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16.04.2010

Scissor Sisters Biografie 2010

Es war das Jahr 2009, und Jake Shears befand sich gerade in Berlin. Genauer gesagt im Club. Auf der Tanzfläche. "Es gab Nächte, in denen ich mir die tanzende Menge anschaute und bei diesem Anblick jegliches Gefühl für die Zeit verlor. Ich hätte nicht einmal sagen können, in welchem Jahrzehnt wir uns gerade befanden."

Dabei ist es gar nicht so schwer, den genauen Zeitpunkt zu bestimmen: Drei Jahre waren seit der Veröffentlichung des zweiten Albums der Scissor Sisters vergangen (das sich übrigens wie schon der Vorgänger allein in Großbritannien über eine Million Mal verkaufen sollte); und es sollte noch ziemlich genau ein Jahr dauern, bis das dritte Werk seiner Band erscheinen würde. Und wie Jake so die tanzenden Massen beobachtete, sprang plötzlich der Funke über und ihm war mit einem Mal klar, wohin die Reise dieses Mal gehen musste: Er sah in diesem Moment gewissermaßen das Feuer, das im Kern von "Night Work" lodert, ihrem neuen Longplayer, der einfach nur nach absoluten Killer-Tanzschritten klingt und dem es auf fast schon unheimliche Weise gelingt, die Nacht ein für allemal zum Tag zu machen. Ohne dabei an eingängigen Melodien zu sparen, ist "Night Work" letztlich genau das, was der Titel verspricht: Ein nachtaktives Klangwesen, dessen Seele tatsächlich aus ganz unterschiedlichen Dekaden stammen könnte. "Die Platte ist einfach nur ein Traum", sagt Jake. "Sie vereint all das, woran wir uns früher vergeblich die Zähne ausgebissen haben."

Traumhafter als die euphorische erste Singleauskopplung "Fire With Fire" hat eine Rückkehr ins Rampenlicht in der Tat selten geklungen: Auf dem Track erzählen die Scissor Sisters eine epische Geschichte über Niederlagen und siegreiche Schlachten, über einen Triumph in allerletzter Minute: "Der Song handelt von dem schrecklichen Gefühl, das dich überfällt, wenn die Zeit verstreicht und dir alles aus den Händen zu gleiten scheint, und die Minuten einfach so vergehen und es mit jedem Moment schlimmer wird", sagt Jake. "Der Song ist also eine Kampfansage an die Art von Gedankengängen, die letztlich nur auf Selbstzerstörung abzielen. Dass ein Song richtig gut ist, weiß ich, wenn er mich an den Rand der Tränen bringt, und dieser Song hat mich schon mehrfach zum Weinen gebracht. Fast schon peinlich, wie oft das bereits vorgekommen ist. Es ist ein triumphaler Song, in dem wir ein Thema behandeln, das jeden betrifft. Dazu kommt, dass er alles andere als unaufdringlich ist, und genau dafür liebe ich dieses Stück so sehr."

Mit "Fire With Fire", ihrer neuen Hymne über Herausforderungen, denen man sich stellen muss, über Standhaftigkeit und Nerven, die man behalten muss, um am Schluss die Oberhand zu behalten, zelebrieren Jake, Ana Matronic, Babydaddy und Del Marquis den menschlichen Geist – und sie feiern zugleich, dass es ihnen irgendwie gelungen ist, es bis zum dritten Album zu schaffen. Während der Vorgänger, dessen Titel "Ta-Dah" zwar eigentlich nur Feierlaune erwarten ließ, auch seine düsteren Momente hatte, zerrt einen "Night Work" permanent auf die Tanzfläche, jedoch dieses Mal ganz ohne ein gewisses Element, das Babydaddy als "muppetmäßige Fusseligkeit" bezeichnet. Ein Beispiel: Es wird sicherlich auch mal in die Hände geklatscht auf diesen Songs, aber – und darin liegt der entscheidende Unterschied – die so genannten "Jazz Hands", in die Luft geschleudert und geschüttelt, als wäre da ein unsichtbares Tamburin im Spiel, sucht man auf dieser Platte vergeblich. Die fast schon rührselige Stimmung des Vorgängers ist dieses Mal, wie Jake sagt, "durch ein eher düsteres Element ersetzt, was mich jedes Mal UMHAUT! Dieses düstere Element ist sexuell sehr stark aufgeladen. Weite Teile des Albums handeln davon, die eigenen Grenzen zu überschreiten und vielleicht sogar einen Tick zu weit zu gehen." Passenderweise beginnt das Album mit dem ultimativen Ausgeh- und Party-Song "Night Work", um nach 11 weiteren Tracks keineswegs mit einer zerknirschten Ballade zu enden, sondern mit einem unfassbaren Tanzflächen-Donnerschlag namens "Invisible Light", zu dem man die Hände dann doch noch in Richtung Stroboskoplicht schleudern muss. Während die meisten Alben das Tempo gegen Ende zurückschrauben, ist man hier auf einer Party gelandet, die einfach nicht aufhören will – wobei man schon sagen muss, dass es ein wenig gedauert hat, bis es so richtig losging...

