Backstage
The Lumineers, The Lumineers BACKSTAGE EXCLUSIV

Aktuelles Album

Aktuelle Single

Facebook

Biografie

06.06.2016

The Lumineers, "Cleopatra", 2016

"Wir wollen wirklich zum Kern vordringen, uns nicht bloß mit Schein und Oberfläche aufhalten." – Wesley Schultz

Der Name The Lumineers steht für eine der ungewöhnlichsten, überraschendsten Erfolgsgeschichten des Jahrzehnts: Ein leicht zerlumpt-verlottert wirkendes Americana-Trio aus Denver erobert 2012, quasi aus dem Nichts, die ganze Welt mit einer unwiderstehlichen Hymne namens "Ho Hey", um danach keineswegs wieder in der Versenkung abzutauchen, sondern mit "Stubborn Love" gleich noch eine weitere US-Erstplatzierung zu landen. Schließlich legen sie mit "Submarines" noch einen weiteren Chart-Hit nach, gefolgt von mehreren Grammy-Nominierungen, einem Stammplatz auf der iPod-Playlist des US-Präsidenten und dem Angebot, exklusive Songs für die "Tribute von Panem"-Soundtracks beizusteuern. Ihr gleichnamiges Debütalbum, angeschoben von "Ho Hey" (#5 und Platin in Deutschland) und Co., verkauft sich daraufhin millionenfach, während die Fans rund um den Globus für ausverkaufte Shows sorgen und jeden Tag mehr Menschen ihr leidenschaftlich-philosophisches, fast schon poetisches Songwriting für sich entdecken. In diesem Jahr ist es nun endlich soweit: The Lumineers veröffentlichen mit "Cleopatra" ihre zweite LP, ein Album, das wiederum so viele Nuancen und so viel emotionalen Tiefgang hat, dass man dieses Trio ohne Weiteres als eine der besten Bands der aktuellen US-Musiklandschaft bezeichnen muss.

Hinter dem Namen The Lumineers stecken die beiden Songwriter Wesley Schultz (Gesang, Gitarre) und Jeremiah Fraites (Schlagzeug, Klavier). Seit 2010 werden die beiden von der Cellistin und Hintergrundsängerin Neyla Pekarek unterstützt. Für ihr neues Album "Cleopatra" haben sie sich bewusst sehr viel Zeit genommen: In diesen Songs stecken die Erlebnisse von drei Jahren, die sie nonstop auf Tour verbrachten und sich dabei an das immer greller werdende Rampenlicht gewöhnen mussten, gefolgt von sechs Monaten, in denen sie abgeschieden in Denver an ihren Ideen feilten, bis daraus fertige Songs wurden, um schließlich noch zwei Monate im Studio zu verbringen, wofür sie sich dieses Mal in eine ländliche Region unweit von Woodstock zurückgezogen haben. "Ich finde diesen altmodischen Ansatz einfach am ehrlichsten", meint der blonde, bärtige Sänger Wesley mit seiner sanften Stimme. "Wir wollten uns einfach Zeit lassen, uns auf die ehrliche und unbehandelte Essenz unserer Musik zurückbesinnen: Weil wir ein Album machen wollten, an das wir wirklich glauben können. Hinter dem wir wirklich stehen." In einer Welt, in der gerade die zweiten Alben häufig überstürzt aufgenommen und veröffentlicht werden, hatte auch Jer das Gefühl, "dass dieser Abstand gerade richtig war. Wir haben nun mal so lange gebraucht, um genau das Album aufzunehmen, das uns vorschwebte. Wir selbst haben das Tempo vorgegeben."

 Auf "Cleopatra" präsentieren The Lumineers bewegende, zum Teil schräge Anekdoten und Geschichten; es sind Beobachtungen, die man entlang jener Linie machen kann, die zwischen dem echten Leben und dem Popzirkus-Schleier verläuft, zwischen alltäglichen Hoffnungen und zerplatzten Träumen. "Wir haben uns ganz bewusst auf diejenigen Charaktere und Geschichten konzentriert, denen man in der aktuellen Popmusik sonst eher selten bis gar nicht begegnet", meint Wesley, der allein für sämtliche Texte verantwortlich ist und Melodien & Co. gemeinsam mit Jeremiah schreibt. "Wir wollen Songs aufnehmen, um die man seine Arme schlingen kann. Es gibt doch schon mehr als genug formelhaftes Zeug da draußen: nur Phrasendrescherei, vertonte Slogans, die man wieder und wieder hören kann und die keine Bedeutung mehr haben. Es muss auch andere Geschichten geben, die man erzählen kann – und andere Arten, sie zu erzählen."

