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14.02.2001

Der Marathon-Mann: Valery Gergiev

Valery Gergiev, Der Marathon-Mann: Valery Gergiev

"Ich brauche das Kirov-Orchester zum Leben wie meinen Körper", sagt Valery Gergiev und gibt mit einer neuen Operngesamteinspielung und zwei Klavierkonzerten kräftigste Zeichen seiner Lebendigkeit.

Das Mariinskij-Theater steht mitten in St. Petersburg. Außen in grellem Mintgrün gestrichen, der Zuschauerraum prunkvoll in weiß, blau und voller Goldstukkaturen, geschmückt mit unzähligen Kronleuchtern, an den Wänden goldene Putten, die Sitze mit schwerem Samt bezogen. 1860 erbaut, bietet es 1600 Gästen Platz und ihnen allen sentimental-zaristischen Glanz. In den knapp 400 Räumen atmet jeder Winkel Geschichte. Mit seiner prachtvollen Akustik und einzigartigen Atmosphäre ist das Mariinskij die Wiege der aristokratischen Opern- und Ballettkunst Russlands. Seinen imperialen Namen trägt es nach Maria, der Frau des Zaren Alexander II. Heute wieder - denn für mehr als 50 Jahre, als St. Petersburg noch Leningrad hieß, war das Mariinskij-Theater das Kirov-Theater - benannt nach dem ermordeten Revolutionär.

 

Mehr als 1000 Menschen arbeiten hier, aber besonders mit einem unter ihnen wird das Theater heute in Verbindung gebracht: Valery Gergiev. Seit 1988 ist er der künstlerische Hausherr, nachdem er schon fünf Jahre als Assistent mit dem Kirov-Orchester gearbeitet hatte. Heute steht Gergiev dem St. Petersburger Theater als Chefdirigent, Generaldirektor und künstlerischer Leiter vor und hat es Zug um Zug wieder in die vordere Reihe der internationalen Musikbühnen geführt.

 

Risikobereit und instinktsicher besetzte Gergiev das Orchester mit sehr viel jüngeren Musikern, von denen er die gleiche Qualität und Disziplin wie von sich selbst verlangt. Unter ihm wandelte sich der sehr dunkle, sehr russische, sehr konservative Klang des Orchesters schnell, gewann an Raffinesse und Weltläufigkeit. Die Streicher hatten schon immer Klasse, den Holz- und Blechbläsern gab Gergiev neues Selbstvertrauen. Finanziell sind die Musiker des Kirov-Orchesters mit monatlich 700 Mark im Schnitt besser abgesichert als andere russische Orchester. Trotzdem liegt es wohl mehr an der fordernden Zusammenarbeit mit dem Dirigenten als am Gehalt, wenn der größere Teil des Orchesters in St. Petersburg bei der Stange bleibt. Während der Proben zu den Neuaufnahmen rutscht Valery Gergiev auf seinem Stuhl hin und her. Abwechselnd trommelt er mit dem Taktstock ans Stuhlbein, schlägt sich mit der flachen Hand rhythmisch ans Knie: "Ja, genau so ist es richtig. Man muss die Musik körperlich spüren können.", ruft er begeistert aus und die Musiker atmen erleichtert auf. Mit derselben Sorgfalt widmet sich der Dirigent auch der Arbeit mit dem Sängerensemble. Er hört sich jedes Vorsingen an und entscheidet auch bei den Sängerinnen und Sängern über die Besetzung. Seine Vorstellungen von gutem Gesang sind mehr von der italienischen als von der russischen Gesangsschule geprägt; er bevorzugt ein runderes Timbre, einen weichen Klang, nicht so sehr die slawische Schärfe. Und für viele der Musiker ist der Erfolg der Plattenproduktionen, der das Mariinskij-Theater im Westen bekannt gemacht hat, das Sprungbrett für eine internationale Karriere. Manche aus der hochkarätigen Sängerriege, die unter dem Mariinskij-Emblem Schallplattenpreise erringen, lassen sich später im Stammhaus kaum mehr blicken.

