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01.09.1998

Till Brönner - Love

Till Brönner, Till Brönner - Love

Vom Klassik-Novizen zur souveränen Musikhoffnung der Nation - Charaktere wollen wachsen, Karrieren brauchen Zeit und Spielraum, um sich zu entwickeln. "Ich habe von der Bebop-Combo bis zum Jazz mit Streichorchester schon ganz verschiedene Projekte verwirklicht", erzählt der deutsche Trompeter Till Brönner, "aber das neue Album gehört mit Abstand zu den besten Aufnahmen, die mir bislang gelungen sind." Und der junge Mann mit dem schönen Ton und der Vorliebe für ein stilvolles Erscheinungsbild hat tatsächlich bereits einiges bewegt. Mit nonchalanter Selbstverständlichkeit gesellte Brönner sich schrittweise zu den Gestalten der ersten Jazz-Liga. Mal stand er mit Dave Brubeck, James Moody oder Monty Alexander auf der Bühne. Mal wagte er sich mit Aki Takase, Joachim Kühn oder Ravi Coltrane komplexere Klänge. Dann wieder sekundierte er Chaka Khan, Natalie Cole oder Tony Bennett mit einfühlsamen Melodielinien. Innerhalb eines guten Jahrzehnts hat er sich vom begabten Klassik-Novizen zur swingend souveränen Musikhoffnung der Nation emporgespielt.

Geboren 1971 im nordrhein-westfälischen Städtchen Viersen, deutete zunächst nichts darauf hin, da§ Brönner einmal Jazztrompeter werden sollte. Zwar finden sich im Familienstammbuch manche Musiker. Franz Lachner etwa, ein Vorfahre väterlicherseits, war zu Wagners Zeiten Hoforganist im Frankfurter Dom. Auch einige andere Kirchenmusiker gab es in der Verwandtschaft. Nur Trompete spielte keiner, und Jazz kannte man bei Brönners nur vom Hörensagen. So lernte der Knabe Till zunächst einmal Blockflöte, als pädagogischer Versuchsballon, ob sich denn daraus etwas entwickeln möge. Tatsächlich begann er, sich für Musik zu begeistern. Nur die Flöte fand er spröde, Trompeten machten viel mehr her und klangen noch dazu schmissiger, energischer. Als Brönner mit neun Jahren zur Kommunion sein erstes golden funkelndes Instrument überreicht bekam, war er schon so sehr von der Musik gefangen, dass er nicht nur eine klassische Ausbildung ermöglicht bekam, sondern bald auch regelmäßig zu Nachwuchs-Wettbewerben antrat.

Brönner hatte Erfolg und gewann, je nach Tagesform, verschiedene Kontests wie das renommierte "Jugend musiziert". Mit der Geschmacksnormierung der klassischen Musikszene aber blieb er unzufrieden. "Damals wollten alle jungen Trompeter klingen wie Maurice Andr?. Das war mir zu wenig", erinnert er sich an den Wendepunkt seiner Karriere. Mehr aus Frust, als aus Lust bewarb Brönner sich im zarten Alter von fünfzehn Jahren für "Jugend jazzt" - und hielt prompt die Siegertrophäe in den Händen. Von da an ging es bergauf. Er wurde jüngstes Mitglied in Peter Herbolzheimers Bundesjazzorchester, studierte Jazztrompete an der Kölner Musikhochschule, überzeugte beim Vorspielen für das RIAS-Tanzochester und hatte auf diese Weise bereits als 20jähriger einen begehrten Vertrag als Big-Band-Musiker bei Horst Jankowski in Berlin in der Tasche.

