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02.10.2007

Ruf der Schwäne

Valery Gergiev, Ruf der Schwäne

Die Uraufführung war ein Misserfolg. Das lag weniger an Peter Iljitsch Tschaikowsky, denn der hatte seine Hausaufgaben gemacht und eine Ballett-Musik komponiert, die auf dem Niveau seiner symphonischen Werke rangierte. Es lag auch nicht am Stoff des Märchens "Schwanensee", denn ein paar Jahre nach der Premiere entwickelte sich die unglückliche Liebesgeschichte um den Prinzen Siegfried und die verzauberte Prinzessin Odette zu einem der Favoriten auf internationalen Bühnen. Er war einzig und allein die nachlässige Inszenierung am Moskauer Bolschoi-Theater, die die erste Aufführung von "Schwanensee" am 4. März 1877 misslingen ließ. So mussten erst Marius Pepita und Lew Iwanow für die Konkurrenz in St. Petersburg die Sache in die Hand nehmen. Ihre Inszenierung für das Marientheater 1895, posthum zwei Jahre nach dem Tod des Komponisten, verhalf dem märchenhaften Tanzdrama endlich zu der Würdigung, die dem Werk zustand, und leitete dessen weltweiten Erfolg ein. So wundert es wenig, dass sich auch der aktuelle Chef des Hauses Valery Gergiev dem Ballett mit aller Hingabe vor Ort und nun auch auf DVD widmet. Schließlich war es sein Mariinsky Theater, an dem die Erfolgsgeschichte von "Schwanensee" ihren Ursprung nahm.

Alles begann mit einem Kinderspaß. Tschaikowski verbrachte einen Teil des Sommers 1871 bei seiner Schwester auf deren Gut in der Ukraine. Der Komponist liebte dieses Fleckchen Erde ebenso wie seine Bewohner. Und da seine Schwester viele Kinder hatte, machte er sich aus Jux daran, für die Kleinen ein Ballett zu schreiben, das am Ende des Sommers im Familienkreise aufgeführt wurde. Es trug den Titel "Schwanensee" und alle mussten mitmachen. Es war Tschaikowskys erstes Ballett und führte den Komponisten spielerisch an die für ihn ungewohnte Gattung heran. Und obwohl die Aufführung im privaten Rahmen stattgefunden hatte, begann man in Intellektuellenzirkeln die Idee zu diskutieren, ob Tschaikowsky nicht auch für ein richtiges Ensemble ein Ballett schreiben solle. Im Jahr 1875 war es dann soweit, dass der Komponist von den Direktoren des Moskauer Kaiserlichen Theater konkret auf ein Tanzprojekt angesprochen wurde. Da er Geld brauchte und die Herausforderung ihn reizte, sagte er zu, und so wurde das Kinderspiel zu einem Bühnenwerk.


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Dreimal wandte sich Peter Iliitsch Tschaikowsky dem Ballett zu und dreimal schuf er Grundlagenwerke. "Schwanensee" (1877) wurde zum Inbegriff des klassischen Balletts überhaupt, "Dornröschen" (1888/89) entwickelte sich zum Dauerbrenner mit hohem ästhetischen Anspruch und der "Nussknacker" (1892) war nicht nur ein Sammelsurium großartiger Melodien, sondern mit seiner stellenweise absurden, märchenhaften Handlung ein Brückenschlag zu den Form- und Inhaltsexperimenten des frühen 20.Jahrhunderts. Der Ausgangspunkt aber bleib Tschaikowskys Ballettdebüt, in der Marientheaterfassung von 1895, die seitdem zur Referenzgröße für die folgenden Inszenierungen wurde. Einiges wurde zwar später hinzugefügt, wie etwa die Figur des Hofnarren, die Alexander Gorskij für seine Inszenierung 1901 in Moskau eingeführt hatte, viele wesentliche Elemente jedoch wie etwa der berühmte Tanz der Schwäne, gehörten in dieser Form bereits zu der St.Petersburger Inszenierung, so wie auch die sorgsam gewichtete Balance zwischen dem sinfonischen Charakter zahlreicher musikalischer Momenten und der fragilen Darstellung auf der Bühne bereits vor gut einem Jahrhundert grundsätzlich angelegt war.
 
Insofern konnte auch Valery Gergiev, der seit 1996 als Intendant und künstlerischer Leiter des Marientheaters fungiert, an einer große Tradition anknüpfen und mit der für ihn typischen Sorgfalt sich diesem Grundlagenwerk der russischen Musikgeschichte und der Historie des von ihm geleiteten Hauses widmen. Aufgenommen im Juni 2006 in der von Konstantin Sergeyev 1950 modifizierten Marientheaterfassung mit Ulyana Lopatkina als Odette/Odile und Danila Korsuntsev als Prinz Siegfried ist auf diese Weise mit Hilfe des Kamera-Teams der BBC eine zeitlos moderne DVD-Aufnahme entstanden, die in gewohnt grandiosem Surround-Sound (wahlweise PCM Stereo) ein großes Ballett in bestmöglicher Form in das heimische Wohnzimmer bringt.


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