 

Aber wen wundert es? Schließlich verdienen sie im Ausland ein Vielfaches. Und dass die Finanzierung des Hauses und der Gehälter immer wieder neu in Frage gestellt ist, erstaunt angesichts der gravierenden ökonomischen und politischen Probleme Russlands genau so wenig. Da kann es passieren, dass der Jahresetat kurzerhand um achtzig Prozent (!) gekürzt wird. Also inszeniert Gergiev den Spagat: Mit dem Spielplan des Theaters erfüllt er sein Soll an russischer Opernliteratur für sein heimisches Publikum. Parallel dazu finden Festivals im Mariinskij statt, die vor allem touristisches Publikum und ihre Devisen anziehen.

 

Da setzt er zwar ebenso die russischen Opernklassiker auf das Programm, jedoch auch häufig Schostakowitsch und vor allem Prokofieff. Beide stoßen bei den Einheimischen nach wie vor auf Widerstand - und auch viele Petersburg-Bummler aus dem Westen erwarten sich für einen festlichen Opernabend mehr zaristische Gefälligkeit. Gergiev ignoriert das und hat trotzdem Erfolg. Mit seiner Doppeltaktik verhalf er dem Opernhaus wieder zu Weltruhm. Längst schon hat das traditionsreiche Haus in St. Petersburg dem vormals international renommierteren Bolschoi-Ballett in Moskau den Rang abgelaufen. Für das Mariinskij-Theater gehören inzwischen die devisenträchtigen internationalen Festivaleinladungen, TV-Produktionen und ausgedehnten Auslandsgastspiele zum Alltag. Gergiev ist damit nicht nur die Öffnung nach Westen geglückt, sondern er hat auch, scheinbar mühelos, den Anschluss an die europäische Musikkultur gefunden.

 

Dieser Austausch mit dem Westen setzt sich in der täglichen Arbeit fort, denn Ko-Produktionen mit großen Häusern wie der Mailänder Scala, der Metropolitan Opera in New York und dem Londoner Covent Garden sind an der Tagesordnung. Und Gergiev, das Kommunikationstalent, nutzt die internationalen Kontakte, um das Überleben des Theaters finanziell zu sichern. Selbst in London hat sich mittlerweile ein spendierfreudiger Kreis von "Friends of the Kirov" zusammengefunden.

 

So verschafft Gergiev sich und dem Haus Luft für seine ambitionierten Projekte: Dazu gehören unbestritten die großen Operneinspielungen für Philips. Seit 1989 der Exklusivvertrag mit dem Haus abgeschlossen wurde, sind allein 16 Opernaufnahmen entstanden, darunter die großen Opern von Rimski-Korsakoff und vor allem die von Serge Prokofieff - die jetzt mit "Semyon Kotko" um eine weitere Premiere im Katalog ergänzt werden.

 

In all seinen Projekten verbindet Gergiev russische und westeuropäische Tradition, die Lust auf Neues mit dem Respekt vor dem Alten. Das Mariinskij war stets - anders als das Bolschoi-Theater - sehr europäisch ausgerichtet. Viele große Komponisten wirkten hier: Berlioz, Wagner und Mahler haben im Mariinskij dirigiert und Verdi brachte hier seine Oper "La forza del destino" (Die Macht des Schicksals) zur Uraufführung, Alban Berg saß im Zuschauerraum, als Erich Kleiber 1925 seinen "Wozzeck" dirigierte. Wagners "Ring" und "Tristan" wurden hier aufgeführt, noch bevor sie in Bayreuth zu hören waren. Gergiev ist dieser großen Tradition verpflichtet, ohne allerdings in reiner Traditionspflege zu erstarren. Direkte Vorbilder hat er keine. Dennoch: "Furtwängler vermittelte mir viel an Gefühl und Verständnis und brachte mir bei, Dinge anders zu sehen, bei Mrawinski begriff ich, was es heißt, ein Orchester zu führen." Und über Leonard Bernstein sagt er: "Ich glaube, Bernstein war in gewisser Hinsicht der russischen Art zu dirigieren sehr nahe. Er war ziemlich spontan, er improvisierte und hatte viel Ausdruck, seine Ideen und Gefühle drückte er manchmal auf sehr leidenschaftliche Weise aus." Valery Gergiev wurde 1953 in Moskau geboren und verbrachte seine Kindheit im Kaukasus. In der Familie gaben starke Frauen den Ton an und noch heute wachen seine Mutter und die Schwestern über ihn.

