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03.08.2006

Mozart, Bäsle-Briefe: Mozart, das Schlitzohr

Christoph Grissemann & Dirk Stermann, Mozart, Bäsle-Briefe: Mozart, das Schlitzohr


Ordinär ist das nicht, nein. Aber manchmal schon ein wenig anzüglich. Denn der im Saft seiner juvenilen Manneskraft stehende junge Mozart hat sich kein Blatt vor den Mund genommen. Offenbar hatte seine Kusine nicht wirklich ein Problem mit seiner Ausdrucksweise, die vor phantasievoll verpackten Kraftausdrücken nur so strozte. In jedem Fall gehören die so genannten "Bäsle-Briefe" zu den amüsanten Dokumenten der Literatur, die einen Genius in einer ihm fremden Kunstform als ungewöhnlich kreativ präsentieren.

Inzwischen gibt es einen Begriff für Mozarts ungewöhnliche Art zu schreiben. Denn der 21- bis 25jährige Geigenvirtuosen, Konzertpianist, Komponist und Europareisende folgte dem Flow der Worte. Manchmal war es ihm schlicht egal, ob sich hinter den Buchstaben ein tatsächliches Stück Sprache verbarg, oder ob er sich lediglich assoziativ treiben ließ. In jedem Fall ist Musik in diesen Briefen, nicht anhand von Noten oder Partiturausrissen, sondern über die Gliederung der Sätze. Mozart rhythmisiert, setzt Akzente anhand von Wiederholungen und Analogiebildungen von Worten, arbeitet mit Stabreimen und Wortverdrehern, malt Sprachbilder von wilder Eloquenz. Sein Stil ist elliptisch, er scheint von Motiv zu Motiv voran zu pirschen, die Metaphern und Sprachebenen spielen mit den Implikationen ihrer Deutung. Da wird Ernstes in flapsige Formulierungen verpackt, mancher Nonsense hingegen mit elaborierten Ausdrücken verschlüsselt. Lautmalereien stehen neben fremdsprachigen Adaptionen, die wiederum oft nur vorgeben, inhaltsschwer zu sein. Überhaupt scheint dieses Jonglieren mit den Ansprüchen und Konventionen der eigentliche Sinn der schriftlichen Konversation zu sein. Mozart experimentiert aus purem Übermut, folgt dem Gedankenstrom und der Wahrnehmung, so wie es Arthur Schnitzler mehr als ein Jahrhundert später in seiner Novelle "Lieutenant Gustl" seinen Protagonisten tun lassen wird. Er muss sich im Unterschied zu seinem übrigen gesellschaftlichen Leben nicht um die Etiquette kümmern, denn die Adressatin gehört zur Familie und ist seine Kusine, also Base (deshalb "Bäsle"-Briefe nach dem schwäbischen Diminuitiv) Anna Maria Thekla Mozart in Augsburg.

Leider sind keine Antworten erhalten. Die Briefe jedenfalls entstanden zwischen dem 31. Oktober 1777 und dem 23. Oktober 1781. Inhaltlich sind sie prall gefüllt mit Beobachtungen der Menschen um ihn herum, Andeutungen über seine Arbeit, herbem, derbem Humor und allerlei Abstoßendem und Anzüglichem aus den Tabubereichen der Bürgerlichkeit. Dabei gelingt es Mozart bei aller Spielerei das Niveau zu wahren und mit sehr viel Spaß bei der Sache seinen Gedanken zu folgen. Die "Bäsle-Briefe" bieten sich daher an, sie nicht nur in gedruckter Form zu lesen, sondern von geeigneten Sprechern vortragen zu lassen. Die beiden Kabarettisten Dirk Stermann und Christoph Grisemann haben sich der zwar nur einseitigen, aber dafür nicht minder amüsanten Korrespondenz angenommen und präsentieren den Salzburger Meister als genialen Kindskopf mir reichlich Hang zum Bizarren und Grotesken. Dieser Mozart hat deutlich mehr mit Milos Formans Kunstfigur Amadeus zu tun als die höflichen Dokumente, die etwa den Hauptteil des Briefwechsel mit Vater Leopold ausmachen. Sie zeigen der Komponisten in einem Licht, das man zwar von ihm vermutet, aber in der Regel von der Schönheit seiner Musik überdeckt wurde. Und der Vortrag als Hörbuch wiederum macht es möglich, den Fluss der Worte und Gedanken, die auch orthographisch durch zahlreiche Satz- und Pausenzeichen gegliedert sind, in flüssiger Form zu folgen. Um das Programm darüber hinaus möglichst kurz und abwechslungsreich zu gestalten, wird jedem Brief ein Stück Musik zur Seite gestellt. Es sind Aufnahmen der "Kleinen Nachtmusik" (Wiener Philharmoniker unter James Levine), der "Sonata Facile" (Friedrich Gulda), des ebenfalls von Gulda modifizierten "Alla Turcas" und dem Kanon "Leck mich im Arsch", der dem Hörbuch den Titel gab. So kann man hier einen Künstler aus der Mitte seiner Empfindungen kennen lernen, die manchmal weitaus menschlicher und direkter sind, als es manche Biographen der Nachwelt glauben machen wollen.


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