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29.03.2010

Rufus Wainwright "All Days Are Nights: Songs For Lulu"

Eine Stimme und ein Klavier. Sonst nichts. Es klingt wie eine furiose Rückkehr aus der Ära des World Wide Web in die emotionalen Abgründe klassischer Liederzyklen. Erinnerungen an Franz Schubert werden wach und das ist gewollt. Rufus Wainwright trägt gern dick auf, doch für sein neues Album "All Days Are Nights: Songs For Lulu" entschloss er sich zu einer anderen Gangart. Nachdem er auf seinen Alben "Release The Stars" und "Milwaukee At Last!!!", einer Hommage an Judy Garland und seiner Oper "Prima Donna" immer opulenter arbeitete, sehnte er sich nach einem intimeren Rahmen, der seine Gefühle unverstellt und ohne Ballast zum Ausdruck bringt. So setzte er sich ans Klavier und legte los. Sein neues Album ist eine einzigartige Positionsbestimmung eines gereiften Künstlers, der seine Passion in Theater, Oper und dem klassischen Kunstlied sieht. "Während all dieser gigantischen Projekte wurde das Klavier mein Kokon", bekennt Wainwright. "Da fand ich Zuflucht und konnte reflektieren, was emotional in den Songs steckte. Bei so vielen Musikern, Produzenten und willkürlichen Deadlines braucht man Kraft und Durchsetzungsvermögen. Hin und wieder muss man sich aber auch auf seine Gefühle rückbesinnen können. Außerdem machte mir die Krankheit meiner Mutter zu schaffen. Das Klavier war mein Beschützer."

Rufus Wainwright ist der Sohn des Folkbarden Loudon Wainwright III und Kate McGarrigles, einer der legendären McGarrigle Sisters, die am 18. Januar dieses Jahres verstarb. Für Rufus, der bis vor wenigen Jahren das Leben eines Paradiesvogels führte, ein Grund in sich zu gehen. Die Krankheit der Mutter hatte sich lange angekündigt. Dem Plan, ein Pianoalbum aufzunehmen, lag aber noch eine viel ältere Rechnung zugrunde. "Viele meiner Platten haben ein durchgehendes Motiv. Auf ‚Want One’ und ‚Want Two’ ging es um meine Gesundheit und Mannwerdung. Auf dem Judy-Garland-Album ging es um meine Stimme. Die neue CD ist für mich eine Möglichkeit, mich dem Klavier anzunähern. Uns verbindet eine seltsame Geschichte. Ich habe unzählige Stunden genommen, aber nicht genug geübt und nie ein bestimmtes Level überstiegen. Diesen Dämon musste ich packen und meine Gefühle auf diesem Instrument ausdrücken."

Rufus Wainwright hat einen ausgeprägten Hang zu dramatischen Momenten. Er weiß genau, was eine Oper oder eine perfekt inszenierte Show braucht. Doch im einsamen Dialog mit dem Klavier kann er in einem einzigen Song mehr ausdrücken als mit einer sechsstündigen Oper. Sein Album erinnert an die großen Liederzyklen des 19. Jahrhunderts. Wainwright macht keinen Hehl aus seiner Liebe zu Franz Schubert und anderen Schöpfern klassischer Liederzyklen. Dennoch will er mit seinen Songs ein aktuelles Lebensgefühl ausdrücken und ein modernes Publikum ansprechen. Dabei greift er auch mal auf einen biblischen Vergleich zurück. "Die moderne Popkultur konzentriert sich auf Fragen wie Image, Produktion und Marketing. Die Musik selbst gerät gegenüber dem ganzen Drumherum ins Hintertreffen. Meine CD erinnert mich an David und Goliath. Ich stehe mit meinem winzigen Album, das nur aus Stimme und Klavier besteht, dieser gigantischen Pop-Maschine gegenüber. Wenn jemand den Riesen erlegen kann, dann dieser Zwerg."