 

Relativ spät erst lernte er Klavierspielen, studierte dann bei Ilja Musin in Leningrad Dirigieren. 1976 gewann er den gesamtsowjetischen Dirigentenwettbewerb, ein Jahr später bereits den Herbert-von-Karajan-Wettbewerb in Berlin. Sein erster großer Erfolg war der Auftritt 1989 beim Schleswig-Holstein-Musikfestival, die folgenden ambitionierten Opernfestivals zu Prokofieff, Mussorgsky und Rimsky-Korsakoff steigerten die internationaler Aufmerksamkeit. 1993 erhielt er in der Londoner Royal Albert Hall den Classic Music Award als Dirigent des Jahres und hob die St. Petersburger Weißen Nächte, ein Jahr später ein internationales Festival in Finnland aus der Taufe. Seit Herbst 1996 leitet Gergiev das Rotterdam Festival und ist Chefdirigent des Rotterdamer Symphonieorchesters. 1997 wurde er zum ersten ständigen Gastdirigenten der New Yorker Met berufen, einem eigens für ihn geschaffenen Posten, der ihn innerhalb von fünf Jahren zu mindestens acht Produktionen verpflichtet.

 

Trotz solcher lukrativen Angebote bleibt Gergiev St. Petersburg treu. Er will durch seine Arbeit ein "Zeichen der Hoffnung" setzen. Ein Zeichen für eine Fortsetzung der klassischen russischen Musiktradition, ein Zeichen für russische Künstler im Land zu bleiben, ein Zeichen für künstlerische Eigenständigkeit - und das alles auf möglichst hohem Niveau: "Es ist mein Schicksal, in dieser legendären Stadt zu arbeiten ... Wenn ich anfange zu glauben, dass ich überhaupt nichts ändern kann, dann ist mein Platz in den USA, England oder Deutschland. Aber ich glaube, dass Petersburg ein guter Platz zum Arbeiten ist. Die Stadt hat eine gewaltige Tradition, nicht nur Tschaikowsky, auch viele große Komponisten des 20. Jahrhunderts: Strawinsky, Prokofieff, Schostakowitsch und andere. Petersburg ist für die Kultur dieser Welt wichtig."

 

Gerade für Serge Prokofieff, den er für den am meisten vernachlässigten russischen Komponisten hält, setzt sich Gergiev besonders ein. 1991 feierte er den 100. Geburtstag des Komponisten mit einem eigenen Prokofieff-Festival. Niemand glaubte damals daran, dass sich die vielen Opern- und Konzertvorstellungen verkaufen ließen. Doch Gergiev ging das Risiko ein und gewann: Das Festival wurde einer der größten Erfolge, den eine Kulturveranstaltung in Russland in den letzten zehn Jahren überhaupt erlebt hatte. Prokofieffs Oper "Krieg und Frieden", die via Satellit von der BBC live übertragen wurde, erreichte ein Millionenpublikum. Bis heute wurden die Inszenierungen des Festivals über ein dutzend Mal gespielt. Ähnliches wiederholte sich bei einem großen Prokofieff-Festival in einer Ko-Produktion mit dem Covent Garden London und der Pariser Operà Bastille.

 

Serge Prokofieff (1891-1953) studierte bei Rimsky-Korssakoff, schon früh waren seine Werke in Konzerten zu hören. Doch dann kamen Krieg und Revolution. Er verließ seine Heimat und reiste über Japan in die USA, kehrte aber 1936 in die UdSSR zurück. Prokofieff komponierte unermüdlich, am Ende hinterließ er ein Oeuvre von 131 Werken. "Ich liebe die Bühne. Ich werde nach einer klaren musikalischen Sprache suchen, die meinem Volke verständlich und lieb ist". Wie andere auch ist er gefangen in dem Spagat zwischen Staatstreue und eigenem künstlerischen Anspruch. Alfred Schnittke sagte in einem Festvortrag über Prokofieff: "Sein Leben sah zwar nicht nach offenem Widerstand gegenüber dem rituellen Hinrichtungstheater aus, aber es gab auch kein Nachgeben. Er gehörte zu denen, die bei allen schrecklichen Umständen ihre menschliche Würde bewahrten und den scheinbar allmächtigen Alltagssituationen nicht die Oberhand ließen. Er leistete einen stillen, aber um so zäheren Widerstand."

