentlicht er über dessen Label Blickpunkt Pop die drei Tracks umfassende „Outtakes“-EP. Ein Jahr später folgt das Debütalbum „Bigger than now“, auf dem Roman Fischer nahezu alle Instrumente selbst einspielt. Für die zehn melancholischen Popsongs  bekommt er viel Anerkennung. Sie tragen ihn bis ins Vorprogramm von Bands wie Tomte, Turin Brakes, Sportfreunde Stiller und  der Arctic Monkeys. Dass die ersten Vorschusslorbeeren berechtigt waren, beweist Roman Fischer dann 2006 auf dem Nachfolger „Personare“. Der gerade mal 21-jährige überrascht mit unglaublich reifen Pathospophymnen. Wesentlich nachdenklicher als noch auf dem Debüt, entpuppt sich das Klavier als wichtigstes Instrument, wenn er mit klarer Stimme und viel Falsett seine oft sehr düsteren Texte von der Sinnsuche singt. Der Musikexpress kürt das Album zur „Platte des Monats“, und nicht ganz zu Unrecht vergleichen Kritiker ihn immer wieder mit Radiohead, Coldplay, Placebo oder Muse.

„Von meinen Empfindungen her bin ich mit Sicherheit ein schwerer Mensch, aber trotzdem habe ich eine gute Zeit und bin längst nicht so schwer, wie mich viele Leute sehen“, erklärt Roman, warum ihm vier Jahre später plötzlich so unbeschwerte Popsongs wie „Into Your Head“ von der Hand gegangen sind. „Vor kurzem habe ich „Personare“ mal wieder angehört – und war ein wenig schockiert. Das Album hat einen unglaublichen Sog, der fast schon dämonisch ist. Das Album war negativer als sein Vorgänger, aber so habe ich mich in dieser Zeit auch gefühlt. Ich stehe hinter „Personare“, nur ist die Platte  nicht in jeglicher Hinsicht gesund. Inzwischen habe ich gelernt, dass es auch um positive Energie geht und nicht ums Ego.“

Schon unmittelbar nachdem „Personare“ fertig gestellt war, hat Roman Fischer mit der Arbeit an neuen Songs begonnen. „Eigentlich ist das der Zeitpunkt, an dem man völlig entspannt ist und an dem vieles entsteht, weil man noch nicht so am Grübeln ist.“ So entstanden in seinem Augsburger Proberaum einige Songfragmente, die Roman heute aber als „eigentlich unhörbar“ einstuft. „Irgendwie bin ich in eine Sackgasse gekommen, weil ich immer mehr in Richtung Musik gegangen bin und zeigen wollte, wie toll ich bin und was ich als Musiker alles kann.“ Um sich aus diesem Engpass zu befreien, waren mehrere Schritte nötig: ein Umzug nach Berlin, die Öffnung für Teamarbeit und die Freundschaft mit dem Produzenten Patrick Berger aus Stockholm.

„Bei Patrick hat es klick gemacht. Er hat mich zur Popmusik zurückgebracht und mir gezeigt, dass es nicht darum geht, sich selbst etwas zu beweisen, sondern dass der Song und das Gefühl im Vordergrund stehen müssen.“ Und so ist „Roman Fischer“ voller verspielter Popmomente – ohne gleich zu hinterfragen, ob diese anspruchsvoll und tief genug sind.

Auf dem neuen Album finden sich nicht nur unglaublich eingängige Songs, auch textlich steht Roman Fischer„Into Your Head“ eine neue Leichtigkeit gut. Natürlich ist einfach ein Liebeslied und „We’ll Never Meet Again“ thematisiert Hirngespinste ohne doppelten Boden. Doch gerade, weil Roman bei der vermeintlichen Einfachheit der ausgedrückten Gefühle die Fallen kennt, sind die Texte alles andere als plump.