1993 debütierte Brönner dann als Bandleader bei Minor Music unter eigenem Namen mit "Generations Of Jazz", u.a. mit Ray Brown am Kontrabaß und Jeff Hamilton am Schlagzeug. Es folgten "My Secret Love" (1995) und "German Songs" (1996) mit der Kombination von gro§em Streichorchester, Jazzquartett und einer eigenwilligen Bearbeitung von Schlagern aus alten UFA-Tagen. Das Projekt sorgte über die Jazz-öffentlichkeit hinaus für Aufsehen. Denn es entfernte sich in Repertoire und Machart von den Standards der Väter, um mit neu arrangierten und ein wenig in Vergessenheit geratenen Melodien der Großväter ungewöhnlich vitale Impulse für die Musik der Gegenwart zu geben. Gerade diese Offenheit, sich mit eigenen Klangideen von der Konkurrenz der Jungmusiker abzusetzen, zeichnete Brönner spätestens von dieser Produktion an als wichtigen, innovativen Knnstler der aktuellen Szene aus. Für die folgende Aufnahme "Midnight" (1997) wechselte er daraufhin für ein Intermezzo zur BMG und widmete sich gemeinsam mit internationalen Koryphäen wie Dennis Chambers (dr), Anthony Jackson (b) und Michael Brecker (reeds) der unterhaltsam groovigen Welt des Fusion-Jazz.

Mit seinem fünften Album und Verve-Einstand präsentiert Brönner sich nun wieder von einer anderen Seite. Samtig elegant, lasziv gehaucht, pointiert gedämpft taucht er in eine Welt geschmackvoller Balladen und jazzig atmosphärischer Assoziationsräume ein. Vergleiche mit Chet Baker drängen sich auf, weniger wegen der Liedauswahl, sondern aufgrund der geschickten Reduktion der Musik auf das lyrisch Wesentliche und Brönners Neigung, gelegentlich auch als Sänger zum Mikrophon zu greifen. Als Komponist steuerte er vier eigene Lieder ("What Stays", "Our Game", "We Fly Around The World" und "Time Will Tell") bei. Der Rest sind Klassiker wie "Here's That Rainy Day", "Brazil" oder auch "Ich hab' noch einen Koffer in Berlin". Aufgenommen wurde sein neues Album im Mai 1998 in den Avatar Studios, N.Y., schon wegen des besonderen, inspirierenden Flairs der Jazz-Metropole.

Brönner ist inzwischen ein Meister der musikalischer Intimität, der leisen, subtilen, anschmiegsamen Töne. Ehrfürchtig gestaltet er an (Dämpfer-)Trompete und Flügelhorn einen zärtlichen Klangkosmos fragiler Melodien. Selbstbewußt entwickelt er seinen individuellen, volltönend starken Sound am Instrument, spielt cool, aber nicht kühl, virtuos, aber nicht eitel, sentimental, aber nicht pathetisch. Und souverän lä§t er sich von seinem internationalen Quartett unterstützen.

Frank Chastenier stand ihm als Pianist bereits bei "Generations Of Jazz" zur Seite. Der New Yorker Gitarrist und Berklee-Absolvent Chuck Loeb ist selbst schon weit über amerikanische Studio- und Fankreise hinaus ein Begriff. Als Solist im Stile Pat Methenys, aber auch als inspirierter, vielseitiger Begleiter und Arrangeur, gehört er seit Beginn der neunziger Jahre zu den wichtigsten und erfolgreichsten Vertretern des Contemporary Smooth Jazz. Der Nürnberger Wolfgang Haffner wiederum sitzt nicht nur regelmä§ig bei Klaus Doldinger's Passport am Schlagzeug, sondern hat bereits mit so unterschiedlichen Künstlern wie Albert Mangelsdorff, Chaka Khan oder den Fantastischen Vier gearbeitet. Gemeinsam mit Tim Lefebvre am Kontrabaß rundet er die Lieder mit aufmerksamer Präzision und subtilem Swing zum betörend stimmungsvollen Klangerlebnis ab. So ist dieses Album ein gewagtes, weil auf den ersten Eindruck ruhiges und unspektakuläres Album. Gerade dadurch wird es aber Brönners Ruf als hervorragenden Instrumentalisten, einfühlsamen Interpreten und eigenständigen musikalischen Charakter weiter festigen.


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