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06.04.2016

Silly, "Wutfänger", 2016

Beim dritten Album ist Silly einmal mehr bei sich selbst angekommen. Zu den eigenen Wurzeln stehend, mit dem Wunsch, sich den Ursprung, die Liebe und die Unbeschwertheit zu bewahren. Getrieben von der absoluten Sehnsucht, bei sich zu bleiben und keinen Kompromiss einzugehen. "Wutfänger" ist "ein Blick auf unsere Welt geworden. Eine Welt voller Liebe und Hoffnung, aber auch eine Welt voller Zweifel und Krieg", bringt Anna Loos das Thema des Albums auf den Punkt.  

Bands sind immer dann authentisch, wenn die Inhalte von den Machern selbst kommen. Und traditionsgemäß überzeugt Silly mit den Lyrics, die auf diesem Album im Wesentlichen aus der Feder von Anna Loos stammen. In den Silly-Texten geht es durchaus direkt zu. Die Band teilt kräftig aus gegen Neider, Schleimer und Klugschwätzer. Doch es werden auch ganz große Räder gedreht, Höhen angepeilt, zu denen Popsongs in der Regel nicht vordringen. Bei "9 Dimensionen" zum Beispiel: Gedankenspiel oder umfassender philosophischer Ansatz? Gibt es uns wirklich? Oder sogar unendlich oft? "Old Plato" tritt aus seinem Höhlen-Gleichnis und tanzt mit uns die Parallelwelten-Theorie.

Es gibt den Deutungs-Versuch der Mona Lisa, dem Phänomen der Perfektion des Unvollkommenen als Bild für die nie endende Faszination an den Menschen um uns herum: "Die Welt ist nicht perfekt, sonst wären wir nicht hier". "Zwischen den Zeilen" fasziniert mit der Aneinanderreihung von Oxymora. "Regenbogenmond" ist eine seelisch schwer ertragbare Missbrauchstragödie aus der Sicht eines betroffenen Kindes. Harmonien, die plötzlich schmerzhaft bis ins Mark treffen können. Und es wird auch aktuell-politisch: "Wutfänger" thematisiert die bedrückende Jetzt-Zeit in diesem Land, die immer mehr hilflose Menschen in die Arme noch viel hilfloserer Wut treibt. Der Song vermeidet die Positionierung für eine Seite – und ist schon deshalb bemerkenswert.

Klar in der Ansage und unmissverständlich ist "Kampflos", die erste Singleauskopplung. Ein von trauriger Aktualität geprägtes Anti-Kriegs-Lied, das mit schlichten, aber treffsicheren Worten die Sinnlosigkeit eines jeden Krieges entlarvt. Nichtsdestotrotz ein zeitloser Song mit einer unwiderstehlichen Hookline und herrlichen Pianoläufen. Silly weiß, dass in dem Wort Unterhaltung auch das Wort Haltung steckt.

Das Ganze in den angenehm bekannten, meisterhaft virtuos gewebten Klang-Gewändern. Intensiv und mit ungeheurer Wucht. Die punktgenau gesetzten Harmonien und Melodiebögen finden sich oft genug zu Liedern, bei denen man glaubt, sie hätten schon lang in einem geruht und nur auf den Moment gewartet, wachgeküsst zu werden. Ein grenzenloses Miteinander zwischen Annas Stimme und Texten, Ritchie Bartons Piano, Uwe Hassbeckers Gitarren und Jäcki Rezniceks warmem Bassspiel. Alles ist möglich.

Noch nie haben sie – Anna, Ritchie, Uwe und Jäcki– so viel Aufwand betrieben, sich so viel Zeit genommen, so viel probiert, verworfen und wieder neu probiert. Konzentriert und ohne Einfluss von außen entstand ein in sich geschlossenes, sehr grooviges Werk. Ohne die Digitalwelt zu verteufeln, ist Wutfänger ein echtes "Handmade"-Album geworden. Der Trend, alles Neue zu nutzen, blieb unbeachtet. Das alte Teisco-Keyboard, der Juno60, das Wurlitzer und das Rhodes-Piano wurden zum Beispiel wieder herausgeholt, und wenn man hier einen Flügel hört, dann ist es auch einer. Analog auch deshalb, weil es Silly kann. Die Liebe, die die Band und ihr Produzent Mic Schroeder in das Album haben fließen lassen, ist hörbar.

Ähnlich kompromisslos und grundsätzlich Mittelmaß aussparend, zeigt sich die Band auf der Bonus-CD der Limited Edition: Hier begegnen wir einigen Songs des "Wutfänger"-Albums aus einer völlig anderen Herangehensweise, ursprünglich, akustisch und im Zusammenspiel mit dem nicht nur durch Sting bekannten Percussionisten Rhani Krija. Daneben das bereits bekannte "Deine Stärken" in einer reduzierten, von Harmonium und Rhodes-Piano geprägten Version, "Sonnenblumen" als stimmungsvolles Instrumental sowie "Vaterland", fulminant mit dem Bulgarischen Orthodoxen Chor Berlin umgesetzt. Wie die Songs von "Wutfänger" live klingen, werden wir im Herbst erfahren, wenn Silly endlich wieder auf Tour ist. 


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