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03.06.2002

Wahnsinn und Menschlichkeit

Valery Gergiev, Wahnsinn und Menschlichkeit

Ein ungeklärter Mord am russischen Zarenhof im tiefsten Mittelalter. Das Opfer: ein Kind - ausgerechnet Dmitri, Sohn und Nachfolger Iwan des Schrecklichen. Natürlich fällt der Verdacht irgendwann auf den, dem die Zarenwürde durch diese Vorkommnisse zuteil wird: Boris Godunov. Aus diesem Stoff, der sich mit klösterlichen Intrigen und Verschwörungen weiter webt, macht Modest Mussorgsky ein hochdramatisches Mammutwerk von mehr als drei Stunden Spieldauer. Bei Philips erscheint nun eine Gesamtaufnahme in der Originalsprache, die es vor allem der bildhaften Tonkunst Mussorgskys verdankt, dass man vielleicht zum ersten Mal russisch hört, ohne nur chinesisch zu verstehen.

Nachdem keine vierzig Jahre vorher Glinka mit seiner Oper "Iwan Sussanin" die weltliche russische Kunstmusik zum Leben erweckt hatte, war das "mächtige Häuflein der Fünf", unter ihnen Rimskij Korssakoff, Borodin und Mussorgsky, schon kräftig dabei, nicht nur große Opernwerke, sondern auch Musikgeschichte zu schreiben.

 

Die erste Fassung des "Boris" von 1868 wurde jedoch vom kaiserlichen Theater in St. Petersburg abgelehnt unter anderem, weil es darin keine Frauenrolle gab. Eine grundlegende Überarbeitung brachte aber nicht nur eine Liebesgeschichte ins Spiel, sondern setzte zudem eine in der russischen Kunstmusik zu der Zeit kaum vorstellbare Ausdruckkraft der Charaktere frei. Es verwundert nicht, dass eine solche neuartige und befremdende Musik von den Zeitgenossen beargwöhnt wurde. So hat sich Rimskij-Korssakoff daran gemacht, das Werk zu bearbeiten und zu "glätten". Auch Tschaikowskij war skeptisch und resümierte: "Bei allen seinen Scheußlichkeiten spricht er eine neue Sprache, sie ist nicht schön, aber unverbraucht"

 

In einem breit angelegten Prolog wird die eindrucksvolle musikalische Kulisse des gesamten Werkes errichtet. Dem Chor und Orchester der Kirov-Oper aus St. Petersburg unter der Leitung von Valery Geriev fehlt es nicht an russischem Stolz und Größe, um Tutti-Passagen zu einem archaischen Gebilde auszubauen. Dennoch bleibt alles höchst artifiziell, wird nie grobschlächtig, so dass dieses Gebilde immer wieder von Solisten durchbrochen werden kann. Auch gehört zu der Urkraft, die von den Volksszenen ausgeht, ein heidnisch-mystischer Unterton.

 

Immer wiederkehrende byzantinische Klänge verbreiten gleich zu Beginn den Geruch von feuchten Klostermauern und in Verwesung begriffener Tradition. Glockenschläge und Becken im Wechsel mit fanfarenhaftem Blech erinnern an die schauerlichen Episoden, die Mussorgsky in der "Nacht auf dem kahlen Berge" erzählt. Endlich entsteigt Boris, gesungen von Vladimir Vaneev, mit einer Geste weisen Zweifels diesen Mauern und schreitet durchs Volk. Die Krönungsszene, in der prachtvolle Klänge einander ablösen, ist durchtränkt von düsteren Ahnungen und Visionen Boris´ - der Charakter wirkt gebrochen. Schon hier ist eine Leitmotivik bereitgelegt, die den Zaren letzlich in den Wahnsinn treibt und erstickt.

 

Mussorgsky weiß sein motivisches Material virtuos zu behandeln. So kann er die Charaktere allein musikalisch so differenziert ausgestalten, dass sie zu lebensnahen Figuren werden: Der Gegenspieler Gregori, der sich (hier wurde besagte Frauenrolle hineinerfunden) mit der polnischen Prinzessin Marina verbindet und vorgibt, der rechtmäßige Tronfolger Dmitri zu sein, ist bei Mussorgsky nicht nur der machtbesessene Fanat, sondern einer, der seine intriganten Machenschaften sogar größtenteils unter dem lyrischen Klanggewand eines leidenschaftlichen Liebhabers ausbrütet.

 

Es mag sein, dass Tschaikowskij, wenn er von "Scheußlichkeiten" spricht, die Ohren eben vor dieser ungeschminkten Ehrlichkeit seines Kollegen verschließen möchte. Doch wenn es eine Musik geben kann, die zu einer so bildhaften Sprache wird, das man sie versteht, braucht man nicht (wie Tschaikowskij) des Russischen mächtig zu sein um zu begreifen, dass man mit dieser Aufnahme einen Meilenstein r ussischer Musikgeschichte in den Händen hält.


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