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10.02.2009

Die Stunde des alten Meisters

Theodor Fontane, Die Stunde des alten Meisters

„Effi Briest" ist Fontanes Meisterwerk - und ein Glücksfall in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts. Ein Spätwerk. Aber das Wort „spät" besagt nicht viel bei einem Autor, der überhaupt erst spät, als Neunundfünfzigjähriger, Romane zu schreiben begann. In diesem Alter ist ein literarisches Lebenswerk in der Regel schon abgeschlossen: Dickens und Dostojewski starben, noch ehe sie sechzig wurden. Fontane hingegen, bis dahin ein angesehener Journalist, Reiseschriftsteller und Lyriker, dessen Namen die Literarhistorie auch ohne Kenntnis der späten Romane respektvoll bewahren würde, Fontane setzte in diesem Alter erst an zum eigentlichen Lebenswerk. Und lang war der Weg, der von dem Roman-Erstling „Vor dem Sturm" bis zur Höhe der Meisterschaft, bis zu „Effi Briest" noch zurückzulegen war.  [...]

 

Der Roman erschien 1894 als Vorabdruck in der „Deutschen Rundschau", im Jahr darauf als Buch. Wie in vielen anderen Fällen hat sich Fontane auch zu „Effi Briest" durch eine zeitgenössische Anekdote anregen lassen, die er Emma Lessing, der Frau des Verlegers der „Vossischen Zeitung", verdankte.  [...]

 

Aus der realen, im Grunde banal-alltäglichen Dreiecksgeschichte wurde unter Fontanes Händen der - neben Goethes „Wahlverwandtschaften" - klassische deutsche Ehe(bruchs)roman. Viel ließe sich sagen über die feine Kunst, mit der Fontane das von Anfang an gegebene Missverhältnis zwischen seinen Protagonisten, zwischen Effi und Instetten, zum objektiven, auch gesellschaftlich bedingten Konflikt entwickelt und mit der er diesen Konflikt zwischen natürlicher Lebensregung und moralischer Konvention, individuellem Freiheitsverlangen und gesellschaftlicher Übereinkunft, zwischen Natur und Ordnungswelt in die Höhe und schließlich auf die tragische Spitze treibt. Dazu gehört Instettens erstes Erscheinen in militärischer Haltung, das kontrastiert wird von den „Effi komm"-Rufen der spielenden Mädchen, die von außen durch das Weinlaub in den Saal hineindringen, dazu gehören auch die sorgfältig entwickelte Kessiner Spukgeschichte von dem geheimnisvollen Chinesen, Instettens beiläufig-subtile Erziehungsmaßnahmen und die bedeutungsvolle Metaphorik des mit Wasser durchsetzten Strandsandes, dem „Schloon", bei der Rückfahrt vom Weihnachtsfest im Ringschen Haus. All dies ist von größter psychologischer und atmosphärischer Feinheit und Richtigkeit.

 

Der Konflikt kulminiert im großen Zwiegespräch zwischen Wüllersdorf und Instetten als dieser im Ehrenkodex seiner Klasse befangen bleibt, auf der Duellforderung besteht, obwohl er im „letzten Herzenswinkel zum Verzeihen geneigt ist" und weiß, dass er sich und Effi zugrunde richtet. „... unser Ehrenkultus ist ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, solange der Götze gilt." Instetten ist kein Unmensch, kein Ehetyrann, kein starrer Moralist, Fontane war sogar bemüht, ihn als „ganz ausgezeichnetes Menschenexemplar" erscheinen zu lassen. Was er über den Einzelnen in der Gesellschaft aussagt, dass man nämlich nicht bloß ein einzelner Mesnch ist, sondern einem Ganzen angehört und auf dieses Ganze beständig Rücksicht zu nehmen hat, entspricht durchaus Fontanes eigenen Ansichten und Einsichten. Nur dass diese Einsichten jemandem in den Mund gelegt werden, von dem die todkranke Effi sagt, dass er „so edel (war), wie jemand sein kann der ohne rechte Liebe ist", enthält die entscheidende Relativierung, bedeutet nicht nur Anteilnahme an Effi, sondern Parteinahme für sie, Parteinahme zugleich für das „Leben" und gegen die Ordnung und Konvention.

 

„Effi Briest" ist zuweilen als deutsches Seitenstück zu den anderen großen Ehebruchsromanen des 19. Jahrhunderts bezeichnet worden: Flauberts „Madame Bovary", Tolstois „Anna Karenina". Ohne über Rangfragen zu streiten, wird man feststellen können, dass Flauberts strenge Unerbittlichkeit, Tolstois epische Objektivität von Fontane nicht erreicht und wohl auch gar nicht angestrebt worden ist. Sein Buch behält stets jene lichtvolle Leichtigkeit, um nicht zu sagen Lässigkeit, die das unverwechselbare Kennzeichen von Fontanes Alterskunst ist, besitzt auch den wehmütig-elegischen Grundton, an dem der Leser sich wärmen kann. Nicht ohne Grund wurde „Effi Briest" gleich nach Erscheinen viel gelesen und schnell berühmt, zur Genugtuung des Autors, der im Tagebuch notierte: „der erste wirkliche Erfolg, den ich mit einem Roman habe." Der Erfolg blieb freilich auf Deutschland beschränkt; zumindest in dieser Hinsicht teilte Fontane das Schicksal seiner deutsch schreibenden Zeitgenossen wie Storm, Raabe oder Conrad Ferdinand Meyer. Aber bei keinem anderen geschah es mit so geringer innerer Notwendigkeit. Denn nach Thema, Wirklichkeitsgehalt und künstlerischer Haltung, vor allem durch sein artistisches Raffinement (das Fontane unter seinen deutschen Zeitgenossen nachgerade isoliert) ist „Effi Briest" ein durchaus europäisches Buch, „ein Kronjuwel erzählender europäischer Prosa", wie Thomas Mann schrieb, mit dem Fontane aus der deutschen in die Weltliteratur rage. Und Thomas Mann fährt fort: „Eine Romanbibliothek der rigorosesten Auswahl, und beschränkte man sie auf ein Dutzend Bände, auf zehn, auf sechs, - sie dürfte „Effi Briest" nicht vermissen lassen." Ein überschwängliches Wort, offenkundig diktiert von Thomas Manns persönlichem Enthusiasmus. Von Fontane fühlte er sich wie von keinem anderen Meister des Romans persönlich angezogen, bei ihm fühlte er sich „zuhause". Leicht wäre es, die Fäden nachzuziehen, die von Fontanes raffiniert „verbummelter" Prosa zu Thomas Mann, von „Effi Briest" zu den „Buddenbrooks" führen. Ist es am Rande kein Zufall, dass eine Randfigur des Fontane-Romans, Crampas' Sekundant, Buddenbrook heißt? Jedenfalls kam Fontanes Alterswerk durch Thomas Manns Frühwerk wenigstens indirekt doch noch zu weltliterarischer Wirkung.

 

© 1988 Hanjo Kesting

 


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