Backstage
Valery Gergiev BACKSTAGE EXCLUSIV

News

09.08.2006

Eine russische Saga

Valery Gergiev, Eine russische Saga

Manchen Zeitgenossen galt der "Sadko" gar als der russische "Ring". In jedem Fall ist er ein opulentes Bühnen-Epos, dessen Bild- und Tonsprache deutliche Spuren in der spätromantischen und frühimpressionistischen Musikwelt hinterlassen hat. Für Nikolai Rimsky-Korsakov war es darüber hinaus ein Experiment, denn selten zuvor hatte sich der Komponist mit derart umfangreichen Sagen- und Mythenstoffen für ein Werk auseinandersetzt. Und so schuf er ein zweieinhalbstündiges Mammutepos, dem sich sein Landsmann Valery Gergiev mit der für ihn typischen Begeisterung und Kompetenz am St. Petersburger Mariinsky Theater angenommen hat.

Von all den russischen Komponisten des ausgehenden 19.Jahrhunderts, war Nikolai Rimsky-Korsakov (1844-1908) der geradlinigste. Nachdem er seinen ursprünglichen Beruf als Seekadett aufgegeben und sich für die Musik entschieden hatte, widmete er sich dieser Aufgabe mit zielgerichteter Intensität. Von 1871 an arbeitete er als Professor für praktischen Tonsatz, Instrumentation und Orchestration am St. Petersburger Konservatorium, wurde auf diese Weise zum Mentor einer ganzen Generation von Komponisten bis hin zu Igor Stravinsky und schuf mit dem "Lehrbuch der Orchestration" eines der Standardwerke der akademischen Pädagogik. Darüber hinaus entwickelte er sich zum inoffizielle Leiter des "Mächtigen Häufleins", eines Zusammenschlusses progressiver russischer Komponisten, und fühlte sich nicht zuletzt für deren Arbeit mit verantwortlich. Als etwa eines von dessen Mitgliedern, Alexander Borodin, überraschend starb, komplettierte er dessen wichtige, aber unvollendete Oper "Fürst Igor". Darüber hinaus gelang es Rimsky-Korsakov, sich selbst als herausragender Musikkünstler seiner Zeit zu profilieren und schaffte es sogar, sich auf den einheimischen Opernbühnen zu etablieren. Mit viel Erfolg präsentierte er "Das Mädchen von Pskov" (1872), "Mainacht" (1879), "Schneeflöckchen" (1882), "Die Nacht vor Weihnachten" (1894) und so wunderte es wenig, dass er sich mit "Sadko" (1894-96) auch an einen Sagenstoff der russischen Märchenwelt wagte - nicht zuletzt unter dem Eindruck einer Aufführung von Richard Wagners "Ring", der mit der Truppe um Angelo Neumann in St. Petersburg gastiert hatte.

Rimsky-Korsakov kümmerte sich nicht nur um die Musik, sondern auch wie einige seiner spätromantischen Kollegen, um die Dichtung des Librettos. Als Vorlage dienten ihm unter anderem Quellen eines Heldengedichtes aus dem 11. und 12. Jahrhundert, darüber hinaus zahlreiche einzelne Gedichte und Erkenntnisse der Mythenforschung und frühen Kulturwissenschaft. Im Zentrum des Geschehens steht Sadko, ein Sänger und Fischer aus Nowgorod, der sich erfolgreich gegen die verkrusteten Gilden seiner Stadt stellt und mit Hilfe der Prinzessin des Meereskönigs Wolchowa neue See- und Handelswege erschließt. Er ist Eroberer und Entdecker, Draufgänger und Erneuerer, Sagengestalt und realer Charakter in einem und steht einer Märchenwelt aus Meereskönig und Schwänen, Flussgöttern und heidnischen Gestalten gegenüber, mit denen er sich erfolgreich - und ebenfalls zeittypisch auf Kosten der Frauen, der sich für ihn opfernden Meeresprinzessin und der nur halbherzig geliebten Gattin - arrangiert. Sadko ist ein Winner im russischen Wams und so wird er auch in der Inszenierung des Kirov Ensembles am St. Petersburger Marinsky Theater präsentiert. Viel Kostüm, opulente Bilder, effektvolles Licht unterstützten die ausgezeichneten Darsteller und die emphatische Musik, die von prachtvollen Männerstimmen dominiert wird. Dabei ist es vor allem Vladimir Galusin, der in der Titelrolle des Sadko charmant und stimmgewaltig brilliert. Aber auch Valentina Tsidipova als Meeresprinzessin oder Sergei Aleksashkin als Seekönig machen eine ausgezeichnete Figur. Und nicht zuletzt ist es Gergievs umsichtige und nachdrückliche Leitung des Orchester des Kirov-Ensemble, die aus der 1994 entstandenen und nun im DTS 5.1 Surround-Format (wahlweise PCM Stereo) auf DVD herausgegebenen Aufnahme ein besonderes Opernereignis macht.


KOMMENTARE

Kommentar speichern