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08.01.2008

Norah Jones gibt Ihr Kino-Debüt!

»My Blueberry Nights« wartet mit einem beeindruckenden Soundtrack auf, der — was bei Wong Kar Wai keine Seltenheit ist — ganz für sich allein stehen kann. Das Album enthält alte und neue Songs, die tief in der US-amerikanischen Kultur verwurzelt sind, und es umfasst so diverse Genres wie R&B, Soul, Rock, Folk und Jazz. Neben einem exklusiven Song von Norah Jones — »The Story« basiert auf ihren Erfahrungen während der Dreharbeiten — sind Songs von Cat Power, Otis Redding, Ruth Brown, Mavis Staples, Amos Lee und Cassandra Wilson zu hören. Außerdem gibt es einige Kostproben der Instrumental-Score-Musik von Ry Cooder.

In einer Filmkritik des Hollywood Reporter anlässlich der diesjährigen Premiere in Cannes, wo »My Blueberry Nights« die 60. Filmfestspiele eröffnete, wurde Jones‘ Leistung als »vielversprechendes Schauspieldebüt« hoch gelobt: »Das Bindeglied hier ist Jones, die diesen unsteten Film mit ihrer tief empfundenen und selbstlosen Performance zusammenhält. Dabei trifft sie stets den richtigen Ton, ohne sich zu wiederholen oder die Dinge zu banalisieren. Ihr Talent als Sängerin, genau zu wissen, wann Gefühle angebracht sind und wann man sie besser zurückhält, überträgt sie gekonnt auf ihre Schauspielerei. Eine bemerkenswert reife Leistung.«

Der Film erzählt von dem beschwerlichen Weg einer jungen Frau, die Liebeskummer durchleidet und sich zu einem Neubeginn überwinden muss. Nachdem sie in einer Beziehung Schiffbruch erlitten hat, begibt sich Elizabeth (Jones) auf eine Reise, die sie quer über den nordamerikanischen Kontinent führt. Sie lässt ein Leben voller Erinnerungen, einen Traum und einen feinfühligen neuen Freund — einen Cafébesitzer (Law) — hinter sich, stets auf der Suche nach Trost für ihr gebrochenes Herz. Während sie sich allerorten mit Kellnerjobs verdingt, freundet sie sich mit Menschen an, deren Sehnsüchte noch größer scheinen als ihre eigenen, darunter ein verstörter Polizist (Strathairn) und seine von ihm entfremdete Ehefrau (Weisz) sowie eine glücklose Spielerin (Portman), die noch eine Rechnung offen hat.

Es sind diese Menschen, durch die Elizabeth die wahren Abgründe von Einsamkeit und innerer Leere erkennt. Ihre eigene Situation begreift sie dadurch bald als Teil einer größeren Reise zu sich selbst. Gedreht an verschiedenen Orten der USA wie New York, Memphis, Nevada, Kalifornien und entlang der legendären Route 66, erzählt der Film diese intime Geschichte um Liebe und Selbstfindung, getragen von Wong Kar Wais typisch farbenreicher Bildsprache und Charakterzeichnung.

»Ich bekam zunächst diesen Anruf, dass Wong Kar Wai nach mir suche«, erinnert sich Norah Jones in ihrem Resümee, wie sie an ihre allererste Filmrolle kam. »Ich wusste nichts über ihn und habe mir erst einmal ‘In The Mood For Love‘ angeschaut. Das war mit das Schönste, was ich jemals gesehen hatte. Weil ich dachte, dass er bestimmt Musik von mir haben wolle, verabredete ich mich mit ihm zum Essen, bei dem er mich fragte, ob ich in dem Film mitspielen wolle.«

»Ich habe Norah durch ihre Musik kennengelernt«, erläutert Wong Kar Wai. »Tatsächlich wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal, wie sie aussieht. Aber ihre Stimme faszinierte mich. Die war so visuell, dass ich mir eine Vorstellung machen konnte. Ich habe von Norah den Eindruck einer ganz natürlichen Schauspielerin, was ihr erlaubt, sich von ihrem Instinkt leiten zu lassen.«

Während der Dreharbeiten fand Norah Jones Zeit, ihr drittes Album für Blue Note aufzunehmen. »Not Too Late« erschien im Januar 2007, hielt sich drei Wochen lang an der Spitze der Billboard Charts und verkaufte sich weltweit über vier Millionen Mal. Ursprünglich war man überein gekommen, dass die mehrfache Grammygewinnerin keine Songs zu dem Soundtrack des Films beisteuern würde und sich ganz aufs Schauspielen konzentrieren solle. Doch in letzter Minute entschied sich Wong anders.

