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27.09.2012

Tonbandgerät

Um uns hier mal gleich zu Beginn den Wind aus den Segeln zu nehmen und jeglichen Spannungsaufbau zu torpedieren: Tonbandgerät sind die Gewinner des New Music Awards 2012. In seltener Einigkeit haben sich Jury und Publikum für die vier Newcomer aus Hamburg entschieden - angesichts der geschätzten Mitbewerber und dem spürbar gestiegenen Gesamtniveau ist das für die Band ein Sieg fürs Herz. Das klingt als wäre der Erfolg förmlich über Nacht gekommen. Aber dieser Preis ist nur der vorläufige Höhepunkt einer Geschichte, die bereits vor fünf Jahren ihren Anfang nahm.  

Ja, Tonbandgerät lassen sich aus der Zeit fallen. Sie folgen dem eigenen Takt und haben das Straucheln in den letzten Jahren zum Spaß erhoben. Sie hätten es sich so viel einfacher machen können. Hier war eine Band mit zwei Frauen und zwei Männern; für diesen Fall lautet das Erfolgsrezept: die eine Frau am Mikro, der eine Mann an der Gitarre, und die anderen beiden beugen sich bitte ebenso bereitwillig den modernen Rollen-Klischee. Jetzt musste nur noch der richtige Produzent für etwas Wohlklang sorgen und die Single bräuchte noch einen Hook und ... - aber halt. Irgendwas war anders.

Die Worte von "Irgendwie anders" treffen es genau. Und wem gehören diese Worte? Bei Tonbandgerät singt Ole. Schlagzeuger Jakob bildet zusammen mit Isa am Bass die Rhytmusgruppe. Die ältere der beiden Schwestern, Sophia, spielt Gitarre und schreibt die Texte, die dann von Ole gesungen werden. Das ist kein feministisches Statement und hat auch nichts mit dem Hinterfragen von Geschlechtsidentitäten zu tun.

Sophia und Isa haben Ole einfach bei Youtube gefunden, als sie auf der Suche nach einer geeigneten Stimme für ihre Band waren; Schulfreund Jakob komplettierte schließlich das Quartett. Ihre musikalische Früherziehung genossen die Schwestern übrigens in lokalen Punk-Bands, das erklärt vielleicht auch die Selbstverständlichkeit, mit der sie Konventionen sprengen.

Wie und warum auch immer es bei Tonbandgerät zu dieser ganz speziellen Aufgabenverteilung gekommen sein mag, man möchte das Geheimnis aufgrund der daraus erwachsenden Magie gar nicht tiefer ergründen. Sophia behauptet, sie vermeide in ihren Texten lediglich, explizit etwas von er oder sie zu schreiben. Anfangs waren die Ergebnisse noch etwas kryptischer, inzwischen liebt Sophia die Klarheit und verbietet sich persönliche Abschweifungen - wenn sie schreibt, denkt sie an sich, an Ole aber ebenso an Jakob und Isa. Also wem gehören nun die Worte? Genau, der Band.

Ole scheint auch mehr als nur zufrieden damit zu sein, den Texten sein Leben einhauchen zu dürfen. Was für ihn als Experiment begann, hat sich längst zur freudigen kreativen Herausforderung entwickelt. Wahrscheinlich ist ihnen gemeinsam noch nicht mal bewusst, wie grossartig das alles ist. Umso besser - nur nicht weiter nachfragen. (Verdammt, spätestens jetzt wissen sie es - na ja, liebe Medienpartner - macht das Beste draus!).  

Apropos, die Geschichte mit dem Namen: Im alten Band-Saab wollte sich irgendwann der ebenso alte CD-Player nur noch sehr ungern von seinen CDs trennen. Also fütterte ihn die Band ein für allemal mit einem seltenen Konsensalben, auf das sich ausnahmsweise alle vier einigen konnten: "Let Me Introduce My Friends" von der 30-köpfigen Band I'm From Barcelona aus Schweden.

Darauf zu finden ist der Song "Rec & Play", der auch diesem Text als Intro diente, siehe oben. Die beschriebene Qualität des Tonbands, besondere Momente des Lebens konservieren zu können, gehörte neben der Liebe zur analogen Wärme zu den Gründen, die für den eigentümlichen Namen mit dem Hauch Dead Media im Abgang sprachen.

Tonbandgerät leben und musizieren in Hamburg, was gleichzeitig alles und nichts bedeutet. Die Stadt ist nicht gerade arm an Musikern, die ihren eigenen Stil so lange verfolgt haben bis ihnen auch der Rest der Republik folgen wollte. Insbesondere in ihrem Umgang mit der deutschen Sprache haben sich Hamburger Sänger und Bands immer hervorgetan - man erinnere sich an die Erfindung von Diskurs Pop und Hamburger Schule auf der einen Seite, und an die schlausten Raps des Landes auf der anderen. Umso erstaunlicher, dass Tonbandgerät damit und mit all dem, was danach noch kommen sollte eher wenig bis überhaupt nichts zu tun hat.

In der jetzigen Besetzung spielen Tonbandgerät seit drei Jahren zusammen, die längste Zeit in einem sehr kleinen Bunker-Übungsraum auf der falschen Seite der Stadt. Eben dort, wo man NICHT wohnen möchte - abseits der kreativen Hot Spots und bekannteren Stadtteilen. Magische Orte wie der Hafen und die Hafenstrasse liegen in derselben Ferne wie St. Pauli, die Schanzeund all die hippen Viertel westlich der Alster.

Auch das ist bezeichnend, denn Tonbandgerät fehlt die Arroganz der Checker. Ihre jahrelange Selbstgenügsamkeit hat zu einer besonders freundlichen, kontaktfreudigen und nicht zuletzt ehrlichen Form von Pop geführt - Pop als hohe Kunst der Reduktion. Es entbehrt nicht der Ironie, an dieser Stelle und in diesen Zeiten den Gedanken von Unabhängigkeit zu beschwören, aber der Begriff passt perfekt zu der gelebten Freiheit von Tonbandgerät.

Frei zu sein bedeutet eben auch, seine eigenen Fehler machen zu dürfen. Oder auch mal nicht zu wissen, wo und wie der Hase läuft. In einem ihrer schönsten Songs "Auf 3" wollen sie zwar Anfangs nicht weniger als die Welt - aber im weiteren Verlauf wird klar, dass sie gerade auch dem "Scheitern als Chance" einen Raum geben möchten.   
 
In einem  Interview wundert sich Sophia, dass um sie herum die Altersgenossen schon mit Anfang 20 Angst haben, Zeit zu verlieren. Ja, Tonbandgerät haben sich aus der Zeit fallen lassen. Sie haben dem eigenen Takt gefolgt und das Straucheln zum Spaß erhoben. Das könnte sich künftig natürlich etwas schwieriger gestalten. Aber mit etwas gutem Willen kann man sich ja auch in der kleinsten Stadt verfahren, ...

Die neue Single "Alles geht" von Tonbandgerät erscheint am 19. September 2014.


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