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16.03.2017

Menschen im Hotel – Jarvis Cocker und Chilly Gonzales veröffentlichen den Liederzyklus "Room 29"

Der Pulp-Frontmann und der Pianist erwecken in ihren Stücken die Geister aus Hollywoods Glanzzeit.

Room 29, Menschen im Hotel – Jarvis Cocker und Chilly Gonzales veröffentlichen den Liederzyklus Room 29 © Alexandre Isard

Nebulöser Nebenschauplatz der Popkultur, Zuflucht der Stars und Gangster, einsamer Ort der Leidenschaften, komfortable Bühne eines Nervenzusammenbruchs: das Hotel hatte schon immer eine Aura des Mysteriösen und Geheimen. Nun entführen der kanadische Pianist Chilly Gonzales und Jarvis Cocker, Sänger der Britpop-Band Pulp, in ein ganz bestimmtes Hotelzimmer: den denkwürdigen Room 29 im legendären Chateau Marmont am Sunset Boulevard von Hollywood. In der Luxusabsteige starb der Schauspieler John Belushi an einer Überdosis. Britney Spears bekam Hausverbot, weil sie sich im Speisesaal Essen ins Gesicht schmierte, und 2004 raste der Fotograf Helmuth Newton tödlich mit seinem Cadillac gegen die Mauer der Einfahrt: drei von zahlreichen Skandalen.

Eine Zeitreise in die 1930er-Jahre

Die allzu bekannten Vorfälle (Led Zeppelin fahren auf Harleys durch die Lobby; James Dean springt aus dem Fenster) und die jüngeren Unehren im Chateau Marmont (Lindsay Lohan prellt Zeche: 46.000 Dollar) sparen sich Gonzales und Cocker und spulen dafür zurück in die Ära der Sexbombe Jean Harlow, Marlene Dietrichs und des Banditen Mickey Cohen. Einen Stutzflügel, der tatsächlich im besagten Zimmer 29 des Hotels steht, machen sie zum Erzähler ihrer Geschichten hinter verschlossener Tür. Was wäre, wenn das Piano Augen hätte und sprechen könnte? Musikalisch geben sie sich einer scheinbar vergangenen Form hin: dem romantischen Liederzyklus. Arrangiert und am Piano begleitet von Gonzales, unterstützt vom Hamburger Kaiser-Streichquartett, spielen sie mit den Mitteln des Kunstlieds und Hörspiels, der Salon-Musik und Bar-Songs. Passend erscheint das postmoderne Oeuvre beim renommierten Klassik-Label Deutsche Grammophon auf CD und LP. Zum Record Store Day am 22. April 2017 erscheint eine weitere streng limitierte Vinyl-Version, die nur bei ausgewählten Händlern verfügbar sein wird.

Pop-Rebellen und Beatniks der 1990er, danach Feuilleton-Lieblinge und genreversierte Pop-Koryphäen

Chilly Gonzales und Jarvis Cocker erscheinen als Dream-Team in Sachen anspruchsvoller, unspröder Unterhaltung. Kennengelernt haben sie sich vor Jahrzehnten, als Gonzales das Vorprogramm eines Pulp-Konzerts in Cornwall bestritt. Damals waren Cocker und Co. nach ihrem bahnbrechenden Album "Different Class" zu Superstars der Britpop-Welle avanciert, und Gonzales war jener mit Goldketten behängte Prankster-Rapper, Duettpartner des Rriot-Girls Peaches und Präsident des Berliner Undergrounds, bevor er als Neo-Chopin auf seinen umjubelten "Solo Piano"-Alben in der Welt der normalen Musikhörer ankam und als Produzent der Über-Singer-Songwriterin Leslie Feist in den internationalen Top-10. Da war Gonzales, genau wie Cocker schon nach Paris umgezogen.

2012 checkte Cocker während einer USA-Tournee von Pulp ins Chateau Marmont ein und war sofort ergriffen vom nostalgischen Charme des Etablissements. Direkt nach der Tour fing er an zu recherchieren, förderte Legionen Filmstars und Gangster zutage. Einige ihrer Geschichten hat er hier in seinen Couplets verdichtet. Inhaltlich liefert der hellwache Beobachter hier eine Art Antithese seines Signatur-Songs: "Common People".

Mit 53 klingt Cocker voller und verlebter als in seinen Zeiten des Britpop-Bohemiens

Ein bisschen erinnert er an Serge Gainsbourg in "Melody Nelson", an Burt Bacharach, sarkastisch bleibt er allemal, "...du brauchst keine Freundin, sondern einen Sozialarbeiter", singt er schmachtfetzend in "Tearjerker". Seine Stimme verkörpert bildhaft den äußeren Glamour und die Illusion ("Trick of the Light"), die innere Verlassenheit dieser Hotel-Episoden aus Hollywood, und der Hörer hängt an seinen Lippen.

Aufführungen in Hamburg, Berlin, London und Paris

Drei Jahre arbeitete das Duo an "Room 29". Anfang 2016 führten Gonzales und Cocker eine noch unfertige Version in der Hamburger Kampnagel-Fabrik auf. Im März werden sie "Room 29" in Hamburg, Berlin, London und Paris auf die Bühne bringen. Wahrscheinlich, dass Gonzales im Morgenmantel und Pantoffeln auftreten wird und Cocker wieder in seiner braunen Cordhose. Ihre Selbstironie untermauert auch in "Room 29" tragikomische Pointen. 


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