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14.02.2001

Brahms zu früher Stunde: Thomas Quasthoff

Thomas Quasthoff, Brahms zu früher Stunde: Thomas Quasthoff

Studioaufnahmen haben etwas Eremitenhaftes. Abgeschieden die Gegend, spartanisch die Einrichtung in den Studios. Thomas Quasthoff kam das ganz gelegen.

Wer eine Reise in den grünen Süden Berlins unternimmt, und nicht gerade an den Wannsee, der trifft auf wenige Menschen. Zehlendorf, Dahlem, Lichterfelde sind Bezirke, die, verglichen mit Charlottenburg oder der neuen Hauptstadt-Mitte, geradezu dörflich-heimelig wirken. Die Busse tuckern gemütlich durch die Alleen, auf den Trottoirs herrscht kein Massenandrang. Berlin zeigt sich von seiner sonniglichen Seite, in der Ruhe liegt die Kraft. Auch für die Kunst. Es ist wohl kein Wunder, dass zwei der renommiertesten, für ihre blendende Akustik berühmte Tonstudio-Adressen hier zu finden sind: Die Jesus-Christus-Kirche, und das Teldec-Aufnahmestudio in der Finckensteinallee. Versteckt hinter einem baumbestandenen Platz, liegt dieses, im Rücken der Straße, beinahe mitten im Wald. Wer es nicht kennt, findet es nicht. Und das ist gut so. Der Künstler, der hier her kommt, braucht, um konzentriert arbeiten zu können, die Ruhe. Und Muße.

 

An diesem herbstlichen Vormittag, für einen Sänger ungewohnt zeitig, ist Thomas Quasthoff da, gemeinsam mit seinem Pianisten Justus Zeyen. Und schwerblütigem Gepäck. Für die neue CD, die Februar 2000 erscheint - haben die beiden Künstler Lieder von Johannes Brahms und Franz Liszt, darunter die sehr anspruchsvollen und nur sehr selten aufgeführten Petrarca-Sonette, ausgewählt. Nicht die bekannten Sachen, zum Großteil eher Stücke, die nur eingefleischten Lied-Kennern ein Begriff sind. Allein, das Thema dieser klingenden Geschichten ist das gleiche: von Liebe und Leid, Leben und Tod geht die Rede. Kann man das schon zu so früher Stunde singen? Thomas Quasthoff kann. "Für mich ist das kein Problem, über das Gelingen entscheidet nicht die Stunde der Aufnahme, sondern der Zustand der Stimme: die technische Fertigkeit." Quasthoff besitzt sie. Zwar gesteht der Bass-Bariton mit dem unverwechselbaren, genuin anrührenden Timbre, dass er sich schon ein Stück von seiner Person entfernen müsse, um in die Romantik zurück zu reisen. Doch gerade das mache den Reiz aus. "Wenn wir uns als Künstler nicht zur Emotionalität dieser Epoche hingezogen fühlen, dann haben wir den falschen Beruf gewählt, oder wir sollten diese Art von Musik nicht aufführen." Quasthoff liebt die Stücke von Brahms und Liszt, Brahms vielleicht noch eine Spur mehr als Liszt. "Brahms zählt zu meinen Lieblingskomponisten, er hat eine Art der Emotionalität, die mich berührt, die mich trifft, und die mir erlaubt, das so umzusetzen, wie ich glaube, dass es umgesetzt werden muss."

 

Spricht's und verschwindet, mitsamt Pianist, im Saal. Ruhe bitte. Konzentration. Das dreiköpfige Aufnahme-Team um seinen Leiter Arend Prohmann spitzt die Ohren, legt die Noten zurecht, dreht an den Knöpfen, es kann losgehen. "Wie rafft' ich mich auf in der Nacht", Brahms, opus 32, nach einem Gedicht von August von Platen. Mit mächtiger und zugleich samtener Stimme singt Quasthoff dieses erste Lied, und er singt es gut, richtig gut. Er ist mitten drin in der Musik, ganz weit entfernt von der Realität des Studios, plötzlich eine tragische Figur, eine Brahms-Figur. Wie hatte er es gesagt? "Bei Brahms fällt es mir leicht, in dessen musikalische Sprache einzutauchen." Und wie heißt es im vierten Lied, wieder auf Verse von Platen: "Wo ist er nun, jener Mensch, der ich gewesen, und den ich längst mit einem anderen vertauschte?" Man spürt es, diese Musik ist Thomas Quasthoff sehr, sehr nahe, und er ihr. Der Zeiger der Studio-Uhr springt auf elf Uhr. So früh so traumhaft sicher zu sein, das gelingt nur wenigen.

 

Quasthoff hält das hohe Niveau. Und es erweist sich als kluge Entscheidung, alle neun Lieder aus Opus 32 direkt nach einander aufzunehmen. So entsteht eine enge Bindung zwischen den einzelnen Stücken, die Abfolge wirkt beinahe zyklisch geschlossen. Winzige Kleinigkeiten, die dem hoch professionell arbeitenden, ungemein präzis hörenden und sich fast blind verstehenden Aufnahme-Team auffallen, hier ein leicht verrutschter Ton, da eine Unsauberkeit im Klavier, dort eine Textungenauigkeit, diese Kleinigkeiten können später ohne großen Aufwand korrigiert werden: Quasthoff und Zeyen, ein fabelhaft harmonierendes Gespann, liegen fantastisch in der Zeit. Und sie wissen, dass die Aufnahme hervorragend wird, das sieht man nicht, aber man merkt es. Die Stimmung in der kurzen Pause ist dementsprechend locker, gelöst. Sogar für einige Witzeleien und Anekdoten aus dem Künstlerbetrieb bleibt Zeit. Quasthoff, ein begnadeter Geschichten-Erzähler, sagt, dass er schnell abschalten kann, nach der enorm gespannten Atmosphäre. Doch genauso rasch versenkt er sich dann wieder in die Brahms-Welt. Opus 72 diesmal. Das erste Stück, auf ein Gedicht von Karl Candidus, trägt den Titel "Alte Liebe". Das passt. Und längst ist klar geworden: Die Reise in den Süden Berlins hat sich gelohnt. Für die Kunst, den Künstler, ein bisschen auch fürs Leben.


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