„Viele Wahrheiten sind nun mal ganz offensichtlich. Wir haben so viele Möglichkeiten, die wir gar nicht mehr sehen, weil sie uns die ganze Zeit vor Augen gehalten werden. Aber gerade deswegen habe ich auch manchmal absichtlich Klischees bedient – sie stimmen einfach.“ Und dabei hat er auch seinen Humor entdeckt. Wenn er in „Sequels“ den schon so oft beackerten Abnabelungskampf von den Eltern beschreibt und die gängigen Muster einfach umdreht, dann liegt der Witz eben genau in dieser verdrehten Direktheit.

Auch der Song „Some Other Man“ beruht auf  einem ganz konkreten Erlebnis: „Ich bin für ein paar Tage mit Freunden an die Nordsee gefahren, um zu entspannen. Weil mich da auf der Straße mal wieder jemand als „Schwuchtel“ bezeichnet hat, wurden alte Kindheitserinnerungen aus der Schulzeit wach. Also habe ich mich hingesetzt und „Some Other Man“ geschrieben. Textlich habe ich mich darin über diese ganze Kleingeistigkeit ausgekotzt.“

Das neue Album ist das Tagebuch einer Befreiung, das vier Jahre bündelt, aber nicht nach vier Jahren klingt. Es ist das Album eines Musikers, der seinen eigenen Weg geht und sich nicht mehr davon einschränken lässt, was andere von ihm denken könnten. „Not For Everyone“ bildet diese Befreiung ganz direkt ab, und mit dem Song „Let It Go“ verwandelt er diesen Akt in eine Parole.

Man ist geneigt, Romans Umzug nach Berlin vor zweieinhalb Jahren für diese innere Entschlossenheit verantwortlich zu machen, nicht zuletzt natürlich wegen seiner Liebe zu elektronischer Musik. „Der Einfluss ist nicht ganz so direkt“, schränkt Roman ein. „Ich mag Partys und das Wir-Gefühl, aber ich bin weder Discogänger noch Szenemensch. Trotzdem repräsentiert die Platte für mich die Großstadt an sich. Das Album ist schnelllebig, aber trotzdem abwechslungsreich und unglaublich bunt. Wenn ich nicht weggezogen wäre, hätte ich mich nicht getraut, das so zu machen.“

Nachdem Roman sich mit Songs wie „Into My Head“ und „We’ll Never Meet Again“ gegen die eigene Verkopftheit gewehrt hatte, klappten auch die Songs mit schwererer Botschaft. „Beware“, „Sooner Or Later“ und der Titelsong sind allesamt Kompositionen, die Roman bereits in Augsburg begonnen hatte. „In Schweden habe ich gelernt mir von Musikerfreunden helfen zu lassen. Meine Songfragmente waren der Stein des Anstoßes, aber dann habe ich losgelassen und zusammen haben wir lustigerweise genau das aus den Liedern gemacht, wie ich sie schon immer haben wollte.“

Auch „All Night All Day“ ist im Teamwork entstanden. Nicht nur der Beat verneigt sich vor den NDW-Wave-Vorreitern DAF, Roman singt bei dem sicheren Hit plötzlich auf Deutsch. „Es war das letzte Stück, das wir geschrieben haben, bei dem ich dann wohl auch am befreitesten war und mir am wenigsten dabei gedacht habe“, lacht Roman. „Eigentlich war ich nie Fan von Stücken, die Deutsch und Englisch gemischt haben. Aber Patrick Berger und die anderen Schweden sind einfach totale Deutschlandfans. Ich wollte deren Held sein, und für mich war es der Gipfel der Befreiung.“

Man kann das Album wie eine alte Schallplatte hören. Da ist die A-Seite, mit der Roman neue Pfade beschreitet. Da ist mit „Beware“ ein Übergangssong, und da ist eine B-Seite mit der bewährten emotionalen Tiefe der vergangenen Alben.

Deshalb ist es nur folgerichtig, dass das Album einfach nur „Roman Fischer“ heißt. Der Künstler setzt damit ein Statement: er zeigt sein neues Selbstbewusstsein.