»Er fragte mich, ob ich nicht doch Songs hätte, die zum Soundtrack passen. Tatsächlich gab es da diesen Song, den ich um sechs Uhr morgens geschrieben hatte, und zwar als ich nach Dreharbeiten in New York nach Hause kam und noch nicht müde war«, erinnert sich Norah. »Ich ging ins Klavierzimmer, das nach Osten heraus liegt, und beobachtete, wie die Sonne aufging. Ein wunderschöner Moment. So schrieb ich an diesem Morgen diesen Song, sehr schnell, aus dem Bauch heraus. Als er mich also nach Songs fragte, machte dieser wirklich Sinn, weil er von meiner Erfahrung in dem Film beeinflusst worden war.«

In »The Story« — der sowohl im Vorspann des Films als auch als Opener des Soundtracks zu hören ist — erörtert Norah ihre stillen Bedenken als Schauspieldebütantin (»I don’t know how to begin«) sowie über Wongs notorischen Improvisationsstil, der das Drehbuch nicht selten spontan ändert (»I don’t know how it will end«). Es ist der einzige exklusive Song auf einem Soundtrack, der sich über weite Strecken aus einer Mischung zeitgenössischer und klassischer amerikanischer Songs speist und auf deren Auswahl Norah Jones auch Einfluss genommen hat.

»Bevor wir mit dem Drehen begannen, hat mich Wong gefragt, ob ich nicht ein paar Ideen für die Musik hätte. Er gab mir einen Stapel Photographien von seinem Location-Scout und sagte, dass ich passend zu den Bildern ein wenig Musik aussuchen solle. Ich entschied mich für Stücke, die ich ohnehin liebte und die sich gut da hineinzufügen schienen. Schließlich hörten wir viel von dieser Musik während der Dreharbeiten. Wong nutzte sie, um Stimmung zu erzeugen oder das richtige Timing zu finden.«

Wong Kar Wai schreibt in den Linernotes: »Um zu verstehen, wie Elizabeth von einem zum anderen Ozean reist, habe ich diese lange Reise ebenfalls gemacht, und zwar dreimal — auf drei verschiedenen Routen von New York nach Santa Monica. Meile um Meile verschmolzen dabei der Blick aus dem Autofenster und die Musik aus der Stereoanlage auf unerwartete Art und Weise und prägten meine frühe Vorstellung von der Beschaffenheit des Herzens Elizabeths. Diese Reisen haben nicht nur der Geschichte von My Blueberry Nights Form gegeben, sondern auch dem Soundtrack.«

Wong hat schon einige Male amerikanische Musik in seinen Filmen verwendet — man denke nur an »California Dreamin‘« von The Mamas and The Papas aus seinem 1994er »Chungking Express« — und amerikanische Klassiker als Kontrast zu den Bildern von Hong Kong gesetzt, eine Technik, die auf wundersame Weise die Einsamkeit und die Sehnsucht der Charaktere zum Ausdruck brachte.

Auf »My Blueberry Nights« geht die Musik indes Hand in Hand mit der Umgebung und passt sich perfekt an die Landschaften und emotionalen Topographien des Films an. Mögen die Songs auch verschiedenen Genres entstammen und die unterschiedlichsten Perspektiven eröffnen, sie alle drehen sich um Liebe und deren Verlust aus den, sei es Cassandra Wilsons raumgreifend traumwandlerische Aufnahme von Neil Youngs »Harvest Moon«, Mavis Staples‘ hinreißende Interpretation des Traditionals »Eyes On The Prize« oder Cat Powers bittersüße Variation auf Memphis Soul, wie sie ihn in »Living Proof« und »The Greatest« zelebriert (was Chan Marshall, so ihr bürgerlicher Name, zudem einen Cameo-Auftritt in dem Film bescherte).

Amos Lee, einer der begabtesten Songwriter unter den jungen Blue-Note-Künstlern, lotet in »Skipping Stone« ebenfalls die schmerzlichen Seiten von Liebesgeschichten aus, wobei sein lakonisches Resümee (»Lovers will come/Lovers will go«) dem Charakter der Hauptfigur zu entsprechen scheint. Die beiden Soulklassiker »Try A Little Tenderness« von Otis Redding und »Looking Back« von Ruth Brown untermalen eine der wohl bittersten Episoden des Films: die in Memphis angesiedelte, tragische Story eines alkoholabhängigen Cops, der verzweifelt um die Liebe seiner Frau kämpft, die schon längst ein neues Leben begonnen hat.

So wie Norah Jones das Bindeglied zwischen den Handlungssträngen ist, so baut Maestro Ry Cooder (»Paris, Texas«, »Buena Vista Social Club«) mit seinen Roots-Rock-Miniaturen die musikalischen Verbindungen, die die räumliche und emotionale Tiefe des Films durchdringen. Mit »Ely Nevada«, »Long Ride« und »Busride« gibt es drei Musterbeispiele seiner instrumentalen Kunstfertigkeit, die jedem Roadmovie zur Ehre gereichen würden. Den argentinischen Komponisten und Oscarpreisträger Gustavo Santaolalla (»Brokeback Mountain«, »Babel«) konnte Wong Kar Wai ebenso für einen wunderbaren musikalischen Beitrag gewinnen: »Pajaros«. Und mit »Yumeji’s Theme« von Chikara Tsuzuki greift der Regisseur noch einmal auf ein vertrautes Motiv zurück, das man auch schon aus seinen letzten Filmen kennt. Ganz so, als wolle er noch einmal seine ganz persönliche Signatur unter einen Soundtrack setzen, der sich nahtlos in das schillernde Gesamtwerk dieses außergewöhnlichen Filmkünstlers reiht.
Alle Infos zum Film unter www.myblueberrynights.de


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