Biografie

27.04.2016

Sara Hartman, "Satellite", 2016

Wenn Sara sich freut, macht sie eine Geste ähnlich der einst populären Becker-Säge, nur bewegt sich bei der 20 jährigen Exil-New-Yorkerin die gestreckte Faust nicht parallel zum Boden sondern schraubt sich in die Luft, um dann ruckartig wieder zur Brust zu schnellen. Sara strahlt dabei und lacht: "Yes!". Es fällt nicht schwer, die Frau mit den auffälligen Locken sofort zu mögen, aber wenn dann die Musik abfährt, geht die Geschichte erst richtig los...

Sara Hartman ist Musikerin und Sängerin, sie lebt seit diesem Jahr in Berlin. Dafür hat sie die USA hinter sich gelassen, ihre Heimat New York. Doch wenn man ihre Herkunft mit New York beziffert, erzeugt das ein falsches Bild. Denn Sara stammt nicht aus New York City - Wolkenkratzer, Central Park, Broadway, The Strokes etc. - sondern fast 200 Kilometer davon entfernt. Aus den Hamptons, Teil des Staates New York, Teil der Insel Long Island. Und auch wenn die wenigsten diesen Ort schon einmal besucht haben dürften, bekannt ist er dennoch. Ein statusträchtiger, aufgeladener Rückzugsort für den Geldadel, in dem Leute wie Spielberg, Mariah Carey oder Tiger Woods pompöse Sommerhäuser besitzen. Sara Hartman hat hier ihre Jugend verbracht - und zählt trotzdem nicht zu den Superreichen. Ihre Eltern gehören zu denjenigen, die von eben jenem Betrieb leben. Die Reichen benötigen schließlich Infrastruktur, Shop-Angestellte, Kinderbetreuer, Parkplatzwächter – oder eben Poolbauer wie Saras Vater.

Auch Sara selbst hatte in diesem surrealen Treiben früh lohnenswerte Geschäfte entdeckt: So spielte sie bereits mit 14 Jahren Gitarre in Restaurants, um sich das Taschengeld aufzubessern – aber eben auch weil sie schon immer für die Musik lebte. Was passte da besser, als sich dafür bezahlen zu lassen, zwischen Vor- und Hauptspeise mitunter zu Tränen zu rühren? "Ich musste mich dabei natürlich an Radiohits halten, aber damit es auch für mich selbst immer eine Herausforderung blieb, habe ich gern Mash-Ups gespielt, also Stücke zusammengebracht ... ich habe "Sitting On The Dock Of A Bay" mit "Stand By Me" gemischt. Ich weiß, das klingt vielleicht super lahm," schmunzelt Sara über ihre Zeit als Dinner-Untermalerin in den Hamptons, "aber mir hat es viel gebracht – und, hey, es kam immer gut an."

Eine ziemliche Untertreibung. Saras Talent schien so hell, dass es selbst an diesem Unort in Long Island entdeckt werden musste. Und nun nahm sie dieser Tage ihre eigenen Stücke, ihr erstes Album auf. Eine aufregende Zeit – und das alles weit weg von Zuhause, denn die Geschichte, die an einem Ende der Welt begann, führte über verschlungene Pfade zielsicher nach Berlin. Dort hat Sara Hartman verdammt viel Musik zu tun - und mit dem Produzenten Tobias Kuhn dabei den perfekten Counterpart fürs Arrangieren ihrer Stücke gefunden. Musikalisch flimmern jene zwischen crispy elektronischen Sounds und sehr viel warmer analoger Instrumentierung. Darüber schwebt diese Stimme, die man schon nach dem ersten Hören nicht mehr loswird – das aber auch garantiert nicht mehr möchte. 

Die Aufnahmen der mit Kuhn erarbeiteten Stücke boten für die Neu-Zentraleuropäerin Sara Hartman zudem noch ein weiteres Abenteuer. Aufgenommen wurde nämlich nicht allein in der Hauptstadt sondern auch in einem Studio in der Toskana. So erweiterten sich Blick und Radius von Team Sara. Schließlich hatte man die glorreiche Idee, die Strecke nach Italien mit dem Auto zurückzulegen. Ein richtiger kleiner Roadmovie für die Sängerin - und über 2500 Kilometer für den Wagen. Am Ende der Reise mit Zwischenstopp in Kuhns Heimat München stand eine Begegnung mit ihrer Mutter, einer bildenden Künstlerin, die sich ihr Leben lang gewünscht hatte, einmal in die Toskana zu reisen. Sara hatte Mutti, die noch nie in Europa war, auf den Trip eingeladen. Man traf sich in einem kleinen Ort zwischen Siena und Florenz, feierte das gute Essen und kam mit noch besseren Aufnahmen zurück.

Jene mögen nun für Sara sprechen – kein Zweifel, es wird ihnen gelingen, der Mix aus ausdrucksvollem, zeitgemäßem Pop mit der klassischen Anmutung einer Adele oder einer Alanis Morissette der 90er ist einfach zu stark. Sicher wird man bald Zeuge sein dürfen, wenn Sara ihre Faust auf den großen Bühnen zum Himmel streckt.

Yes!