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15.10.2004

Stephan Micus - Life

Stephan Micus, Stephan Micus - Life

Im japanischen Zen-Buddhismus gibt es unzählige Koans, rätselhafte Sätze, über die ein ganzes Leben lang meditiert wird: Wie sahst du vor der Geburt deiner Eltern aus? Wie klingt das Klatschen einer einzelnen Hand? Koans stellen dem rationalen Denken Fallen, und vielleicht sind sie von manchen Westlern gerade deswegen so begeistert aufgenommen worden. 1977, als der Buddhismus im Westen noch sehr viel unbekannter war als heute, veröffentlichte der Komponist, Multi-Instrumentalist und Klangsucher Stephan Micus ein vielbeachtetes Album mit dem Titel "Koan". Dem unerschöpflichen Rätsel des Lebens ist er nun auf seiner neuesten CD "Life" in einer Komposition, die aus zehn Teilen besteht, erneut musikalisch nachgegangen.

"Die Herausforderung war, in einer Komposition ein Rätsel aufzugeben", sagt Micus über sein Album, ohne es damit rational erklären zu wollen. "Ein symmetrisches Rätsel, dessen Antwort am Anfang und Ende der Komposition gleich ist. Um es zu lösen, entwickelt sich die Komposition vom Komplexen zum Einfachen. Der erste längere Teil - 'Narration One And The Masters Question' - ist komplexer als alles andere, das ich bisher geschrieben habe", schildert Micus. "Das letzte Stück - 'The Master's Answer' - besteht nur noch aus der Solostimme. Diese Entwicklung zur Einfachheit bedeutet eine Art von Evolution für mich, wie sie sich auch in den Lebenserfahrungen vieler Menschen widerspiegelt, die sich auf spirituelle Pfade begeben. Daher habe ich das Album 'Life' genannt."

Stephan Micus ist ein musikalischer Marco Polo und ein musikologischer Bernhard Grzimek. Wie die Kenner seiner bisherigen fünfzehn ECM-Alben erraten werden, hat ihn auch hier seine sprichwörtliche Wanderlust gepackt, vor allem in den Orient: nach Indien, Tibet, Burma, Thailand und Japan. Zweieinhalb Jahre nach seinem letzten Album "Towards The Wind" folgt Micus mit seiner Adaption von fremden Klangschalen, Mundorgeln oder Blechflöten jener musikalischen Sinnsuche, die ihn so eigen- und einzigartig gemacht hat, und die hier mit der Zither seiner Heimat Bayern nach Hause findet. Gäbe es Orden für die Rettung bedrohter Instrumente, Micus hätte schon so manchen erhalten.

Auf "Life" macht er dem Hörer zwei gerade von ihm neu entdeckte Instrumente zugänglich: Die Maung, ein Set von vierzig gestimmten Bronze-Gongs aus Burma, und die Bagana, eine altertümliche äthiopische Leier, die traditionell von den Sängern der äthiopischen orthodoxen Kirche, einer urchristlichen Sekte gespielt wurde, um Gebet und Meditation zu begleiten und von daher nie besonders an die Öffentlichkeit drang. Mythologisch die "Harfe Davids", wurde die Bagana vor Jahrtausenden von Israel nach Äthiopien gebracht. Heute ist sie vom Aussterben bedroht. "Im Januar 2000 fuhr ich nach Addis Abeba, um dort die Bagana beim Meistermusiker Alemu Aga zu lernen", erzählt Micus. "Die Bagana hat zehn Saiten, aber es werden nur fünf davon benutzt, was ich sehr merkwürdig fand. Als ich meinen Lehrer nach den anderen fünf Saiten fragte, sagte er achselzuckend, daß man vergessen habe, wie diese zu stimmen seien. Also modifizierte ich das Instrument und benutzte alle zehn Saiten in einer neuen Stimmung."

Mit sechzehn Jahren unternahm Stephan Micus seine erste Reise in den Orient. Seine aktuelle Komposition, aufgenommen zwischen 2001 und 2004 auf Mallorca, verfolgt die Rundreise eines Mönchs, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Der Mönch kommt am Ende genau dort an, von wo er aufbrach, und er erkennt, daß die Antwort auf sein Rätsel schon die ganze Zeit über da war. Bereichert hat ihn die Reise allemal.


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