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23.09.2005

Jazzoriginale zum Mid-Price

Various Artists, Jazzoriginale zum Mid-Price

In diesem Herbst fallen nicht nur die Blätter, sondern auch die Preise einer ganzen Reihe von CDs, von denen wir meinen, daß sie in einer gutsortierten Jazzsammlung nicht fehlen dürften. Ab dem 20. September werden zwanzig Alben aus dem Verve- und Impulse!-Katalog vorübergehend zum Mid-Price (unverbindliche Preisempfehlung: 6,90 Euro) angeboten. Jazzsammlern bietet sich so eine hervorragende Gelegenheit, für wenig Geld ein paar Lücken in ihrer CD-Kollektion zu schließen.

Im Rahmen dieser Aktion werden nicht nur alte Klassiker von Duke Ellington und Bill Evans über Stan Getz und Dizzy Gillespie bis hin zu Sonny Rollins und Lester Young offeriert, sondern auch einige Einspielungen etwas neueren Datums von Herbie Hancock, Joe Henderson, Shirley Horn und Diana Krall. In dieser und den beiden kommenden Wochen stellen wir die zwanzig Alben hier vor.

Benny Carter - Further Definitions
Es ist diese merkwürdige Mischung aus Alt und Neu, die den Reiz der acht Titel dieses 1961 eingespielten Albums ausmacht. Bekannte Themen aus der Jazzgeschichte bildeten dabei die Grundlage für moderne Arrangements und erfrischende Soli. Die Band bestand aus vier Traditionalisten - Altsaxophonist Benny Carter, Tenorist Coleman Hawkins, Gitarrist John Collins und Schlagzeuger Jo Jones - sowie den vier Modernisten Phil Woods (Altsax), Charlie Rouse (Tenorsax), Dick Katz (Piano) und Jimmy Garrison (Baß). Letztere erstarrten nicht in Ehrfurcht, sondern lieferten den Beweis, daß sie trotz ihrer Jugend schon ein eigenes Profil besaßen. Bei Intimkennern der Jazzgeschichte wecken diese Aufnahmen durch die Instrumentierung sicherlich auch Erinnerungen an eine andere Session, die Carter und Hawkins 1937 in Paris mit den französischen Saxophonisten André Ekyan und Alix Combelle sowie Gitarrist Django Reinhardt gemacht hatten. Die Leichtigkeit, mit der Benny Carter seine Improvisationen durchlief, strahlte auf die anderen Solisten ab: Alle begeisterten sich für die Ideen von Benny Carter, umspielten die Themen, klebten nicht an komplexen Harmonien, sondern wandelten sie spielerisch in einen moderneren Ansatz um. Auf diese Weise wurden die alten "Schlachtrösser" aus den 30er Jahren ("Honeysuckle Rose", "Crazy Rhythm" und "Cotton Tail") zu modernen Kostbarkeiten - wie Schmuckstücke, die man nach jahrelangem Vergessen aus der Schublade geholt hatte und durch Aufpolieren neuen Glanz verlieh. Auch der Humor kam nicht zu kurz: Man höre nur Jo Jones' Solo im Titel "Cotton Tail"!

Coleman Hawkins & Ben Webster - Coleman Hawkins Encounters Ben Webster
1957 trafen sich in Hollywood zwei Tenorsaxophonisten der Extraklasse zu gemeinsamen Aufnahmen: Coleman Hawkins und Ben Webster. Die beiden stilprägenden Musiker konten zu diesem Zeitpunkt schon auf eine beispielhafte Karriere zurückblicken und ihre ganze, gereifte Souveränität im Zusammenspiel zum Ausdruck bringen. Zur Seite stand den beiden Giganten damals das Oscar Peterson Quartet mit Gitarrist Herb Ellis, Bassist Ray Brown und Schlagzeuger Alvin Stoller.

Duke Ellington & Johnny Hodges - Play The Blues Back To Back
In dem Altsaxophonisten Johnny Hodges hatte der Pianist, Komponist und Bandleader Duke Ellington einen kongenialen musikalischen Partner gefunden, mit dem er immer wieder zusammenarbeitete. "(Play The Blues) Back To Back" ist ohne Zweifel eines der besten Alben, die Ellington mit einem kleinen Ensemble eingespielt hat. Gemeinsam mit Hodges, Trompeter Harry "Sweets" Edison, Gitarrist Les Spann, den Bassisten Sam Jones und Al Hall sowie Schlagzeuger Jo Jones widmete der Duke sich hier ganz dem swingenden Blues.

Bill Evans - Alone
Im Begleittext zu "Alone" schrieb Bill Evans 1968, wie ihn das "Gefühl, mit sich selbst im Einklang zu sein" überkam, als er sein erstes Piano-Soloalbum einspielte. Der Pianist hatte zuvor auf den Alben "Conversations With Myself" (1963), und "Further Conversations With Myself" (1967) das kühne Experiment gewagt, per Overdub-Verfahren mit sich selbst im Trio zu spielen, war also sozusagen im Dreiklang mit sich selbst gewesen. Bei den Aufnahmen für "Alone" verzichtete er auf diesen technischen Kunstgriff und präsentierte sich erstmals wirklich als Solist. Die damals mitgeschnittenen Vierspurbandaufnahmen wurden für die CD vollkommen neu abgemischt. Die CD-Wiederveröffentlichung enthält außerdem sieben Bonus-Tracks, die auf der Original-LP nicht enthalten waren.

Stan Getz - Focus
Ein etwas ausgefallener Klassiker in der Stan-Getz-Diskographie ist das 1961 eingespielte Album "Focus", auf dem sich der Tenorsaxophonist mit Streicherbegleitung präsentierte. Getz erwies sich hier als meisterlich Grenzgänger zwischen klassischer Musik und Jazz. Die atemberaubenden Arrangements stammten von dem recht unbekannt gebliebenen, aber exzellenten Eddie Sauter.

Dizzy Gillespie - Sonny Side Up
Sportive Tenorsax-Battles haben im Jazz eine weit zurückreichende Tradition. Daß der musikalische Austausch zwischen zwei Tenorsax-Größen auch auf weniger kompetitiver Basis hervorragende Ergebnisse zeitigen kann, beweisen diese Aufnahmen, die Sonny Rollins und Sonny Stitt 1957 mit Dizzy Gillespie machten. Hier siegten die Musik und der Ideenreichtum der Protagonisten über den rein sportlichen Wettbewerb.

Herbie Hancock - The New Standard
Auf seinem vor kurzem erschienenen Album "Possibilities" unternahm der experimentierfreudige Pianist und Keyboarder Herbie Hancock mal wieder einen gelungenen Abstecher in die Popmusik. Etwas ähnliches, wenngleich mit ganz anderen Mitteln, hatte er schon einmal auf seinem 1996 veröffentlichten Album "The New Standard" gewagt. Gemeinsam mit einem All-Star-Ensemble (Michael Brecker, John Scofield, Dave Holland, Jack DeJohnette, Don Alias und Arrangeur Bob Belden) bearbeitete Hancock damals Stücke von den Beatles, Stevie Wonder, Prince, Nirvana, Peter Gabriel, Sade, Simon & Garfunkel, Don Henley und Steely Dan und verpaßte ihnen dabei weit mehr als nur einen pseudojazzigen Neuanstrich - mitunter so gründlich, daß der nicht mit den Wassern des Jazz gewaschene Popfan Gefahr laufen konnte, vor lauter improvisatorischen und harmonischen Haken den Weg zum Original nicht mehr zu finden.


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