Der Titelsong "Cleopatra" basiert auf einer Begegnung mit einem Taxifahrer in Georgien, der Wes sein ganzes Leid geschildert hat, ohne sich dabei jedoch in Selbstmitleid zu suhlen. "Wir Amerikaner verwenden doch ehrlich gesagt einen Großteil unserer Zeit dazu, dem Rest der Welt mitzuteilen, wie großartig unser Leben doch ist", meint er. "Über die sozialen Medien kreieren und verbreiten die Leute Geschichten über sich selbst, die wirklich nichts mehr mit dem gemeinsam haben, was wir über ihr tatsächliches Leben wissen. Diese Erfahrung, dass mir jemand die Sache einfach mal so erzählt, wie sie sich wirklich für ihn anfühlt, hatte etwas echt Reinigendes."

Zugleich bringt diese Taxifahrer-Anekdote den ganzen künstlerischen Ansatz von The Lumineers schon sehr gut auf den Punkt. Auch das Schwarz-Weiß-Foto auf dem Cover, auf dem die Stummfilm-Ikone Theda Bara in der "Cleopatra"-Verfilmung von 1917 zu sehen ist, passt dazu: "Dieses Bild lässt einen einfach nicht los: Solch eine Verletzlichkeit und dabei doch so viel Kraft. Ich glaube, mit guten Songs verhält es sich genauso wie mit schönen Frauen, denn ganz egal, ob sie nun unter irgendeinem verrückten Fashion-Statement versteckt sind oder in alten Jogginghosen rumlaufen: Man erkennt einfach sofort, wenn eine Frau schön ist. Wir wollen wirklich zum Kern vordringen, uns nicht bloß mit Schein und Oberfläche aufhalten."

Zugleich unterstreichen The Lumineers mit diesen neuen Songs, dass ihr Ansatz und ihr Sound etwas Zeitloses haben. Kein Wunder: Ihr Erfolg basierte, ganz klassisch, auf Mundpropaganda, auf großartigen Songs und leidenschaftlichen Live-Shows – eine Rückkehr zu fundamentalen, essentiellen Werten, die sogar dazu führten, dass sie als US-amerikanische Antwort auf das britische Nu-Folk-Movement bezeichnet wurden. "Ich persönlich habe uns ja nie in der Folk-Ecke gesehen, aber vielleicht gab es da schon diese Verbindung, weil wir uns ja auch gegen zu viel Moderne wenden", so Jeremiah, der lebhafte Percussion-Spieler, der schon im Jahr 2005 mit Schultz anfing, erste Songs zu schreiben und zu performen. "Wir fühlten uns nun mal eher zu einem Sound hingezogen, der reiner und zeitloser ist."

Ein Sound übrigens, der auch US-Präsident Barack Obama überzeugt hat: Er zeigte sich als Fan von The Lumineers, als er deren zweite Single "Stubborn Love" auf seine Spotify-Playlist nahm, auf der sonst gestandene Größen wie Van Morrison, Joni Mitchell und Nina Simone vertreten sind. "Eine unglaubliche Ehre war das", gesteht Wesley. "Und ganz besonders natürlich, weil unser Name da in so guter Gesellschaft war – nur Leute, die wirklich Musikgeschichte geschrieben haben. Wir müssen uns wohl noch ein bisschen anstrengen, um dem gerecht zu werden."

Als Live-Band treten The Lumineers inzwischen in fünfköpfiger Besetzung auf, nachdem sie ihren alten Freund Stelth Ulvang (Klavier) und den neuen Bassisten Byron Isaacs an ihre Seite geholt haben. Besonders ihre intim wirkenden und zugleich absolut energiegeladenen Shows und ausverkauften Tourneen haben ihnen die denkbar treueste Fanbase beschert. "Ja, was unsere Konzerte angeht, können wir uns inzwischen sogar von unserer verletzlichsten Seite zeigen, wirklich alles preisgeben und etwas Echtes mit dem Publikum teilen", so Wesley.

