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15.10.2004

Die Gewaltige

Valery Gergiev, Die Gewaltige

Der Einfluss Gustav Mahlers ist unüberhörbar. Allein schon die Vorliebe für große Orchestrierung - 20 Holz und 17 Blechbläser kommen zu Einsatz -, aber auch der Hang zum kontrollierten Gefühlsausbruch verweisen auf das Werk des Spätromantikers. Trotz der beeindruckenden Mittel musste Schostakowitschs vierte Sinfonie jedoch ein Vierteljahrhundert warten, bis sie uraufgeführt wurde. Sie erlitt das Schicksal eines nicht völlig parteikonformen Kunstwerks und wurde den Stalinistischen Kulturwölfen gar nicht erst vorgeworfen.

Kurz vor seinem Tod erzählte Dimitri Schostakowitsch 1970 einem Journalisten auf die Frage nach der Einflussnahme durch die Partei: "Wie gelang es ihnen, uns zu verbiegen, unser Leben zu entstellen! [...] Zweifellos wäre die Linie, die ich während der Komposition der 4.Sinfonie verfolgte, sehr viel stärker in meinem Werk hervorgetreten. Ich hätte mehr Brillanz entfaltet, mehr Sarkasmus gebraucht, ich hätte meine Gedanken offen enthüllen können, anstatt zur Tarnung greifen zu müssen; ich hätte reinere Musik geschrieben". Doch der Komponist wählte den Weg der Vorsicht und hielt sich zurück. Wie sehr die Maschinerie gegen ihn arbeiten konnte, hatte er zu spüren bekommen, als dem Herrscher der Partei eines seiner Werke missfiel. Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk" war zwei Jahre lang erfolgreich in Leningrad und Moskau gelaufen, bis Stalin eine der Aufführungen besuchte. Er mochte das Werk nicht, prompt erschien zwei Tage später eine Hasstirade in der Prawda auf das Werk. Vorsorglich wurde außerdem wenige Tage später Schostakowitschs Ballett "Der helle Bach" verrissen, so dass die Botschaft deutlich genug war: Mach das, was der Partei gefällt, sonst ist es vorbei mit deiner Karriere! Der Komponist jedenfalls hielt sich zunächst durch die Arbeit an seiner vierten Sinfonie über Wasser, die jedoch nach ein paar erfolglosen Proben mit den Leningrader Philharmonikern wieder in der Schublade landete. Dort blieb sie, Schostakowitsch präsentierte 1937 die linientreuere, die Größe des Kommunismus heroisierende fünfte Sinfonie.

 

Es dauerte 25 Jahre, bis das Mammutwerk von 1936 schließlich doch in Leningrad am 30. Dezember 1961 uraufgeführt wurde. Die Überraschung war dementsprechend groß, denn diese düstere, traurige aber auch klanggewaltige Seite Schostakowitschs war aus dem Gedächtnis der Öffentlichkeit verschwunden. Mit einem Mal wirkte er weit ungestümer, aber auch unkontrollierter, als man ihn kannte, und die sowjetische Kritik fiel diesmal - er war politisches Tauwetter angesagt - weitaus gnädiger aus als sie noch zu Stalins Zeiten gewesen wäre.

 

Für Valery Gergiev war es daher eine immense Herausforderung, das in sich zerrissene, stellenweise zufällig wirkende Werk in eine passende Interpretation zu verwandeln. Er legte Wert darauf, die Impulsivität der Vierten, ihre jugendliche Dynamik, aber auch mangelnde Disziplin als Ausgangspunkt zu nehmen. Gewaltig braust das Kirov Orchester auf, wild lässt es die Emotionen branden, ebenso zart und zerbrechlich aber findet es aus der Schlusspassage in einen Zustand der Rücknahme, der Erschöpfung. Hier ist die ganze Kraft eines visionären Dirigenten gefragt, der die inneren Kämpfe des Komponisten in tatsächliche Schwingungen seiner Musik übertragen kann, ohne dabei ins Klischeehafte zu verfallen. Gergiev meistert die Aufgabe und gibt der verkannten Vierten ihren Platz in der künstlerischen Genese zurück. Als Manifest des latenten Widerstandes, der Enttäuschung aber auch der Wut eines um seine Vision betrogenen Menschen.


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