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11.10.2006

Farbigkeit, Ausdruck, Schönheit

Thomas Quasthoff, Farbigkeit, Ausdruck, Schönheit

Es gehört zu den erstaunlichen Eigenschaften wirklich großer Musik, dass sie auch ohne die unmittelbaren Zusammenhänge ihre Entstehung als Kunstwerk bestehen kann. Tatsächlich ist es für den Menschen von heute über die historischen Fakten hinaus kaum nachvollziehbar, was ein Bach, ein Händel oder ein Mendelssohn wirklich dazu bewogen hat, eine Komposition in der vorliegenden Form und nicht anders zu gestalten. Die Faszination der Musik jedoch bleibt bestehen und bringt den Weltklassebariton Thomas Quasthoff, dem dieser Tage in Dresden der Europäische Kulturpreis 2006 zugesprochen wurde, mit "Betrachte, meine Seel" dazu, ein Programm mit geistlich geprägten Arien aus zwei Jahrhunderten zusammenzustellen.

Nun hat auch Thomas Quasthoff einst in der  Kantorei der Michaeliskirche seiner Stadt Hildesheim die ersten Erfahrungen als Sänger gesammelt. Das bedeutet aber nicht, dass er sich bis heute als ausgesprochen religiöser Mensch im traditionellen Sinne versteht: "Zu Bachs Zeit war die Religion auf gesunde Weise selbstverständlicher Teil des gesellschaftlichen Lebens. Doch im Zuge der industriellen Entwicklung wurde der Glaube problematischer, unter anderem weil sich die Haltung der Menschen gegenüber Tod und Sterben änderte. Musik ist meine Religion, und um zu fühlen, was diese geistlichen Arien ausdrücken, brauche ich das Glaubenssystem des Komponisten nicht zu übernehmen". Denn so sehr es von Nutzen ist, über die historischen und religiösen Zusammenhänge einer Zeit Bescheid zu wissen, so wenig kann man letztendlich tatsächlich die Empfindungen rekonstruieren, die Menschen von 300 Jahren bewegt haben könnten. Authentizität ist im Falle vergangener Epochen in letzter Konsequenz eine Fiktion und so hat sich auch Quasthoff vor allem an der Musik selbst orientiert, um sein Programm mit geistlichen Arien zu gestalten: "Wir haben Stücke ausgewählt, in denen ich das zu Gehör bringen kann, was mir am Gesang wichtig erscheint: Farbigkeit, Ausdruck, Schönheit. Ich sehe mich aber nicht als einen Sänger, für den vor allem Schönheit zählt. Das Wichtigste ist für mich die Symbiose von Text und Musik".
 
Und auch da war Johann Sebastian Bach ein Meister seines Fachs. Egal, welche Kantate, welches große Vokalopus man betrachtet, jedes Mal erscheint es, als habe man eine ideale Kombination von Worten und Melodien vorliegen. Quasthoff wählte einzelne Passagen aus drei zentralen Werken aus, die zwischen 1723 und 1735 entstanden und dem liturgischen Zusammenhang entstammen. "Mache dich, mein Herze, rein" gehört zur "Matthäus-Passion, BWV 244", das Titelstück des Albums "Betrachte, meine Seel" und "Mein treuer Heiland, lass dich fragen - Jesu, der du warest tot" aus der "Johannes-Passion, BWV 245", beide geschrieben für die Aufführung während der Karwoche an der Leipziger Thomaskirche. Die Arie "Großer Herr, o starker König" und das Duett "Herr, dein Mittleid, dein Erbarmen" (Sopran: Sibylla Rubens) wiederum wurden für das "Weihnachtsoriatorium BWV 248" erdacht, das 1734/35 zu Aufführungen zu Ehren des Kurfürsten verwandt wurde. Quasthoff beschränkt sich aber nicht nur auf die Werke des Leipziger Kantors, sondern setzt das Programm der CD durch eine Arie aus Georg Friedrich Händels "Der Messias, HWV 56", drei Ausschnitte aus Joseph Haydns "Die Jahreszeiten, Hob XXI.3" und "Die Schöpfung, Hon XXI.2" fort und rundet sie schließlich mit ebenfalls drei Arien des Bach-Wiederentdeckers Felix Mendelssohn aus dessen Oratorien "Elias, op.70" und "Paulus, op.36" ab. Als kleines Zuckerl obendrauf singt er als Zugabe noch den Spiritual "Swing Low, Sweet Chariot" und schafft es auf diese Weise, einen Streifzug durch die Klanggeschichte christlich religiöser Vokalmusik zu entwerfen, der ebenso persönlich wie bewegend seine Fähigkeiten als eine der grandiosen Stimmen der Gegenwart vor Ohren führt.
 
Ebensolche Kompetenzen sind es auch, die die Juroren des Europäischen Kulturpreises dazu bewogen haben, die Auszeichnung in diesem Jahr unter anderem an Thomas Quasthoff zu vergeben. In der Begründung hieß es unter anderem, dass ihm der Preis für "überragendes Können, außergewöhnliche Stimme und gesellschaftliches Engagement" verliehen werde. Quasthoff gehört zu Initiatoren der Stiftung "Kinder von Tschernobyl", die sich für die Opfer der Strahlungskatastrophe in Russland einsetzt. Darüber hinaus wurden im künstlerischen Bereich die Mezzo-Sopranistin Elina Garanca, der Cellist Jan Vogler, der Geiger Mikhail Ovrutzky und der Schauspieler Klaus Maria Brandauer geehrt. Im gesellschaftlich politischen Segment ging der Europäische Kulturpreis 2006 an den Herzog Edward von Kent, Michail Gorbatschow und Lothar de Maiziere, der Bischof Wolfgang Huber und den Kosmopoliten Kyrill von Smolensk und Kaliningrad.


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