Die Entstehungsgeschichte von "Night Work" beginnt nach ihren ausverkauften Headliner-Shows in der Londoner O2-Arena im Jahr 2007: Direkt im Anschluss gingen die Scissor Sisters nämlich wieder ins Studio und arbeiteten fleißig an neuen Songideen. Laut Babydaddy hätte Album #3 daher schon vor rund zwei Jahren im Kasten sein können: "Wir hatten jede Menge Songs, aber irgendwie ergab das alles keinen Sinn. Ich wollte mit der Band erst dann zurückkommen, wenn es auch wirklich einen Grund dazu gab, wenn sich genügend bei uns getan hatte, um wieder die Playlists der Sender in Beschlag zu nehmen." "Irgendwie waren die Songs bedeutungslos", fügt Jake hinzu, "und wir wussten auch gar nicht, was wir damit eigentlich zum Ausdruck bringen wollten." Also fassten sie den Entschluss, sich zunächst ganz anderen Dingen zu widmen: Babydaddy versuchte sich mit Pinsel und Staffelei, Ana konzentrierte sich aufs Schreiben, und Del veröffentlichte ein paar Songs, die er im Alleingang aufgenommen hatte. Jake hingegen schrieb ein Musical – und er ging nach Berlin: um zu tanzen, um sich voll und ganz dieser Stadt und ihren Clubs auszuliefern. Mitten auf der eingangs erwähnten Tanzfläche fiel er dann in das besagte Zeitloch, und während er sich fragte, in welchem Jahr bzw. Jahrzehnt er sich eigentlich befand, dachte er: Was würde wohl als nächstes passieren, wenn ich beispielsweise im Jahr 1984 gelandet wäre? "Und dann dachte ich über New York und die New Yorker Clubszene der siebziger und achtziger Jahre nach: Da lag so viel Energie in der Luft, alles wurde dort vorangetrieben, bis mit einem Mal alle tot waren. Die Party in New York hätte kein dramatischeres Ende nehmen können. Eine ganze Generation war mit einem Mal ausgelöscht. Eine der Fragen, die ich mir nun stellte, lautete: Wie wäre es wohl mit dieser Musik von damals weitergegangen? Was hätten Sylvester, Frankie und der ganze Rest der Bande wohl als nächstes gemacht? Was wäre passiert, wenn diese ganze Ära nicht so ein jähes Ende gefunden hätte? Und: wie würde es wohl klingen, wenn man heute da ansetzt, wo sie aufgehört haben? Ich wollte herausfinden, wie diese Art von Musik im Endeffekt geklungen hätte." Damit war die Idee zu "Night Work" geboren.

"Nachdem Jake dieses Erlebnis hatte, wusste ich, dass wir nun etwas gefunden hatten, um den nächsten Schritt zu gehen", erinnert sich Babydaddy; als sie dann im Juni letzten Jahres "die so oder so längst überfällige", Arbeit mit dem Produzenten Stuart Price aufnahmen, kam es endgültig zur kreativen Explosion. Die Band traf Stuart in Berlin, um sich zunächst noch einmal die Demos anzuhören, die sie bereits aufgenommen hatten. Danach gab Stuart seine Philosophie zum Besten: "Jede Platte klingt letztlich so wie die Stimmung, die während der Aufnahmen geherrscht hat. Darum ist es wichtig, dass man im Studio Spaß hat." Damit hatte er das Problem auch schon gefunden. Als alter Bekannter und Freund der Band (die Scissor Sisters hatten bereits hin und wieder mit ihm zusammengearbeitet, nachdem sie im Jahr 2004 erstmals im Vorprogramm seiner Band aufgetreten waren), war Stuart das fehlende Puzzleteil, die Antwort, auf die sie eigentlich schon viel früher hätten kommen können: "Es war wie eine gemeinsame Fahrt auf einem Tandem, das man früher schon öfter gemeinsam benutzt hat; eine Fahrt mit einem Partner, von dem du weißt, dass er nicht einfach so bremst, was dich mal eben über den Lenker katapultieren würde", meint Ana. Jegliche Bedenken, dass Stuart es ihnen eventuell sogar zu leicht machen könnte, wurden schon bald zunichte gemacht: Er nahm die Scissor Sisters härter ran, als sie es je für möglich gehalten hatten, warf ohne mit der Wimper zu zucken jeden Track raus, der nicht funktionieren wollte, und setzte alles daran, die verbleibenden Songs in ihre endgültige Form zu schleifen.

