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08.11.2011

Stax

Süßer kann Soul nicht klingen! Hinter den vier Buchstaben, die dem zweitwichtigsten Soul-Label aller Zeiten den Namen geben, verbirgt sich eine ganze Welt. Gut 50 Jahre nach Gründung steht Stax für unsterbliche Hits, grandiose Musiker, für ein Stück amerikanische Pop-Geschichte.

Die Liste der Künstler, die bei Stax veröffentlichten, liest sich wie ein „Who is Who“ des Soul: Otis Redding, Sam & Dave, Isaac Hayes, Booker T. & The MGs, Eddie Floyd, Carla und Rufus Thomas,...

Der große Rivale Motown aus Chicago reklamierte einst den „Sound Of Young America“ für sich. Stax aber hat den Southern Soul oder Memphis Soul erfunden: funky Gitarren, schneidige Bläser und treibende Beats, viril, pulsierend und eingängig. Soul für Erwachsene.

Eng verbunden ist die Geschichte von Stax-Records mit der von Memphis, Tennessee – einem Wallfahrtsort! Memphis ist die Wiege des Soul, etwa so wie New Orleans als Wiege des Jazz gilt. Blues, Gospel, R&B, Country und Rock´n´Roll – die musikalischen Paten der Soulmusik – sie alle haben ihre Wurzeln in Memphis. Aretha Franklin kam dort zur Welt. Ray Charles und Sam Cooke, Johnny Cash und Elvis Presley begannen ihre Karriere auf der Clubmeile Beale Street. Der erste afroamerikanische Radiosender WDIA sendete aus Memphis.

Neben Graceland, dem Anwesen Elvis Presleys, gehört das Stax Museum of American Soul Music zu den Hauptattraktionen der Metropole. Auf dem Parkplatz steht noch der Cadillac aus „Shaft“ – dem ersten kommerziell erfolgreichen „Blaxploitation“-Film, dessen Soundtrack einer der großen Hits im Repertoire von Stax ist.

Die Geschichte von Stax ist zunächst eine Geschichte vom „Triumph des kleinen Mannes“. Jim Stewart, geboren 1930 im kleinen Nest Middleton in Tennessee, wollte Country-Geiger werden und machte dann doch lieber eine Banklehre. Die Musik ließ ihn nicht los, und er bastelte in der Garage seines Schwieger-Onkels an Songs herum. 1957 bot er Sun-Records (dem Label von Elvis und Cash) eine Reihe davon an, ohne Erfolg.

Um eine teure Tonbandmaschine kaufen zu können, pumpte Stewart schließlich seine Schwester, Estelle Axton an, eine Lehrerin. Estelle nahm eine Hypothek auf ihr Haus auf, und Jim bekam seine Maschine. 1957 schickten die Russen ihren Sputnik-Satelliten ins All, und wahrscheinlich das inspirierte die Geschwister dazu, ihr Label Satellite Records zu nennen. Dann fanden sie heraus, dass es ein Label mit diesem Namen schon gab. Also setzten sie ihre Nachnamen zusammen: Aus dem „St“ von Stewart und dem „Ax“ von Axton wurde Stax-Records.

Stax brachte 1957 noch Country & Western-Platten heraus, orientierte sich zum Ende der 50er Jahre jedoch in Richtung Rhythm & Blues. Damals kristallisierte sich ein neuer Sound heraus: Memphis Soul oder Sweet Soul. Er war eleganter als der so genannte „Nitty Gritty“-Soul des restlichen Südens. Er klang gleichzeitig erdiger als der aufkommende Motown-Sound aus Detroit.

Stewart und Axton mieteten 1960 ein altes Kino, das Capitol an der Ecke East McLemore und College (heute ist dort das Stax-Museum untergebracht) für 150 Dollar im Monat.

