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25.08.2016

Abschied von Toots Thielemans, dem ewig Jungen mit der Mundharmonika

Various Artists, Abschied von Toots Thielemans, dem ewig Jungen mit der Mundharmonika

Sie war für jedermann erschwinglich, relativ leicht zu erlernen und passte in jede Hosentasche - diese Eigenschaften machten die Mundharmonika zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum idealen Instrument für die durch die Gegend ziehenden amerikanischen Blues- und Folkmusiker. Im Jazz hingegen spielte die Mundharmonika zunächst einmal überhaupt keine Rolle. Das heißt: bis in den 1950er Jahren plötzlich ein Belgier in den USA auftauchte und diesen Zustand schlagartig änderte. Die Rede ist natürlich von niemand anderem als dem gerade verstorbenen Jean-Baptiste Frédéric Isidor Thielemans, kurz Toots Thielemans genannt.

 

Thielemans war einer der wenigen europäischen Musiker, die in den frühen 1950er Jahren im Herzen der amerikanischen Jazzszene nicht nur aufgenommen, sondern als vollkommen gleichwertig akzeptiert wurden. Die Türen öffnete ihm der Klarinettist und Bandleader Benny Goodman, der "King Of Swing", den Thielmans bei zwei Tourneen in Europa als Gitarrist begleitet hatte. Auch Charlie Parker wurde auf ihn aufmerksam und arbeitete später, als der Belgier ein Arbeitsvisum für die USA erhielt, mit ihm zusammen. 1952 wanderte Thielemans in die USA aus. In Jazzkreisen machte er sich schnell einen Namen und war als Solokünstler und Studiomusiker schon bald in der ganzen Welt sehr gefragt. So wurde er zu einem "Weltbürger", der nicht weniger als sechs Sprachen sprach.

Ähnlich "vielsprachig" artikulierte er sich, ganz gleich in welchem musikalischen Kontext, auch auf seinem Hauptinstrument: der chromatischen Mundharmonika. Man kann ihn mit ihr auf zahlreichen Aufnahmen hören, mit Musikern aus aller Herren Länder, von Brasilien bis Schweden, von Japan bis USA. Außerdem spielte er Film-Soundtracks (u.a. "Midnight Cowboy", "The Sugarland Express", "The Getaway ") sowie Musik für Fernsehserien ("Sesame Street") ein und nahm gemeinsam mit Louis Armstrong einen erinnernswerten Werbesong für den Autokonzern Chrysler.

 

Niemand spielte wie Toots Thielemans, der auch virtuos zu pfeifen verstand. Er wurde zu einer musikalischen Institution, für die bis heute kein wirklicher Nachfolger in Sicht ist. Über Jahrzehnte hinweg heimste er bei den Kritiker- und Leserumfragen im Down Beat den ersten Platz in der Exoten-Kategorie für "gemischte Instrumente" ein. Den Trompeter Clifford Brown veranlasste dies einst zu dem berühmt gewordenen Satz:  "Toots, so wie du Mundharmonika spielst, sollte man diese nicht mehr als ‘gemischtes Instrument’ bezeichnen."

 

Bis ins hohe Alter hinein war Thielemans aktiv und nahm Alben mit so illustren und unterschiedlichen Jazz- und Popstars wie Bill Evans, George Shearing, Peggy Lee, Nat "King" Cole", Ella Fitzgerald, Oscar Peterson, Jaco Pastorius, Pat Metheny, Shirley Horn, Natalie Cole, Elis Regina, Paul Simon, Billy Joel, Lizz Wright, Madeleine Peyroux, Jamie Cullum und Quincy Jones auf. Letzterer brachte einmal auf den Punkt, was viele Kollegen über Thielemans dachten: "Ich kann ohne mit der Wimper zu zucken sagen, dass Toots einer der großartigsten Musiker unserer Zeit ist. Auf seinem Instrument zählt er zu den besten, die der Jazz je hervorgebracht hat."

 

Erst mit 91 Jahren zog sich Thielemans 2014 aus gesundheitlichen Gründen aus dem aktiven Musikleben zurück. Ein Jahr zuvor war er in Deutschland noch mit einem ECHO Jazz Award für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden. Am 15. August ist Toots Thielmans nun in seiner Geburtsstadt Brüssel im Alter von 94 Jahren verstorben. "Er ist dem hohen Alter erlegen", teilte seine Managerin Veerle van de Poel mit, "er war einfach erschöpft."


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