"'Fire With Fire' markierte schließlich den Wendepunkt", erinnert sich Babydaddy. "Da wurde Jake klar, dass er einfach das Heft in die Hand nehmen und genau das sagen konnte, was ihn bewegte." Ana fügt hinzu, dass bei ihr der Knoten geplatzt ist, "als wir erkannten, dass wir nicht noch einmal dieselbe Platte aufnehmen mussten. Wir mussten nicht die A- und die B-Seite jeweils schön mit einer Ballade ausklingen lassen. Ehrlich gesagt mussten wir keine einzige Ballade aufnehmen..." Und so findet man auch keine Balladen auf der LP: "Night Work" ist für die Tanzfläche gemacht; es ist eine astreine Dance-Scheibe. Allerdings präsentieren die Scissor Sisters mehr als nur elektronische Sounds. Auch die kollektive Energie, wie sie nur in Proberäumen entsteht, haben sie weitestgehend bewahrt – ein Beispiel dafür wäre der Track "Any Which Way". Dennoch ist und bleibt es ein Club-Album, und zwar eins, dem es gelingt, einerseits schlüssiger und runder (also vielleicht auch: reifer) als die beiden Vorgänger zu klingen, während der Vibe und die ganze Haltung zugleich sehr viel jünger wirken. Mehr Beispiele? "Running Out" ist eine Ode an die angeborene Selbstzerstörungsfunktion des Menschen (wie Ana es nennt), bzw. an "abgebrannte Kids im Club, die den Boden nach Drogen absuchen" (so sieht Jake das). "Sex And Violence" ist von American Psycho inspiriert, und so beschreibt Jake den Track auch als "eine Art elektronisches Mord-und-Totschlag-Lied". "Something Like This" hingegen überzeugt mit roboterhaftem Geklirre, das sich nachdrücklich und wellenförmig in die Hüften und ins Hirn bohrt.

"Unterm Strich ist 'Night Work' einfach nur die Quintessenz von uns: Die LP fühlt sich durch und durch nach Scissor Sisters an." Natürlich gibt es da ein paar Referenzpunkte – alles von Giorgio Moroder über The Cult und Frankie Goes To Hollywood bis hin zu ZZ Top wird immer wieder angeführt –, doch nach drei Alben haben die Scissor Sisters inzwischen ihren eigenen Sound definiert und jenes Feuer wieder entfacht, mit dem sie es einst aus schäbigen New Yorker Gay-Bars bis in die Londoner Royal Albert Hall geschafft haben. Bezeichnend ist dabei vielleicht, dass ihr neuer Longplayer etwas weniger nach der Albert Hall und dafür wieder etwas mehr nach einem klassischen "Prinz Albert" klingt. Diesen Ansatz bringen sie mit dem letzten Song "Invisible Light" noch einmal perfekt auf den Punkt: einem Track, den man im Grunde als "Pink Floyd in the Pleasure Dome" beschreiben muss, wenn es mit viel Publikumslärm und bunten Rave-Elementen losgeht, woraufhin niemand Geringeres als Sir Ian McKellen zwischendurch einen Monolog beisteuert, um schließlich, nach einem Breakdown, an dem die Band ganze zwei Monate gearbeitet hat (und der ganz sicher bei Clubgängern jeden Alters einen kleinen Schalter im Kopf umlegen wird), endgültig abzuhaben. "Dieser Song beschreibt den Moment, wenn du im Club stehst und vollkommen high bist, und du mit einem Mal das Gefühl hast, dass du von diesem Trip nie im Leben wieder runterkommen wirst", sagt Jake.

Wie also fühlt es sich an, eine Scissor Sister im Jahr 2010 zu sein? Babydaddy weiß die Antwort auf diese Frage: "Ich habe das Gefühl", sagt er, "dass es jetzt richtig losgehen kann."

www.scissorsisters.com


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