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08.05.2003

Wo man singt...

Thomas Quasthoff, Wo man singt...

Es gibt Konzerte, da wäre man im Nachhinein gerne dabei gewesen. Im Mai 2002 zum Beispiel gaben sich im Großen Saal der Cité de la Musique in Paris drei hervorragende Künstler mit Orchester die Ehre. Die Mezzo-Sopranistin Anne Sofie von Otter, der Bassbariton Thomas Quasthoff und der Dirigent Claudio Abbado widmeten sich mit dem Chamber Orchestra of Europe Liedern von Franz Schubert. Ein denkwürdiger Abend, der jetzt auch auf CD zu erleben ist.

Schuberts Kreativität war erstaunlich. Rund 600 Lieder soll er in seinem kurzen Leben verfasst haben, genaue Zahlen weiß man wegen Mehrfachversionen gar nicht. In jedem Fall muss er rund um die Uhr komponiert haben, zum Spaß, zum Lebensunterhalt, für Schubertiaden und Konzertabende. Das Besondere an seinen Gedichtvertonungen war die Fähigkeit, den poetischen Worten eine dramaturgisch passende musikalische Form zu geben.

 

In der Regeln entstanden die Lieder für Klavier und so forderten sie zahlreiche nachfolgende Kollegen heraus, die bereits vorhandene Spannung noch durch Orchesterbearbeitungen zu verstärken. Johannes Brahms etwa, einer der größten Bewunderer Schuberts, begnügte sich in der Regel mit Übertragungen, die sehr nah am pianistischen Original blieben. Hector Berlioz wiederum wählte für die Umarbeitung des "Erlkönigs" einen schweren, pathetisch reifen Ton. Max Reger bearbeitete das gleiche Gedicht zum einen romantischer, zum anderen vor allem in der Stimmführung wesentlich klarer als sein französischer Kollege. So reicht das Spektrum bis hin zum jungen Anton Webern, der allerdings die Orchestrationen als Übungsmaterial im konventionellen Sinne verstand, weit weg von den späteren Dekonstruktionsbestrebungen seiner Klangfarbenmelodien.

 

Klar wird dabei vor allem, wie ungeheuer wandlungsfähig und inspirierend Schuberts Musik auch nach Jahren noch auf Komponisten wirkte. Und diese Faszination überträgt sich bis heute auch auf die Interpreten. Für das Konzert in der Pariser Cité de la Musique im vergangenen Sommer fanden sich drei ungewöhnliche Interpreten ein, die Schuberts Lied-Kosmos eigenwillig aktualisierten. Der Dirigent Claudio Abbado schwor das Chamber Orchestra Of Europe auf seinen unprätentiösen und musikdienlichen Stil ein. Die schwedische Mezzo-Sopranistin Anne Sofie von Otter bestritt den ersten Teil des Konzertabends und gab Schubert ein neckisches, zuweilen dramatisch energisches Klanggewand.

 

Der Bass-Bariton Thomas Quasthoff wiederum interpretierte ihn ernst, mit Hintersinn, als wären es keine Texte von Goethe und Rückert, sondern von Heine oder Kleist, die er vorstellte. Das wird besonders deutlich, als er sich zum zweiten Mal während des Konzertes den "Erlkönig" vornahm, wenn auch in der Bearbeitung von Reger, nicht von Berlioz. Was bei von Otter Entrüstung, Wut war, wurde bei ihm zu dunkler Ahnung, Verzweiflung. So bekommt man durch die Anleitung der Künstler einen kleinen Einblick in das verblüffende Liederspektrum Schuberts, begeistert sich zusammen mit dem Pariser Publikum und hofft, dass es noch mehr derartige Momente künstlerischer Kraft geben möge, wie sie dieses Gespann zu gestalten vermag.


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