Auch Hollywood hat sich bekanntermaßen bereits in den Sound von The Lumineers verliebt, als sie nämlich Musik für die "Die Tribute von Panem"-Blockbuster beisteuern sollten. "Francis Lawrence, der Regisseur, sagte zu uns, dass der Song folgende Qualitäten haben müsse: Man muss ihn mitsummen können, ihn mitpfeifen können oder ihn mit einer großen Menge von Leuten singen können", erinnert sich Wes. "Also peilten wir erst mal einen Song an, der eher in Richtung extrem düsteres Kinderlied ging." Den Songtext zu "The Hanging Tree" steuerte übrigens die Autorin Suzanne Collins persönlich bei. Eingesungen wurde der Song aus "Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 1" von Jennifer Lawrence und er entpuppte sich weltweit als Hit – in Deutschland ging er sogar auf die #1. "Es war echt spannend, mal als Ghostwriter zu arbeiten, aber es war nun mal ein Song für Kat Everdeen – nicht für The Lumineers. Wir würden ihn auch nicht live spielen, es sei denn, Suzanne Collins kündigt sich persönlich an und übernimmt den Gesang."

Überhaupt sind sich The Lumineers der Gefahren bewusst, die Ruhm und Erfolg mit sich bringen können, was man auch auf dem neuen Album wiederholt raushören kann. Schon auf der im Februar veröffentlichten Vorab-Single "Ophelia" stellten sie den Ruhm als gefährliche Verführerin dar. "My Eyes", ein weiteres Album-Highlight, berichtet davon, wie Hollywood gerade Möchtegern-Talenten den letzten Funken Leben rauben kann. "Die Welt sieht dich einerseits da oben, auf diesem Podest, aber zugleich steckst du auch in einem Hamsterrad – und diese Mischung hat eine absolut seltsame Wirkung auf die Betroffenen", glaubt Wesley. "Sogar ein kleines bisschen Ruhm kann die Wahrnehmung verzerren, wenn die Leute einen sehen und nicht mehr normal reagieren. Als wir früher noch als Aushilfskellner arbeiteten, um unsere Musik zu finanzieren, hatte ich das Gefühl, für den Rest der Welt unsichtbar zu sein. Ich weiß noch, wie ich gedacht habe: Ich könnte hier auch nackt herumlaufen, die Teller abräumen, und kein Mensch würde das überhaupt bemerken. Es ist eine interessante Perspektive, um Songs zu schreiben, und ich tue alles dafür, diese Sicht nicht zu verlieren."

Als die Zeit gekommen war, das neue Album in Angriff zu nehmen, gingen Wesley und Jeremiah gemeinsam in Klausur: Sie zogen sich zurück und setzten auf dieselben Prinzipien, die schon ihren Erstling zu so einer grandiosen Platte gemacht hatten. Zunächst mieteten sie sich ein kleines Häuschen in Denver, wo sie sechs Monate lang neue Songs komponierten und an ihren Ideen feilten.

Als begeisterte Fans des Americana-Sounds von The Felice Brothers, waren sie außer sich, als sie erfuhren, dass Simone Felice, selbst ein begnadeter Singer/Songwriter, sich dazu bereiterklärt hatte, ihr neues Album zu produzieren. Gemeinsam schlugen sie in der Nähe von Woodstock ihr Lager auf, wo sie in ländlicher Abgeschiedenheit zwei Monate lang die eigentlichen Aufnahmen machten – rückblickend ein bizarres Mix aus Studio- und Therapie-Sessions. "Ja, es war echt eine reinigende Erfahrung", meint Wes. "Jer und ich hatten an dem Punkt zehn Jahre zusammen gelebt, zusammen geschrieben, zusammen irgendwelche Nebenjobs gearbeitet... wir waren danach ja immer zusammen auf Tour gewesen, jahrelang, es hatte nie eine Trennung geben. Wir hatten so viel Dreck einfach unter den Teppich gekehrt, und jetzt war einfach kein Platz mehr, die Straßen liefen schon über, die Gullys mussten erst mal durchgespült werden, damit wir uns überhaupt wieder klar sehen und miteinander reden konnten. Die einzige Möglichkeit, das zu tun, waren lange Spaziergänge, also einfach rausgehen, reden, weinen, schreien, sich versöhnen."