Den ersten lokalen Durchbruch hatte Stax mit dem Vater-Tochter-Duo Rufus und Carla Thomas und „Cause I Love You“. Die Single brachte Jerry Wexler, den Vizepräsidenten von Atlantic Records auf den Plan, der einen Lizensvertrag mit Stax ausknobelte und sich damit erstmal Carla Thomas´ ersten richtigen Hit: „Gee Whiz“ unter den Nagel riss.

Aber die Stax-Geschwister hatten Reserven. Estelle Axtons Sohn Packy gründete die Mar-Keys, die mit „Last Night“ einen Hit landeten. Ein junger Pianist namens Booker T. Jones, der in der Nachbarschaft wohnte, stellte die Hausband von Stax: Booker T. & The MGs zusammen. Deren früher Track „Green Onions“ gehört zu den Instrumental-Klassikern des Stax-Katalogs.

1962 machte Stax eine Session mit dem Sänger Johnny Jenkins, die ziemlich nach hinten losging. Als Jenkins entnervt aufgab, durfte sein Fahrer, ein 21jähriger namens Otis Redding ans Mikrophon. Der Rest ist Soulgeschichte. Kurz darauf schickte Jerry Wexler ein Duo namens Sam & Dave nach Memphis, damit es dort mal eine „richtige Soulplatte“ aufnahm.

Mit Otis Redding und Sam & Dave wurde Stax erstmals zum großen Mitspieler im amerikanischen Soul-Business. 1967 brach diese Welt zusammen. Warner Brothers kaufte Atlantic und nahm Sam & Dave mit. Viel tragischer: Otis Redding und seine Backing-Band, die Bar-Keys, kamen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

Die Rettung kam in Person von Soul-Bariton Isaac Hayes, der zuvor Sam & Dave produziert und in der Stax-Hausband gespielt hatte. Hayes´ Debüt-Album „Hot Butttered Soul“ erreichte 1969 dreifach Platin. Es initiierte eine neue orchestrale Ära im Soul.

Auch mit dem Frauenschwarm Johnnie Taylor („Who´s Making Love“), den Staple Singers („Respect Yourself“) und dem jungen Schauspieler Richard Pryor kam Stax wieder ganz nach oben. 1972 organisierte das Label ein Konzert, das als  „schwarzes Woodstock“ Geschichte machte: 100.000 überwiegend afroamerikanische Jugendliche pilgerten zu „WattStax“ nach Watts, dem damaligen Ort schwerster Rassenunruhen.

Stax vs. Motown

Während beim großen Mitbewerber Motown in Detroit ausschließlich Afroamerikaner die Strippen zogen und das Label dabei Amerikas (weißes) Pop-Publikum anvisierte, war Stax eine (von Weißen geführte) Multi-Kulti-Firma und hatte dabei den „schwärzeren“ Sound. In Zeiten, wo in den USA erbittert um die Bürgerrechte gefochten wurde und Rassismus noch zum traurigen Alltag gehörte, war das Label mit dem schnippenden Fingern bereits ein Vorzeigeunternehmen, bei dem die Hautfarbe keine Rolle spielte.

Bis 1976, bis zum Bankrott von Stax, lagen sie Kopf an Kopf. Die heißen Duelle zwischen Stax und Motown (Booker T. & The MGs versus The Funk Brothers; Otis Redding versus den frühen Marvin Gaye; Carla Thomas versus Gladys Knight; The Staple Singers versus The Supremes) trieben Amerikas Soul zu kreativen Höchstleistungen, zu Höhenflügen, die Disco schließlich beendete.

Bis 1976 erschienen circa 800 Singles und fast 300 LPs bei Stax. Knapp vierzig Jahre später, 2004, kaufte Concord Records das marode Re-Issue-Label. 2007, zum 50. Geburtstag wurde Stax offiziell neu lanciert. Neben einer sorgfältigen Aufarbeitung des Backkatalogs erscheinen seit einigen Jahren auch wieder neue Alben bei Stax. Studioalben moderner Soul-Königinnen wie Angie Stone oder Lalah Hathaway gehören dazu, neben neuen Platten von Soul-Urgesteinen wie Eddie Floyd („Knock On Wood“) und Leon Ware.


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