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10.12.2009

Tocotronic Bio 2009

TOCOTRONIC „SCHALL UND WAHN“ VÖ.: 22. Januar 2010

Im tocotronischen Universum ist ein Fieber ausgebrochen.

Es ist glühend, ansteckend und bringt das Bewusstsein unaufhaltsam durcheinander. Außerdem und im besten Fall kann es zu wahnhaften Zuständen führen. Denn das Gebot des neuesten Tocotronic-Albums lautet: Nicht zur Besinnung kommen! Sondern im Gegenteil: Sich reinsteigern! Bis man die Bodenhaftung verliert.

„Schall und Wahn“ ist nach „Pure Vernunft darf niemals siegen“ und „Kapitulation“ das letzte Album der „Berlin-Trilogie“ und ein entfesselter Aufbruch in ein neues Jahrzehnt.

In zwölf hell und finster leuchtenden Liedern entwerfen Tocotronic eine wahrhaft infernalische Welt, die von Liebe und Verbrechen beherrscht wird, vom Guten wie dem Bösen. Sie erzählen von der Ambivalenz des Schmerzes und von wohlbekannten Lastern wie Neid, Feigheit und Gier.

Selbst die Konventionen des Lovesongs haben Tocotronic mit ihrem schönen Gift infiziert. Denn Liebe ist hier weder rettendes Glücksversprechen, noch schmerzhaftes Scheitern. Die neue Tocotronic-Liebe ist vielmehr eine ungestüme und zerstörerische, aber gleichzeitig kreative Kraft.

Ja, wirklich, die Blumen des Bösen wachsen hier in den prächtigsten Farben.

Doch wer glaubt, Tocotronic habe sich in eine Welt shakespear’scher Tragödien oder gar in die moralischen Abgründe exzentrischer Dandys geflüchtet, irrt. Wenn auch das neue Album entschieden weniger gegenwartsdiagnostisch klingt als die Manifest-Platte „Kapitulation“, so beschreibt es doch keineswegs eine Flucht ins Private. Schließlich liegen in den tocotronischen Überschreitungen nur allzu wahre Erkenntnisse über die Verstrickung von Liebe und Macht und den neurotischen Überschuss von Gefühlen. Oder auch über die ganz alltäglichen gesellschaftlichen Anrufungen und inneren Dämonen, denn die Folter endet nie.

Aufgenommen wurde „Schall und Wahn“, wie schon die beiden Vorgängerwerke, zusammen mit dem Produzenten Moses Schneider in Berlin. Dieser experimentierte wie ein „mad professor“ mit den Möglichkeiten eines erweiterten Raumklangs, was der Platte eine geradezu cinemascope-hafte Größe verleiht. Live eingespielt, wurden die Songs von den fließenden Streicherarrangements des Komponisten Thomas Meadowcroft noch zusätzlich ausgedehnt. Und Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Rick McPhail  und Arne Zank präsentieren sich als Band geschlossener und eingeschworener denn je.

Mitunter hat man wirklich das Gefühl, dieser Rock spiele sich wie von selbst. So gibt es viel Raum für Improvisationen, delirierende Instrumentalstrecken, elegant donnernde Rhythmen und aufwühlende Gitarrengewitter.

Auch wenn in alter Tocotronic-Tradition wieder einige Verneinungsformeln proklamiert werden, ist die Zeit der Gewissheiten vorüber. Zumindest wird „Im Zweifel für den Zweifel“ als emotionale Wahrheit der Stunde besungen.

„Schall und Wahn“ ist Tocotronics bisher heftigste Propagierung von Zwischenstufen, Ich-Auflösung und Vielheit. Es ist ein loderndes Zwitterwerk – hin-und hergerissen zwischen gesellschaftlichem Statement und individuellem Spleen, zwischen klassischer tocotronischer Negation und Überwindung derselben, zwischen kreativem Akt und Zerstörung, Wach-Sein und der Sprache des Unbewussten.

Doch vor allem haben Tocotronic ein Album über Musik gemacht.

Über die Kraft des Schalls...zu erklingen, sich auszubreiten und uns fort zu tragen, dem „Flug der Töne“ zu folgen, wohin auch immer.

ESTHER BUSS


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