Damit will Wainwright nicht sagen, dass Popalben für ihn passé sind. Er will nur in Erinnerung rufen, dass sich hinter vielen großen Pop-Hits wunderbare Lieder verbergen. Wie bei den großen Komponisten der Klassik steht der Song in seiner Essenz im Mittelpunkt. Dabei zieht er natürlich alle Register eines vokalen Psychologen. Er spielt die Klaviatur der Gefühle voll aus, setzt aber nicht auf den billigen Effekt. Schmerz und Freude verschmelzen in einem höheren Prinzip. Das mag nicht zuletzt an der Auswahl der Songs liegen, die sich aus ganz unterschiedlichen Quellen speist. Da sind drei Sonette von Shakespeare, ein Song aus seiner Oper und verschiedene Lieder, die eigens für das aktuelle Projekt entstanden sind. Die Auswahl erfolgte nicht zufällig. Hinter der Story verbirgt sich eine noch tiefere Geschichte, bei der Lulu ins Spiel kommt. Der Name Lulu geht auf die gleichnamige Oper von Alban Berg nach einer Vorlage Frank Wedekinds zurück, die die Metamorphose einer von seltsamen Todesfällen umgebenen Frau beschreibt. "Ich hatte Schwierigkeiten, mich auf mich selbst zu konzentrieren. Da war ständig so eine dunkle Macht, die mich auf ihre Seite ziehen wollte. Diese Kraft identifizierte ich als Lulu. Von der gegenüberliegenden Straßenseite meines Lebens lockte sie mich, alles abzuwerfen und zu vergessen. Es war eine destruktive, starke Frau, die ich immer im Augenwinkel hatte. Statt sie zu ignorieren oder ihr zu folgen, beschloss ich, ihr diese Songs zu opfern. Das war eine Form von Akzeptanz dieser dämonischen Kraft, um mich nicht selbst opfern zu müssen."

Von drei Songs auf dem Album ist Wainwright nur Co-Autor. Die Texte stammen von einem gewissen William Shakespeare, der sein Publikum um 1600 unterhielt. Nun kennt man von Shakespeare vor allem Theaterstücke wie "Hamlet", "Romeo und Julia" oder "Macbeth", weniger jedoch seine Sonette. Doch gerade diese haben es Wainwright besonders angetan. Immerhin hat er einen Zyklus mit Shakespeares Sonetten schon gemeinsam mit Robert Wilson am Berliner Ensemble aufgeführt. Doch die Faszination für die Texte des Altvorderen will nicht vergehen. Seine Beziehung zu dem barocken Starautor nimmt Wainwright mit Humor. "Ich arbeite seit Jahren mit ihm und finde ihn recht umgänglich. Er redet nicht viel und fragt nie nach Geld." Und dann etwas ernster: "Ich bin vielleicht ein wenig altmodisch, halte ihn aber für den größten Schriftsteller, der jemals lebte. In sein Material abzutauchen, ist ein konstantes Wunder. Seine Sonette sind mystisch, relevant, unsterblich sowie gleichermaßen verstörend und hoffnungsvoll. Das ist wirklich große Literatur." Wainwright weiß natürlich, dass er sich in eine große Tradition stellt. Nur wenigen Komponisten ist es gelungen, Shakespeare gerecht zu werden. Einmal mehr greift Wainwright selbstbewusst nach den Sternen. "Ich will einer dieser wenigen Komponisten sein, die Shakespeare packen, so wie Verdi. Musik und Shakespeare haben eine lange und schwierige Beziehung. Ich verstehe auch warum. Man kann ihm nur gerecht werden, wenn man ihm etwas Gleichwertiges entgegensetzen kann. Es kann niemals gleich kraftvoll sein, aber man muss viel Arbeit investieren. Ich war mir bewusst, dass diese Songs ein besonderes Statement ein müssten."

Ein Aspekt, der auf dem Album nicht zu hören ist, aber bei den Live-Aufführungen von "All Days Are Nights: Songs For Lulu" eine wichtige Rolle spielen wird, ist die visuelle Komponente. Der renommierte Künstler und Filmemacher Douglas Gordon drehte eine Sequenz, in der nichts andres zu sehen ist als Wainwrights weinendes Auge. Der Film wird bei der Performance hinter dem Sänger projiziert. Die beiden kennen sich seit Jahren. "Douglas porträtierte meine Trauer. Über allem, was ich in den letzten Jahren erlebt habe –  meine Oper, die Sonette, meine Platten und meine Liebe – lastet der Tod meiner Mutter. Mit seinem Film hat er auf ganz einfache Weise die Komplexität von Kummer dargestellt. Er geht niemals zu weit, zeigt keine Bilder von meiner Mutter, aber macht deutlich, dass ich verwundet bin. Er fand Bilder zu meinen Gefühlen und der tieferen Bedeutung dieser Songs. Auf diesem Album geht es um Trauer."

"All Days Are Nights: Songs For Lulu" ist ein Kunstwerk, das die Dimension der CD sprengt. Dieses Album ist nicht für die Vergänglichkeit des Marktes gemacht, sondern lädt zu einer Neubewertung menschlicher Kreativität in größerem Rahmen ein. In früheren Zeiten hatte man für diese Art von Arbeit eine unschlagbare Bezeichnung: Meisterwerk!


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