 

Nach einer kurzen Reise in die USA entstand 1939 seine Oper "Semyon Kotko" nach der Novelle "Ich bin ein Sohn des arbeitenden Volkes" von Valentin Katajew, der zusammen mit Prokofieff das Libretto schrieb - ein aufrichtiges Bemühen des Komponisten, den sozialistischen Auftrag zu erfüllen. Das Stück spielt 1918 in der Ukraine. Der aus dem Krieg heimkehrende Kotko erzählt seinen Freunden im Dorf von der Revolution, wirbt um seine Geliebte Sonja, wird aber von deren Vater zurückgewiesen. Die Deutschen greifen das Dorf an, Sonjas Vater übergibt ihnen eine Liste mit den Namen derer, die mit der Revolution sympathisieren. Semyon Kotko wird zum Tode verurteilt, jedoch in letzter Minute gerettet - der Hochzeit steht eigentlich nichts mehr im Wege. Der Führer der Revolution überzeugt aber beide, erst den vaterländischen Dienst anzutreten und die Heimat von den Feinden zu befreien.

 

Prokofieff arbeitete mit großer Begeisterung an dieser Oper. Vor allem vom Leben der ukrainischen Bauern gefesselt, studierte er ihre Volkslieder und legte deren Intonationseigentümlichkeiten seinen Melodien zugrunde. Mit harmonischer Schärfe, verschiedenen Mitteln der Satire und überzeugenden Melodien kennzeichnet der Komponist die gesellschaftlichen Klassen. Prokofieff war sich der musikalischen Qualität des Werkes bewusst und komponierte vier Jahre später unter Heranziehung von Themen aus seiner Oper "Semyon Kotko" eine achtsätzige symphonische Suite gleichen Namens.

 

1999 wurde "Semyon Kotko" in einer Neuproduktion Gergievs im Rahmen der St. Petersburger Weißen Nächten aufgeführt und danach im großen Saal des Wiener Konzerthauses mit überwältigendem Erfolg unter Gergievs Leitung mit Sängern und Orchester der Mariinskij-Oper präsentiert. Der jetzt veröffentlichte Live-Mitschnitt macht spürbar, warum: Mit federnder Energie und sprühender Virtuosität holt Gergiev selbst feinste Nuancen aus dem Orchester heraus, sein ausgeprägtes dramaturgisches Empfinden lassen die Oper nie in ein folkloristisches Potpourri abdriften.

 

Zeitgleich mit dieser aufsehenerregenden Ergänzung des Prokofieff-Repertoires erscheint eine zweite Aufnahme unter Gergievs Leitung, diesmal mit seinem Rotterdamer Symphonieorchester: eine Neueinspielung des Klavierkonzertes in a-moll von Edvard Grieg und des Klavierkonzertes Nr. 2 in f-moll von Frédéric Chopin. Die Aufnahme ist als französisch-russische Ko-Produktion eine echte Premiere: der französische Pianist Jean-Yves Thibaudet, der für seine Aufnahme der vollständigen Klavierwerke Ravels den Deutschen Schallplattenpreis erhielt und gerade erst wieder mit der vollständigen Einspielung aller Klavierwerke von Debussy Furore machte - Jean-Yves Thibaudet am Klavier ergänzt die berühmte, energisch zupackende Interpretation von Gergiev durch seinen hoch expressiven Stil, der das romantische Repertoire so richtig zum Funkeln bringt.

 

Und Gergiev macht weiter. Gastiert in Baden-Baden und Salzburg, spielt in New York und Rotterdam. Natürlich bedeuten die zahlreichen Engagements auch für sein Ensemble eine unglaubliche Anstrengung. Doch so unermüdlich wie er arbeitet keiner. Sein Tag scheint 48 Stunden zu haben, niemand weiß, wann er eigentlich schläft. Aber vielleicht ist das sein Geheimnis: Unbeirrt weiterzulaufen, bis der Marathon geschafft ist.


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