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Valery Gergiev BACKSTAGE EXCLUSIV

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19.07.2002

"Konzentration ist die Antwort"

Valery Gergiev, Konzentration ist die Antwort

Valery Gergiev und das Kirov-Orchester des Mariinskij-Theaters sind zum Synonym geworden. KlassikAkzente sprach mit dem wilden Maestro, der mit dem Festival der Weißen Nächte wieder internationales Flair nach St. Petersburg holte.

KlassikAkzente: Maestro Gergiev, wie erwecken Sie den Mythos des Kirov-Theaters wieder zum Leben?

 

Valery Gergiev: Das Kirov ist nie aus den Augen der Öffentlichkeit wirklich verschwunden. Es war immer stark, während der Zarenzeit, während des Sowjet-Regimes. Es stand oft schlecht um das Kirov-Theater, aber es war nie schwach. Als wir 1996 zu dem alten Namen Mariinskij-Theater zurückkehrten, und auch Leningrad wieder in St. Petersburg zurückbenannt wurde, da gab es eine allgemeine Verwirrung. Darum nennen wir es Kirov-Orchester des Mariinskij-Theaters, denn so viele Menschen auf der ganzen Welt kennen die ?Marke? Kirov, so konnten wir den Namen nicht einfach wieder über Bord werfen. Wir arbeiten hart daran, um das Kirov erfolgreich und bekannt zu halten.

 

KlassikAkzente: Was war Ihr erstes Konzert mit dem Kirov-Orchester, Ihr erstes Programm, das erste Werk als Dirigent?

 

Valery Gergiev: Es war die Oper ?Krieg und Frieden? von Serge Prokofieff, ein enormes Werk. Ich war noch sehr jung, erst 24 Jahre alt, und ich kam gerade aus Berlin zurück ? es hieß damals noch West-Berlin. Dort hatte der Herbert-von-Karajan-Dirigenten-Wettbewerb stattgefunden, den ich gewonnen hatte. Und so bekam ich eine Chance beim Kirov-Orchester. Bei ?Krieg und Frieden? gibt es einen großen Chor und viele Solisten, das war ein schwieriges Werk für mein Debüt. Es war nicht leicht, aber ich habe es gut überstanden. 1988 wurde ich dann von den Sängern, Schauspielern und den übrigen Orchestermitgliedern als neuer Künstlerischer Leiter gewählt.

 

KlassikAkzente: Wie schaffen Sie es, so viele Dinge gleichzeitig zu tun, Konzerte und Opern dirigieren, Aufnahmen machen, Festivals organisieren, Geld organisieren ...?

 

Valery Gergiev: Ich denke, ich konzentriere mich auf zwei Dinge: vor allem auf das Mariinskij-Theater. Zum anderen dirigiere ich nie mehr als fünf oder sechs Orchester nebenher. Darunter die Wiener Philharmoniker, das Orchester der MET. Aber wenn ich zum Beispiel an der MET bin, bringe ich immer das Kirov-Orchester mit und dirigiere es in der Carnegie Hall. So knüpfe ich sehr enge Verbindungen und verhindere, dass ich mich verzettele. Und dann versuche ich auch andere Orchester in Europa zu dirigieren, aber es bleibt die Ausnahme, dass ich als Gastdirigent auftrete. Ich sitze lieber bei wenigen Dingen fest im Sattel. In St. Petersburg haben wir eine Akademie für junge Orchestermusiker und für junge Sänger gegründet, die ich beobachte und deren Entwicklung ich genau verfolge, um auch die Zukunft des Kirov zu sichern. Es ist einfach Konzentration, das ist die Antwort.

 

KlassikAkzente: Können Sie das gängige russische Repertoire aus dem Kopf dirigieren, oder arbeiten Sie nach Noten?

 

Valery Gergiev: Ich gebe nicht vor, auswendig zu dirigieren. Ich mache das gern bei speziellen Anlässen, wenn ich mich entsprechend intensiv vorbereitet habe, wie zum Beispiel bei den Salzburger Festspielen oder im Wiener Musikverein oder in London bei den ?Proms?. Dann möchte ich nur den Kontakt zum Orchester genießen, ohne immer wieder in die Partitur schauen und umblättern zu müssen. Aber es kann immer etwas passieren, manchmal will auch ein Solist schnell einen Blick in die Partitur werfen oder ein spezielles Zeichen von mir, das kommt vor. Selbst Toscanini, der ein unglaubliches Gedächtnis hatte, hat nicht immer auswendig dirigiert.

 

KlassikAkzente: Sie sollen auch sehr gut Fußball spielen ...

 

Valery Gergiev: Nein, nicht wirklich, ich bin nicht Maradonna (lacht) ... Ich habe nur früher Fußball gespielt wie die anderen Jungen. Ich habe damals mehr Zeit auf dem Fußballplatz verbracht als am Klavier, das hat meine Mutter immer geärgert. Dann habe ich eine Zeit lang beides intensiv betrieben, und dann musste ich mich entscheiden: Und ich wählte die Musik.


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