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13.09.2002

Der russische Orient

Valery Gergiev, Der russische Orient

Es war einmal eine Zeit, in der verband man Orient nicht mit Extremismus. Denn auch wenn die Muselmanen mit steter Regelmäßigkeit aus dem christlichen Europa gejagt wurden, so verbanden sich doch ihre Geschichten mit exotischen Phantasien von prachtvollen Herrscherhöfen und lasziver Erotik. Besonders die jungen russischen Komponisten des 19. Jahrhunderts waren von diesen kulturellen Projektionen begeistert, ob sie nun Balakirev, Borodin oder Rimsky-Korsakov hießen.

Milij Balakirev hatte vor, eine große russische Musik originärer Prägung zu erfinden. Das war nichts Ungewöhnliches in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als in ganz Europa im Anschluss an die Napoleonischen Kriege und die Restauration die Nationalstaaten blühten. Allerdings schloss seine Vorstellung auch Märchenhaftes und Exotisches mit ein, was zunächst wenig mit der angestrebten Verdeutlichung der russischen Seele zu tun hatte. So schrieb der charismatische Komponist und Wortführer des "Mächtigen Häufleins" (Milij Balakirev, César Cui, Alexander Borodin, Nikolai Rimsky-Korsakov, Modest Mussorgsky) anno 1869 eine "Orientalische Fantasie für Klavier", gedacht als Skizze für ein Orchesterwerk im Anschluss an einer Reise durch den Kaukasus. Unter dem Titel "Islamej" wurde sie bald zu einem Glanzstück der Konzertsaalvirtuosen und schließlich in mehreren Varianten für Orchester bearbeitet. Sie hatte mit dem Orient im Kern kaum etwas zu tun, nährte aber das Bedürfnis anderer Kollegen, sich mit dem Thema weiter zu beschäftigen.

 

Für den Teilzeitkomponisten Alexander Borodin hingegen, der neben seiner Tätigkeit in der Bereichen Wissenschaft, Verwaltung, Bildung und Wohltätigkeit noch reichlich umfangreiche Werke schuf, war die Vorstellung vom Orient bereits ein Spiel mit exotistischen Mythen und märchenhaften Vorstellungen. Als ihm 1879 zum 25jährigen Regierungsjubiläums Zar Alexanders II ein musikalisches Bild angetragen wurde, schrieb er sein charmantes "In Mittelasien" und stellte ihm einen metaphorisierenden Prolog voran: "In der Stille der öden Wüsten Mittelasiens hört man zuallererst die Klänge eines friedlichen russischen Liedes. Aus der Ferne hören wir das Nahen von Pferden und Kamelen und die melancholischen Töne einer orientalischen Melodie. Eine Karawane zieht aus der endlosen Steppe heran, begleitet von russischen Soldaten, und setzt sich sicher und furchtlos unter dem Schutz einer gewaltigen militärischen Macht der Eroberer ihren Weg fort. Langsam entzieht sie sich dem Blick. Die ruhigen Lieder er Eroberer und der Eroberten verschmelzen in einer Harmonie, deren Echos nachklingen, während die Karawane in der Ferne entschwindet." Das war politisch korrekt und mit einem Augenzwinkern zum Kronjubiläum genau der Stoff, aus dem die Träume der Potentaten waren.

 

Nikolai Rimsky-Korsakov hingegen wollte seine "Scheherazade" 1888 eigentlich nicht als Programmmusik verstanden haben. Sicher, auch er fabulierte in der Vorbemerkung zur Partitur von den Märchen aus 1001 Nacht und der rettenden Kraft der weiblichen Erzählung. Doch er distanzierte sich bald von den exotischen Denkhilfen und sah seine Orchestersuite als unabhängiges Werk. Die Ironie des Schicksals allerdings wollte es, dass die "Scheherazade" erst 1910 international bekannt wurde, durch eine Bearbeitung für Ballett durch Sergej Diaghilev, die das erotisch blutrünstige Treiben im Harem des Sultans in den Mittelpunkt stellte. So ist es eine unterhaltsame, historisch reflektierte Rückführung in umgekehrter Chronologie, die der Moskauer Dirigent Valery Gergiev mit den Kirov-Orchester vollzieht. Im November vergangenen Jahres in St. Petersburg aufgenommen, streift er noch einmal an der Linie russisch kolonialen Großmachtsdenkens entlang und erinnert voller Emphase an die Zeit, als die Welt noch vom Orient inspiriert wurde. Ein akustischer Denkanstoß auch für die Gegenwart.


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