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05.12.2007

Die Größe der Grazie

Valery Gergiev, Die Größe der Grazie

Die Faszination ist ungebrochen. Das klassische Ballett ist eine Kunstform, die auch nach eineinhalb Jahrhunderten bewegter Bühnengeschichte die Menschen zum Staunen verleitet. Denn die Leichtigkeit und Anmut der Figuren, mit der sich die Tänzer und Tänzerinnen zu den Klängen der Musik bewegen, hat etwas Magisches und Erdenfernes, als wären die Gesetze der Schwerkraft für einen Moment der Kunst aufgehoben. Das gilt im Besonderen für die Klassiker des Genres wie Tschaikowskys "Schwanensee" und "Der Nussknacker", aber auch für großartige Nachfolger wie Emilio Aragóns "Schneewittchen".

Peter Ilitsch Tschaikowsky hat das Ballett zwar nicht erfunden. Sein Einfluss auf die Vorstellung von modernem Tanz auf der Bühne ist dennoch immens. Das hängt vor allem mit "Schwanensee" zusammen, einem Werk, das 1877 bei der Uraufführung zunächst aufgrund einer nachlässigen Inszenierung beim Publikum durchfiel, dann aber im zweiten Anlauf zwei Jahrzehnte später sich zu einem der beliebtesten Ballette weltweit entwickelte. Tatsächlich ist das Bild der Schwanen-Ballerina im Tutu das markanteste Symbol für tänzerische Leichtigkeit, das das Genre bislang geprägt hat, und die zweite Fassung der Choreographie von "Schwanensee" aus dem Jahr 1895 vom St. Petersburger Marientheater bleibt nach wie vor die Grundlage von etwa 110 verschiedenen Interpretation, die bis heute auf großen Bühnen verwirklicht wurden.

So wundert es nicht, dass der Dirigent und heutige Chef Hauses Valery Gergiev bei seiner ersten offiziellen Beschäftigung mit dem Stoff besonderen Wert auf eine rundum perfekte Umsetzung der traurig-schönen Geschichte gelegt hat. "Swan Lake" in der Aufnahme vom Juni 2006 und in der Choreografie von Konstantin Sergeyev nach der berühmten Vorlage von Marius Pepita und Lev Ivanov aus dem Jahr 1895 ist ein Klassiker für sich, der mit den Tanz-Stars des Ensembles, der Primaballerina Ulyana Lopatkina (Odette-Odile) und ihres Partners Danila Korsuntsev (Prinz Siegfried), ausgefeilten Kunstgenuss verspricht und nun nicht nur auf DVD, sondern auch in zwei CD-Edition - als Gesamtausgabe auf zwei CDs und als Highlight-CD - erhältlich ist.

Das Ballett "Schwanensee" fiel in vielfacher Hinsicht aus dem Rahmen, denn es war aus einer Laune des Komponisten ohne konkreten Auftrag einer Theaterbühne für die Nichten und Neffen Tschaikowskys entstanden. Den "Nussknacker" hingegen entwickelte er unter dem Eindruck von Leo Délibes "Coppélia", dessen verspielte Märchenatmosphäre er mit einem Erzählstoff von E.T.A. Hoffmann mischte. Die Uraufführung fand am 18.Dezember 1892, wiederum am St. Petersburger Mariinsky-Theater, statt und das Stück eroberte von dort aus in Windeseile die wichtigen Bühnen Europas und der Welt.

Inzwischen gehört der "Nussknacker" ebenso wie "Schwanensee" zu den meist gespielten Balletten überhaupt und es ist wiederum eine Inszenierung am Marientheater, die den aktuellen Stand der ästhetischen Deutung bestimmt. Verwirklicht hat sie der russische Künstler Mihail Chemjakin zusammen mit dem Choreografen Kirill Simonov anno 2001 für die St. Petersburger Bühne. Valery Gergiev wählte für die (übrigens im hochauflösenden Widescreen-Format aufgenommene) DVD-Version eine Aufführung an seinem Haus, die sein Ensemble gemeinsam mit den Elite-Studenten der russische Ballett-Akademie im Januar 2007 verwirklicht hat. So können zwei Nachwuchs-Stars der Szene, der "Nussknacker" Leonid Sarafanov und "Mascha-Clara" Irina Golub, mit ihren faszinierenden Interpretationen überzeugen.

Tschaikowskys Ballette sind vor mehr als 100 Jahren entstanden und haben die Musikwelt geprägt. Sie sind Norm und Richtschnur des Genres und dementsprechend meisterhaft ist es, wenn ein moderner Komponist es schafft, auf Augenhöhe des russischen Meisters ein vergleichbar eindrucksvolles Stück zu schreiben. Im Jahr 2005 ist dem Spanier Emilio Aragón mit seinem "Schneewittchen" ein solches Oeuvre gelungen, das nach seiner Premiere dementsprechend umfassend gefeiert wurde.

Zum ersten Mal ist dieser Wurf nun auch auf DVD erhältlich und international auf dem Weg, sich als Standardwerk des zeitgenössischen Balletts zu etablieren. Einen großen Anteil am Erfolg der Produktion hat dabei nicht nur der Komponist, Produzent und Dirigent des Bilbao Orchestra Emilio Aragón, sondern auch sein Star, die Primaballerina des Royal Ballet Covent Garden Tamara Rojo, die er für die Titelrolle seiner Inszenierung gewinnen konnte. Für die choreografische Umsetzung war Ricardo Cue verantwortlich, neben Rojo tanzte das Ensemble des Arriga Theatre in Bilbao. Gefilmt am 4.November 2005, entstand ein neues Standardwerk auf DVD, ergänzt um eine ausführliche Dokumentation des "Making Ofs" - eine Überraschung für jeden Ballett-Fan.


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