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15.09.2017

Rita Reys - Europas "First Lady of Jazz"

Die Holländerin Rita Reys konnte es mit Leichtigkeit mit den amerikanischen Kolleginnen aufnehmen. Die ganze Klasse der Sängerin zeigt jetzt eine neue 5-CD-Box.

In ihrer niederländischen Heimat ist die 1924 geborene und 2013 verstorbene Rita Reys dank erfolgreicher Schallplatten und ungezählter TV-Auftritte jedermann bekannt. Im Ausland sind es dagegen eher eingeschworene Jazz-Fans, die sie auf einer Stufe mit internationalen Sängerinnen wie Ella Fitzgerald oder Sarah Vaughan einordnen.

Rita Reys' Talent kam nicht von ungefähr, ihr Vater war Violinist, ihre Mutter Revuetänzerin. Schon als junges Mädchen zeigte sie kraftvolle Stimme und selbstbewusstes Wesen. Sie gewann mehrere Gesangswettbewerbe und trat schon bald mit verschiedenen Orchestern auf. 1943 traf sie den Schlagzeuger Wessel Ilcken, den sie bald darauf heiratete und über den sie zum Jazz kam. Auf Vermittlung des amerikanischen Produzenten George Avakian, der sie bei einem Auftritt in Amsterdam hörte, kam sie nach New York und nahm dort 1956 mit Art Blakey und den Jazz Messengers ihr Debütalbum "The Cool Voice Of Rita Reys" auf.

Nach dem frühen Tod ihres Ehemannes heiratete sie den Pianisten Pim Jacobs, mit dem sie bis zu dessen Tod im Jahre 1996 privat und beruflich ein Duo auf Bühne und Schallplatte bildete. 1960 wurde sie bei einem Auftritt beim Jazzfestival von Juan les Pins als "First Lady of European Jazz" angekündigt, eine Bezeichnung, die an ihr haften blieb. Zu den Preisen die sie in ihrer Heimat erhielt, zählen fünf Edison Awards (der niederländische Grammy) und drei Goldene Schallplatten.

Fünf ebenso großartige wie stilistisch vielseitige Alben der Künstlerin erscheinen nun in der preiswerten Box "5 Original Albums", die digital remastert wurde und mit dem schmucken Original-Artwork auf Stecktaschen-CDs ausgestattet ist.

5 Original Albums, Rita Reys - Rita Reys Meets Oliver Nelson

Rita Reys Meets Oliver Nelson (1965)

Dass Rita Reys sich locker gegen eine ebenso berühmt besetzte wie lautstarke Bigband durchsetzen konnte, zeigt ihr Zusammentreffen mit dem amerikanischen Arrangeur Oliver Nelson. In ihrer leider nur auf Holländisch erschienenen Autobiografie "Lady Jazz" erinnert sie sich an die "grote jongens" der Band und nennt u.a. Art Farmer, Benny Bailey, Ake Persson, Lee Konitz, Sahib Shibab und den Schlagzeuger Stu Martin, vergisst jedoch nicht anzumerken, dass auch ihr eigenes Trio um Ehemann Pim Jacobs mitspielte. Bei den Aufnahmen selbst war Reys noch voller Selbstzweifel: "Es war wunderbar arrangiert und es wurde sehr diszipliniert gearbeitet, aber ich fand, dass sie ziemlich viel Lärm machten". Das Ergebnis konnte sich dann aber hören lassen: "Als wir alles abhörten, sagte Ake Persson zu mir 'Riet, du singst bildhübsch, es ist wirklich sehr schön'. Dann dachte ich: nun ja, es wird wohl gut sein." Recht hatte der legendäre Posaunist!

5 Original Albums, Rita Reys - Rita A Go Go

Rita A Go-Go (1967)