"Und dann kehrt man direkt danach ins Studio zurück und denkt zusammen darüber nach, was an diesem oder jenem Refrain noch fehlen könnte", ergänzt Jeremiah lachend. "Es war die intensivste Erfahrung unseres Lebens. Man kann das eigentlich gar nicht in wenigen Sätzen zusammenfassen. Wenn einer fragt, wie’s im Studio lief, dann kann ich eigentlich nur lachen und sagen, dass alles super war."

Man hört sofort, dass "Cleopatra" ein Album von The Lumineers ist – wegen dieser Wärme, dieser Intimität, dieser fast schon besinnlichen Stimmung. Und doch ist die klangliche Palette dieses Mal einen Tick breiter angelegt als das beim Vorgänger der Fall war. "Vor Jahren schon musste ich meine E-Gitarre verkaufen, weil ich einfach pleite war", erinnert sich Wesley. "Und als es dann langsam bergauf ging für uns, schaute ich in demselben Gitarrenladen vorbei, zehn Minuten vor Ladenschluss, und kaufte mir eine Guild-Gitarre, ganz spontan also. Es war so eine Art Revanche-Kauf: Ich hatte das Gefühl, damit die Balance im Universum wiederherzustellen. Noch am selben Abend spielte ich dann bei einem Auftritt die neue Gitarre anstelle meiner alten Akustikklampfe, einfach so, und natürlich hat sich das nach und nach auch auf den Sound unseres neuen Albums ausgewirkt."

"Unser erstes Album konnte man ja sogar während eines Stromausfalls spielen", ergänzt Jer. "Wir saßen ohne Verstärker im Wohnzimmer, spielten akustisch, weil wir nichts anderes zur Verfügung hatten. Beim zweiten Album haben wir die Kabel nun eingestöpselt, die Verstärker eingeschaltet. Trotzdem ist unser Songwriting-Ansatz genau derselbe, weil es noch immer wichtig ist, dass man alles auf ein Minimum runterbrechen kann, auf die Essenz. Mir fällt es sehr viel leichter zu sagen, wann ein Lumineers-Song noch nicht ganz fertig ist; umgekehrt habe ich eher Probleme damit. Doch wenn dann die Teile eines Songs schließlich zusammenkommen und alles plötzlich passt, dann ist es das beste Gefühl überhaupt."

Wahnsinnig viel Gefühl zeichnet die Songs von "Cleopatra" aus, die schon beim ersten Anhören unter die Haut gehen. Der Eröffnungssong "Sleep On The Floor" erzählt von einer Flucht aus dem Alltagstrott, und dieses Selbstbewusstsein, das da in der Stimme mitschwingt, erinnert sogar an den jungen Bruce Springsteen. "Gun Song" handelt tatsächlich von einer Schusswaffe: Wesley thematisiert, was es heißt, Eltern zu sein – und kramt dabei eine Erinnerung an jenen Moment hervor, als er nach dem Tod seines Vaters eine Pistole in einer von dessen Schubladen entdeckte. "Angela", schon jetzt einer der beliebtesten Songs des neuen Longplayers, ist ein sanfter Gitarrentrack, der von einer Kleinstadt-Schönheit handelt, die damit kämpft, ihre Vergangenheit abzuschütteln. Jeder dieser Songs ist unglaublich detailliert, grandios eingespielt und wichtiger noch: sie alle wirken kein bisschen beliebig. Man hört förmlich, wie sehr sich diese Stücke ihrer eigenen Bestimmung bewusst sind.

"Ich hatte das Gefühl, dass wir nach all der Zeit wirklich in der Gunst der Leute standen", meint Wesley abschließend. "Wir konnten es uns also erlauben, uns diese Zeit zu nehmen, die wir brauchten, und einfach den Moment auszukosten. Es klingt vielleicht verrückt, aber wenn man die Entstehung eines Albums mit einem Einbruch vergleicht, dann war das beim ersten Album so, als ob die Eigentümer nur mal kurz mit dem Hund um den Block unterwegs gewesen wären – und wir hatten gerade mal 10 Minuten, um rein und wieder raus zu kommen. Vollkommener Wahnsinn. Voll schnell und überstürzt. Aber beim zweiten Album hatten Jer und ich das Gefühl, dass die Eigentümer für zwei Wochen in Urlaub gefahren sind: Wir hatten Zeit, konnten in Ruhe reingehen, uns umschauen und genau das finden, wonach wir gesucht hatten."