Deutlich lockerer ging es für Rita Reys bei den Aufnahmen zum Live-Album "Rita A Go-Go" zu. Seit 1966 führte sie mit ihrem Mann zusätzlich zu ihren vielen anderen Verpflichtungen den Jazzclub "Go-Go" im nicht weit von Amsterdam entfernten Loosdrecht, einem wegen seiner Binnenseen beliebten Ausflugsort. Natürlich trat sie dort auch regelmäßig selbst auf. Das Album "Rita A Go-Go" wurde im Sommer 1967 mitgeschnitten und Rita swingt dementsprechend sommerliche Songs mit Pop- und Latin-Touch. Ihre Erinnerungen sind amüsant zu lesen: "Das mit dem Club war eine Idee von Pim, da wir dort sozusagen zuhause arbeiten konnten und nicht ständig wegfahren mussten. Ich habe dafür sogar noch extra ein Gastronomie-Diplom gemacht. Anfangs war es sehr schön. Wir spielten fast jeden Abend dort und es kamen auch einige sehr berühmte Leute für Auftritte, wie zum Beispiel Tony Bennett und Mark Murphy. Aber irgendwann wurde es zu anstrengend. Unsere Lizenz ging bis 12 Uhr nachts, und nur für leicht-alkoholische Getränke. Aber einige Leute hatten heimlich Flaschen mit Hochprozentigem in der Tasche und es dauerte oft bis 2, 3 Uhr nachts bis sie gingen. Natürlich hatte das auch die Polizei mitgekriegt und wir liefen Gefahr, die Lizenz zu verlieren. Eines Abends stand ich hinter der Theke und sagte: 'Jungs, jetzt müssen wir nach Hause, andernfalls kriegen wir schlimmen Ärger'. Sagt einer: 'Ja, aber der Kunde ist König'. Ich schaue ihn an und sage: 'Der Kunde ist König, aber ich bin die Kaiserin. Und jetzt raus!' Ein paar Jahre später haben wir den Laden verkauft."

5 Original Albums, Rita Reys - Rita Reys Today

Rita Reys Today (1969)

Beinahe von Anfang ihrer Karriere an war Rita Reys beim renommierten Philips-Label unter Vertrag. Das gönnte seiner Sängerin 1969 mit "Rita Reys Today" etwas ganz Besonderes: eine aufwändige Albumproduktion in London, mit den besten Musikern Englands. Der berühmte Arrangeur Peter Knight, der mit Legenden wie Dusty Springfield und Scott Walker zusammengearbeitet hatte, schneiderte Rita Reys großartige, zwischen Jazz und Showtunes pendelnde Songs wie "On A Clear Day You Can See Forever", "Soon It's Gonna Rain" und "The Look Of Love" auf den Leib. Rita erinnert sich: "Ich habe immer gern mit großen Streichorchestern gesungen. Die verlangen von einer Sängerin in erster Linie, das Stück prächtig zu singen, mit viel Seele. Man kann aber auch ab und zu mal was Verrücktes machen - wenn man aufmerksam hinhört, merkt man, dass ich nicht immer nur an der Melodie klebe".

5 Original Albums, Rita Reys - Relax With Rita and Pim

Relax With Rita & Pim (1969)

Das 1969 erschienene Album "Relax with Rita & Pim" ist eigentlich doppelt geschummelt: zum einen ist es gar kein Album, sondern eine Zusammenstellung von Aufnahmen der Sängerin mit den verschiedenen Formationen ihres Mannes, zum anderen geht es mit so viel Energie zur Sache, dass man kaum zum Relaxen kommt. Rita Reys:  "Das beste Trio, dass wir je hatten, war das Pim Jacobs Trio mit Wim Overgaauw an der Gitarre. Er wurde 1959 Nachfolger des Schlagzeugers Cees See. Ich fand es keinen Verlust, ohne Schlagzeug zu arbeiten. Die meisten Schlagzeuger sind mir zu lebhaft. Sie 'knallen' und zerstören oft viel für einen Sänger. Zumindest wenn ich eine Ballade singe, will ich Ruhe haben. Aber das Trio mit Wim konnte auch hervorragend swingen, es war genau wie das Oscar Peterson Trio mit Herb Ellis. Musikalisch lief da eigentlich alles wie von selbst." Auch hier kommen wieder einige Bossa-Nova-Titel zu Gehör, für die Rita Reys ein außerordentlich gutes Feeling bewies. Für diese Box wurde das Album mit Bonustracks ergänzt, die damals nur auf Single erschienen.

5 Original Albums, Rita Reys - Rita Reys Sings Antonio Carlos Jobim

Rita Reys Sings Antonio Carlos Jobim (1981)

Ein Leckerbissen sind die Aufnahmen Rita Reys' mit Rogier van Otterloo, einem von Orchester- und Bigband-Fans nahezu vergötterten niederländischen Arrangeur. Nachdem beide über alle Maßen erfolgreiche Songbooks mit Liedern von Burt Bacharach, Michel Legrand und George Gershwin aufgenommen hatten, legten sie 1981 ein traumhaft schönes Antonio-Carlos-Jobim-Album nach. Obwohl hier nahezu alle Jobim-Hits zu Gehör kamen, die schon seit Jahrzehnten Standards waren, schafften es die Sängerin und ihr Arrangeur immer wieder, betörend schöne Momente zu schaffen. Otterloos Arrangements, die teilweise deutlich an die des berühmten Claus Ogerman erinnern, zaubern impressionistische Streicherflächen und pointiert hingetupfte Flötenpartien auf tanzenden Bossa- und Samba-Rhythmen.


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